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19.11.2011 14:00 — Jan Amstutz

Otaku – über einen Modebegriff

Wir wissen natürlich alle, was Otakus sind: Sie sitzen zu Hause herum, sammeln Games, Mangas, Animes und am Wochenende versammeln sie sich alle auf einer Messe und wuseln mit süßen Cosplay-Kostümen herum. Genau wie wir Nerds, nur ausgeflippter halt!

Wirklich?

Der Begriff Otaku hat sich besonders in der amerikanischen Nerd-Kultur und Gamer-Szene längst zum Kultwort gemausert. In Japan hingegen bewirkte die Benutzung des Wortes lange ein etwas flaues Gefühl. Man verband (und verbindet damit teilweise immer noch) sehr stark das Klischee der erwachsenen gewordenen Verlierer. Die Bedeutung von Otaku ist Haus oder Wohnung. Vielleicht sehen deshalb viele Japaner beim Auftauchen des Wortes stets vor sich einen über- oder untergewichtigen Mittdreißiger, eingeschlossen in einem mit Poster zugeklebten und Figuren zugestellten Zimmer. Der Stereotyp also, den man sich unter dem Begriff vorstellt.

Die Besucher der 77. Comiket (Winter 2009) in Tokio, aufgeteilt nach Geschlecht. Entgegen dem weit verbreiteten Klischeebilds des männlichen Otakus kommen Forscher meist zum Schluss, dass Frauen rund die Hälfte der Otakus ausmachen. Innerhalb der Otaku-Szene gehen die Interessen jedoch erneut stark auseinander.

Interessanterweise hat der Umgang mit dem Wort Otaku im Westen auch in Japan eine gewisse Veränderung bewirkt. Heute ist vielen Japanern bewusst, dass man bei uns mit dem Begriff nicht nur Negatives verbindet. Vielleicht wurde diese Erkenntnis verstärkt durch die Begeisterung und das Interesse vieler westlicher Besucher für Videospiele und Mangas. Sicherlich grenzen sich die meisten Japaner noch immer bewusst vom Otaku-Begriff ab und wollen nicht so wahrgenommen werden. Trotzdem trifft man auch ab und zu Leute, die sich offen und in manchen Fällen – zumindest Ausländern gegenüber – sogar mit einem gewissen Stolz als Otakus bezeichnen.

Das amerikanische Manga- und Anime-Magazin Otaku USA erscheint seit 2007 alle zwei Monate.

Nun soll es aber in diesem Beitrag nicht hauptsächlich um die Otakus an sich gehen, denn das meiste davon dürfte Euch schon bekannt sein. Vielmehr werde ich mich mit einigen Untergruppen der Otaku-Kultur befassen. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen, dass man diese Unterteilungskategorien nicht etwa als Gruppierungen oder in sich geschlossene Subkulturen wahrnehmen sollte. Eher handelt es sich dabei um Beschäftigungen, denen manche Otakus nachgehen. Auch den Begriff Otaku selbst sollte man jedoch keinesfalls als geschlossene Gruppe betrachten. Genau wie beim Nerd-Begriff liegt das Ganze im Auge des Betrachters und kann nicht klar definiert werden. Es gibt Leute, die von allen als Otaku angesehen werden, sich jedoch selbst nicht als solchen verstehen. Auch werden heute manchmal auch Interessengruppen, die viel Zeit abseits der klassischen Otaku Tätigkeiten zu Hause verbringen als Otakus bezeichnet.

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Tetsudo Otaku

Am Hauptbahnhof in Yokohama wartete ich mit einem Kumpel auf den Zug , als ich sie das erste Mal gesehen habe: Auf dem Bahnsteig gegenüber hatte sich eine grosse Menschenmenge versammelt. Die Leute dort sahen überwiegend ziemlich normal aus, wenn auch viele große Kameras mit sich trugen. Die meisten von ihnen hatten sehr professionelles Material, fast alle Kameras standen auf großen Stativen und man sah auch einige ziemlich beeindruckende Mikrophone.

Ich fragte also meinen Freund, was da los sei. Ein wenig ging ich davon aus, diese Leute wären alle Reporter und auf der Plattform gegenüber würde gleich eine bekannte Persönlichkeit aus einem Zug steigen. Doch der Freund lächelte nur: "Tec-Chan" meinte er fast liebevoll und doch mit einem etwas herablassenden Blick nach drüben. Er sagte, bald würde ein neuer Zug Typ Yokohama durchqueren und all die Leute wären gekommen um ihn zu sehen, zu fotografieren und aufzunehmen.

Auch manche ältere Zugmodelle sind sehr beliebt. Tetsudo Otakus versuchen, wann immer es möglich ist, bei der Einweihung neuer Zug-Modelle und der Verabschiedungszeremonie älterer Exemplare anwesend zu sein.

Schokoladenmuffins in Form von Lockomotivenkohle. "This is so Akiba", meinte eine Bekannte von mir, mit der ich dies entdeckt habe.

Tetsudo Otakus interessieren sich für alles, was mit Zügen zu tun hat. Vielleicht kann man hierzulande Modelleisenbahnfans mit Tecchans vergleichen. Modelle machen jedoch nur einen eher kleinen Teil der Tetsudo-Szene (bzw. Tetsuko für Frauen) in Japan aus. Die vier Hauptkategorien, oder vielleicht besser ausgedrückt "Hauptvorlieben" der Tetsudo, sind viel simpler:

  • Nori-tetsu mögen das Zugfahren an sich.
  • Tori-tetsu machen Fotos von Zügen.
  • Oto-tetsu nehmen die Geräusche der Züge auf
  • Ekiben-tetsu spezialisieren sich vor allem auf die O-Bentos (Lunchboxen), die es in den Zügen zu kaufen gibt.

Der Shinkansen JR 800. Die Hochgeschwindigkeitszüge-Shinkansen gehören zu den beliebtesten Modellen der Tetsudo Otakus.

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Figure Moe Zoku

Die durchaus beeindruckende Figuren-Sammlung von Mukyaa.

Die meisten japanischen Otakus sind wohl ein wenig Moe Zoku. Videospiel-Protagonisten und Manga-Charaktere als Figuren zu sammeln ist sehr typisch für die japanische Nerd-Kultur. Während jedoch westliche Besucher in Akihabara und Konsorten am meisten an coolen Final-Fantasy- oder Solid-Snake-Statuen interessiert sind, findet der Großteil der echten Moe Zokus vor allem Gefallen an weiblichen Charakteren aus Mangas, Animes und Renai’ai Games (Hentai Games) – weibliche, oftmals kindliche Figuren also, die meist leicht bekleidet sind.

Die Charaktere des im Original als Visual Novel erschienenen Clannad erfreuen sich auch unter Moe Zoku Otakus sehr großer Beliebtheit. Auf den beiden Bildern sieht man den hohen Wiedererkennungswert der Figuren. Bei den meisten Figuren sind einige Gelenke beweglich und man hat die Möglichkeit, die Gegenstände in den Händen auszutauschen. Auch Accessoires sind keine Seltenheit und ganz allgemein zeichnet sich diese Art von japanischen Figuren durch eine enorme Detailverliebtheit aus.

Nicht zuletzt durch die Vorliebe vieler Moe Zokus für weibliche und kindliche Figuren bekam in Japan das Sammeln von Figuren einen etwas schlechten Ruf. Das Bild dieses Teils der Otakus wurde stark geprägt von den Massenmedien. Einige Fälle von Schwerverbrechen, in denen einzelne Figure Moe Zokus Morde und Entführungen an Kindern begangen haben sollen, wurden von den Medien stark aufgeschaukelt. Aufgrund der Taten einzelner wurden alle Figure Moe Zokus in ein sehr negatives Licht gerückt. Hinzu kam, dass in den Medien auch Mörder und Vergewaltiger als Moe Zokus bezeichnet wurden, die gar nie Figuren gesammelt hatten. Die japanischen Medien verwechseln außerdem noch immer recht oft die Begriffe Figure Moe Zoku und Lolicon - doch dazu später mehr.

Neuere Version aus Crysis Core einer Cloud-Strife-Figur – die Dinger können auch richtig geil sein!

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Itasha

Der größte Vorteil Den Den Towns in Osaka gegenüber Akihabara in Tokio ist lustigerweise der Parkplatz. Denn während mir in Akihabara keine richtig großen Parkplätze bekannt sind, verfügt das Otaku Viertel Osakas über einen sehr großen Parkbereich, in dem es so einiges zu bewundern gibt. Beispiele:

Wer würde Mario oder Kingdom Hearts nicht auf seinem Wagen wollen?

Itasha bezeichnet Automobile, deren Karosserie mit Manga-, Anime- oder Computerspiel-Charaktere geschmückt sind. Itasha ist eine der momentan sehr beliebten Formen des Otaku-Kults. 2007 fand in Ariake nahe der Comiket erstmals der Autosalone statt. Dabei handelt es sich um eine sehr große Convention, die sich ausschließlich um Itashas dreht. Auch im japanischen Motorsport tauchen mehr und mehr mit Manga-Mädchen bemalte Fahrzeuge auf. In Rennspielen wie Forza Motorsports 2 und Gran Turismo 5 kommen ebenfalls Itashas vor:

Gran Turismo Square-Enix-Modell eines Fans.

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Gunji Otaku

Mecha- und Militär-Universen wie Gundam, Neon Genesis Evangelion oder hier im Bild Full Metal Panic sind unter Gunji Otakus sehr beliebt. Von Full Metal Panic wurden im Westen vor allem die Manga- und Anime-Serien bekannt. Im Original ist die oftmals humorvoll gestaltete Serie jedoch als Light Novel erschienen, ein illustrierter Roman also.

Gunji Otakus sind vernarrt in alles, was mit Militär zu tun hat. Waffenmodelle, Panzertypen, Taktiken, Strategien, Pläne, Militärgeschichte oder eben auch Fiktion über alles, was mit Armeen zu tun hat. Während in Europa und vor allem den USA Waffenvernarrtheit und ein gewisser Militärfanatismus besonders in konservativen Kreisen nichts Besonderes sind, gilt es in Japan beispielsweise als enorm schwierig, in den Besitz einer Schusswaffe zu gelangen.

Vielleicht wirkt es deshalb oftmals etwas belustigend, Erwachsenen dabei zuzusehen, wie sie begeistert Luftgewehre in Geschäften bewundern oder an Paintball-Ausrüstungen herumhantieren. Neben dem Sammeln von Militärmaterial treffen sich Gunji Otakus oftmals in den Wäldern eines Paintball-Geländes, um in den Krieg zu spielen. Natürlich spielen wir auch Paintball in Europa, diese Jungs in Japan jedoch nehmen das viel ernster.

Meine Kumpels vor dem Gefecht. Die Strategie ist besprochen und die Pläne der Umgebung längst studiert.

So ist das Eingraben für einen Hinterhalt oder langes Warten auf den "Feind" keine Ausnahme. Essen aus dem Notkocher sorgt für die richtige Atmosphäre. Nicht selten wird mit Headsets kommuniziert – in etwas belustigend klingendem Englisch-Japanisch. Das Spiel wird sehr ernst genommen und verbissen zu Ende geführt, außer es beginnt zu regnen. Dann wird abgebrochen – ich war dabei.

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Wota und Idol Otaku

AKB48 ist momentan die wohl angesagteste Girl Group in Japan. Über die Qualität der Titel lässt sich sicherlich streiten. Seit 2009 hatte die "Band" jedoch neun Titel auf dem ersten Platz der japanischen Single Charts. Ursprünglich waren 48 Mädchen für die Band geplant, momentan soll die Band um die 60 Mitglieder haben. AKB48 tritt täglich in Akihabara auf, vor dem Gebäude der Band stehen sie dann immer in Massen herum: die Idol Otakus.

Einer meiner Freunde in Japan ist ein enorm seriöser Typ. Er trägt eine Brille, ist meistens schlicht angezogen und wirkt oft etwas angespannt. Er arbeitet als Programmierer und schreibt in seiner Freizeit Drehbücher – dass er damit einmal berühmt wird, traut er sich aber nicht so ganz zu. Als einer der wenigen Japaner, die ich kenne, interessiert er sich von Herzen für Politik und Umweltthemen. Seine Persönlichkeit erfährt jedoch eine Veränderung um 180°, sobald er etwas angetrunken ist. Plötzlich redet er nur noch über Otaku-Themen und Hentai-Sachen. Zu einer solchen Situation kam es auch einmal in einer Karaoke Box mit einigen anderen Freunden. Obwohl ich dachte, er könne mit nichts mehr überraschen, sang er mit geschlossenen Augen ohne ein Stocken und voller Emotion dieses Lied:

Idol Otaku ist einer der momentan sehr populären Zweige der Otaku Kultur. Nicht zuletzt dank AKB48 und Konsorten erfreut sich der Kult um die Popsternchen großer Beliebtheit. Bilder und Poster werden gesammelt und nicht selten wird jedes Konzert besucht. Die verrücktesten Fans in der westlichen Pop-Welt sind vor allem Mädchen im Teenageralter. In Japan hingegen sieht man auch, jedoch keinesfalls ausschließlich, viele erwachsenen Männer, denen man solches nicht zutrauen  würde.

Sicherlich ein übertriebenes und klischeehaftes Bild. Aber: Idol Fans, die genau so seriös aussehen und erwachsen sind, gibt es in Japan wirklich zuhauf.

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Lolicon

Ich wollte zuerst einen nüchternen Artikel darüber schreiben. Ich wollte erklären, wie anders das Verhältnis zwischen erwachsenen Männern und Mädchen in Japan ist. Ich wollte erwähnen, dass selbst Kinderpornographie in Japan erst im Jahr 2000 ganz klar verboten wurde. Und ich wollte darauf hinweisen, dass es Leute gibt, die behaupten, durch das Ausleben pädophiler Fantasien in fiktiven Medien könne der Wunsch nach "echter" Wahre gestillt werden. Doch das alles klingt zu sehr nach einer Verteidigung von etwas, das ich lieber nicht vertreidigen möchte.

Wenn man über längere Zeit in einer so fremden Kultur wie der japanischen lebt, lernt man sehr schnell Dinge, die man nicht versteht, trotzdem zu tolerieren. Lolicon gehört jedoch wohl zu jenen Dingen, womit bei den meisten Europäern und Amerikanern die Grenze des Akzeptierbaren erreicht werden dürften. Ich möchte nicht darüber werten, sondern nur zum Ausruck bringen, wie unverständlich mir dieser Zweig der Otaku-Kultur bleibt. Die Bilder hier stellen übrigens nur eine leichte Andeutung dessen dar, was ich beschreibe.

Ein Kumpel von mir in Tokio stammt aus Costa Rica. Wir sind beide sehr interessiert an Comics, Fantasy-Zeug und Computern, er mag außerdem Spielekarten und ich Videospiele. Beide also ziemliche Otakus – irgendwie. Im Sommer hatten wir gleichzeitig Ferien, wir haben viel zusammen unternommen, aber irgendwann war das Geld für größere Reisen alle. Also sagten wir uns, lass nach Akihabara gehen und einfach in jedem Geschäft jedes Stockwerk angucken. Klingt nach einer coolen Idee, oder?

Nach zwei Tagen haben wir dann jedoch herausgefunden, dass dies aus zwei Gründen unmöglich ist. Der erste war auch etwas erfreulich: Wegen der schieren Anzahl an Geschäften mit vielen Etagen würden wir innerhalb der Ferien nicht fertig werden. Der zweite, schwerer wiegende Grund war jedoch negativer Natur: Ekel.

Wir wussten, dass es richtig viel perverses Zeug in Akiba gibt, wurden jedoch trotzdem überrascht. Ich habe kein Problem mit Manga-Pornos oder Computerspielen mit pornografischem Inhalt. Auch wenn mir die Vorstellung etwas schwerfällt, wie man an nackten Manga-Charakteren beim Geschlechtsverkehr Gefallen finden kann, finde ich es schlimmstenfalls etwas belustigend, dass es scheinbar viele Japaner tun. Man findet auch oft Hentai-Mangas und -Animes mit ausschließlich homosexuellem Inhalt (Yaoi bzw. Yuri). Auch darüber kann man hinwegsehen, schliesslich ist es eine logische Schlussvolgerung aus dem anderen Hentai-Kram. Übel wurde mir erst bei all dem Lolicon-Zeug. Es gibt dabei keine Grenzen, meist geht es um etwa zehn bis dreizehn Jahre alte Mädchen, finden kann man jedoch auch alles andere: Kleinkinder, nur Jungs, nur Mädchen. Die Doujin-Zeichner, also die Hobby-Zeichner, halten sich dabei auch nicht an die in Japan ansonsten vorgeschriebene Zensur der Geschlechtsteile. Es gibt auch Bildersammlungen auf Datenträgern zu kaufen, wo vorpupertäre Mädchen in Unterwasche posieren. Das verrückte daran ist die Menge der angebotenen Artikel. Schließlich müsste man diese Inhalte am Zoll der meisten europäischen Ländern zumindest abgeben, wenn nicht gar schlimmeres.

Wie bereits eingangs erwähnt, sind natürlich die verschiedenen beschriebenen Kategorien teilweise stark mtieinander verknüpft. Gerade deshalb ist es wichtig sich auch der Lolicons bewusst zu sein. Dadurch werden irgendwie auch die mittelalterlichen Herren in der Idol Otaku Szene oder die Sammler von Figuren kleiner Mädchen ein wenig verständlicher.

Japan ist verrückt, meistens ist genau das jedoch das Coole daran. =)

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15.10.2011 12:00 — Jan Amstutz

Der seltsame Mann im türkisgrauen Anzug

Ein verrückt lächelnder Kerl sitzt in einem etwas zu typisch japanischen Firmenmitarbeiteranzug inklusive Krawatte an einem langweiligen Schreibtisch. Es könnte eine alltägliche Szene im japanischen Arbeitsalltag sein, doch dann bemerkt man dieses Ding, das er in der Hand hält – dieses NES-Gamepad.

Das schüchtern-scheinheilige Lächeln eines Entertainment-Profis, der an der Erinnerungswelt einer ganzen Gamer-Generation (wortwörtlich) herumspielt.

Einige von Euch kennen ihn vielleicht: Wir haben Shinya Arino vor uns. Er ist Mitglied des Comedy Duos Yoiko aus Osaka und außerdem  bekannt als der Retro Game Master. In seiner Fernsehserie GameCenterCX versucht er immer wieder, ihm gestellte Aufgaben in Videospielklassikern in einem gewissen Zeitfenster zu lösen. Meist geht es dabei um NES- und SNES-Titel. In vielerlei Hinsicht verkörpert er die Liebe der Japaner zu der guten alten Retro-Zeit. Allein die Existenz des Formats seit 2003 auf dem bekannten Netzwerk Fuji TV spricht schon für eine in unseren Gefilden kaum vorstellbare Leidenschaft für die Pixel-Erinnerungen aus der Kindheit. Außerdem ist Arino kein außergewöhnlich guter Spieler und es geht in der Show auch nicht darum, in den Spielen Dinge zu erreichen, welche die meisten anderen nicht auch schaffen würden. Vielmehr geht es wohl um das nostalgische Gefühl, jemandem bei einer Tätigkeit zuzusehen, der man vor vielen Jahren nachgegangen ist.

Der Retro Game Master versucht sich an Metroid:

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Seite 2: Liebe zu Videospielen, ja. Aber wieviel?

Seite 3: Nostalgica
Seite 4: Das Zockerparadies auf Erden

Liebe zu Videospielen, ja. Aber wieviel?

Alle Japaner lieben Videospiele. Dieses Klischee ist weit verbreitet. Ich bin mir manchmal nicht ganz sicher, ob dies genauso stimmt. Natürlich sind in Japan Videospiele viel enger mit der Pop-Kultur verflochten als im Westen. Außerdem sind sie ein fester Bestandteil der Wirtschaft des Landes. Gleichzeitig nehme ich jedoch manchmal eine gewisse Müdigkeit wahr. Dem oben genannten Klischee würde ich deshalb gerne etwas Kleines hinzufügen: Japaner lieben alte Videospie.

 

Es ist, was man denkt, was es ist: Ein Zockersessel aus NES-Spielen.

Früher - als alles noch gut war

Es ist in der Tat schwer, einen Japaner oder eine Japanerin unter 40 zu treffen, mit dem/der man sich überhaupt nicht über Videospiele unterhalten könnte. Ich war neulich mit Freunden im Izakaya, also in einer traditionell japanische Kneipe mit richtig viel und gutem Essen. Als dann alle ebenso ordentlich angetrunken wie munter herumgesessen sind, haben wir auf einmal  zusammen das Mario-Theme gesummt. Irgendwer hatte einfach damit angefangen. Das alles, obwohl sich wahrscheinlich die wenigsten der Gruppe selbst als besonders videospieleinteressiert beschrieben hätten. In solchen Situationen findet man sich in Europa wohl nur einer Gruppe ziemlicher Nerds wieder. Fast alle hier in Japan erzählen gerne von ihren Lieblingsspielen, von Abkürzungen im ersten Mario Kart-Teil oder besonders fies versteckten Schätzen in diversen Final Fantasy- und Dragon Quest-Teilen. Es klingt meistens so wie längst verblasste Erinnerungen aus einer anderen Zeit. Wenn ich jedoch beispielsweise meine Begeisterung für neu erschienene Titel zum Ausdruck bringe oder über die aktuellen Entwicklungen auf dem Videospiele-Markt fachsimpeln will, winkt der Durchschnittsjapaner müde ab. Mich hat das sehr erstaunt, schließlich geht man bei uns oft davon aus, dass sich an der Videospielevernarrtheit der Japaner überhaupt nichts geändert hätte.

 

Je nach Alter und "Videospielemarkenfamilienherkumft" vermag man hier so manchen Helden oder Fiesling vergangener Tage zu erkennen.

Das aktuelle Geschehen scheint viel weniger zu interessieren als das Vergangene. In der gesamten Otaku-Szene war im Zweifelsfalle früher alles besser. Mir wird immer wieder erzählt, die richtig große Zeit für Manga- und Anime-Fans sei vor der großen Wirtschaftskrise in Japan gewesen. Die Rede ist von einem goldenen Zeitalter bis in die frühen Neunziger hinein, wo jeden Monat dutzende geniale Mangas veröffentlich worden seien. Heute sei kein Geld mehr für so viel Neues vorhanden, wird als Hauptgrund genannt. Oft wird wehmütig zurückgedacht an diese Jahre, welche die erfolgreichsten und besten Animefilme des Studi Ghibli, Serien wie Gundam, Dragon Ball oder Slam Dunk und viele andere der bis heute populärsten Manga- und Anime-Titel hervorgebracht haben. Bei den Videospielen nehme ich oft die gleichen Gefühle wahr. Man vertraut in Japan nicht mehr wirklich auf die Stärke der eigenen Videospiele-Industrie. Handhelds und auch Automatenspiele erfreuen sich zwar nach wie vor großer Beliebtheit, das klassische Zocken zuhause vor dem TV Bildschirm ist jedoch genauso außer Mode gekommen, wie es die Konsolenverkaufszahlen vermuten lassen. Die erfolgreichen Neuentwicklungen der letzten Jahre lassen sich an einer Hand abzählen, besonders wenn man eben von Handheldspielen absieht.

Liste der 50 Bestverkauften Videopiele in Japan aller Zeiten (Stand 2009). PS3-Spiele sucht man vergeblich, daran dürfte sich nichts geändert haben. Selbst in der PS2-Generation schafften es nur die Mega-Hype-Serien von Square Enix in die Liste. Alles andere wird dominiert von älteren Titeln und Handheld-Spielen. Im westlichen Markt führen Titel der neusten Konsolengeneration solche Listen an.

Auch wenn man bei den Videospielen keine so klare Verbindung zum Ende des Wirtschaftaufschwungs zieht wie bei den Mangas, ist man dennoch fest davon überzeugt: Die besten Tage für Fans japanischer Videospiele sind vorbei. Natürlich ist dies sehr subjektiv und es gibt sicher etliche Japaner, die dies anders sehen. Außerdem spielen bei der Verschiebung von der Konsole auf das Handheld etliche andere Faktoren eine Rolle: Beispielsweise sind viele japanische Wohnungen zu klein für zwei Fernseher. Deshalb ist es gerade für Eltern einfacher, ein Handheld anzuschaffen statt einer Konsole. Denn andernfalls würde die spielende Person, egal ob Kind oder Erwachsener, den Fernseher und damit quasi das ganze Wohnzimmer für den Rest der Familie blockieren. Außerdem arbeiten viele Angestellte in Japan so viel, dass Zeit, dem Zocker Hobby nachzugehen, meist nur im Zug auf dem Handheld oder in der Mittagspause an einem Automaten in der Taito Station bleibt.

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Das Wiedererwachen der alten Liebe

Viele Gespräche über Videospiele enden mit dem Austauschen alter Erinnerungen. Dies hat jedoch auch seine guten Seiten! Genau diese Schätze im Gedächtnis werden nämlich in Japan mit mehr Liebe und Eifer gepflegt als anderswo. Öfter als in unseren Gefilden sieht man ein Super Famicon oder Mega Drive, das noch zu Hause an den Fernseher angeschlossen ist. Außerdem tragen Japaner enorm viel Sorge mit ihren Besitztümern, nicht zuletzt deshalb funktioniert das ganze Second Hand Geschäft hier so gut wie problemfrei.

Die Second-Hand-Kette Book Off gibt es wirklich an jeder Ecke in Japan an. Book off bietet, wie es der Name ja vermuten läst, in erster Linie Bücher an. In den grösseren Geschäften findet man jedoch auch viel anderes und mit etwas Glück eine Menge Games.

Überall gibt es Retro-Spiele zu kaufen, natürlich sind die größten Geschäfte in Akihabara in Tokio und Nipponbashi in Osaka. Doch auch an allen Orten im übrigen Japan, wo Second-Hand-Zeug verkauft wird, stößt man scheinbar automatisch auf alles vom GameCube-Controller mit Tastatur über diverse Secret of Mana-Lösungsbücher bis zur Tanzmatte für den Dreamcast. Ich bin zu meinem eigenen Erstaunen, während ich etwas gelangweilt durch die Einkaufsstraße des Mode- und Bonzen-Viertels Sannomiya in Kobe schlenderte, im Untergeschoss eines großen Ladenkomplexes auf viele kleine Läden gestoßen, die allesamt mit Otaku-Kram gefüllt waren - darunter auch drei Läden, die nur Retro Games angeboten haben. Auch in Yokohama, Nagoya und sogar im traditionellen Kyoto stößt man auf alte Videospiele.

Als europäischer Nerd ist man mit allen Wassern gewaschen: All die Flohmärkte, Tante-Emma-Läden und Gebrauchtwarengeschäfte die wir auf der Suche nach einigen alten Spielen schon abgegrast haben, würden sich wohl die wenigsten Japaner antun. Hier findet man regelmäßig Retro-Game-Läden, die sauberer sind als so manche Fleischerei Nordwesteuropas. In Japan hat sich das Geschäft mit den Klassikern längst zu einem eigenen Markt entwickelt. Die Läden sind cool dekoriert, alte Konsolen sind an alte Fernseher angeschlossen, um Spiele anzutesten. Die Spiele und Konsolen sind jeweils luftdicht verpackt - glücklicherweise auch wenn man sich für Versionen ohne Originalverpackung entscheided, was natürlich wie überall sonst viel preiswerter ist. Außerdem werden in so gut wie allen Geschäften nicht nur Spiele angeboten, sondern eben auch ein riesiger Haufen Merchandise.

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Super Potato - a.k.a. Das Zockerparadies

Der wohl bekannteste Laden für Retro Games ist Super Potato in Akihabara, Tokio. In einer ziemlich dunklen Gasse muss man in einem verdächtig aussehenden Treppenhaus einen ziemlich engen Lift in den dritten Stock benutzen oder man nimmt die enge Treppe. So seltsam diese Wegbeschreibung auch klingen mag – sie führt direkt ins Zockerparadies.

Nicht gerade einladend und auch etwas schwer zu finden.

Am Eingang in der dritten Etage wird man von einem großen, fetten Mario begrüßt und findet sich sogleich in einer Art Traumwelt wieder. Die Stockwerke 3 und 4 des Gebäudes sind vollgestopft mit Retro Games aller Art und im obersten Stockwerk gibt es eine kleine Bar sowie etliche alte Automaten, unter anderem mit Metal Slug und dem Original-Street Fighter. Im Super Potato gibt es alles!  Reihenweise Spielkassetten, Module, UMDs, die guten alten Game&Watch-Gerätchen, Neo-Geo-Kram, Soundtracks, Art Books, Lösungsbücher und vor allem eine Unmenge Hardware und Zubehör. Wie in allen Second-Hand-Geschäften in Japan sind alle Artikel luftdicht verschlossen und fast immer in einwandfreiem Zustand. Hier geht’s lang:

Der verwinkelte Weg ins Paradies:

Und hier noch das eigentliche Highlight dieses Beitrags. Zurücklehnen, Sabbertuch bereitlegen und genießen bitte!

 

(Ach ja, wer wissen möchte, vom wem das schicke Spielehelden-Motiv auf der Startseite stammt: Das hat die Comic-Zeichnerin Nina Matsumoto im Auftrag eines Videospielshops in Vancouver gestaltet.)

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18.09.2011 15:30 — Jan Amstutz

Wie alles begann...

Als ich das erste Mal einen Laden mit diversen Doujin-Artikeln betreten habe, hatte ich keine Ahnung, um was es geht. Ich sah hunderte verschiedene Dinge. Die Gänge waren zu eng, um an jemandem vorbeizukommen und überall lag Zeug herum. Da gab es interessante Artworks neben Spielfiguren, die ich nicht erkannte und seltsamen, düsteren Mangas. Es gab Musik-CDs gegenüber von einem großen Stapel viel zu dünner Comicbücher, die unter einem Bildschirm standen, auf dem irgendein erstaunlich billiges Hentai-Video zu sehen war. Alles war durcheinander, typisch Akihabara – ein wundervolles Chaos. Und dann- als ich gerade aufgeben wollte, fand ich zwischen all diesen kleinen Kunstwerken, die sich meist nicht den bekannten Manga-, Game- oder Animeserien zuordnen ließen, Video- und Computerspiele. Es waren Titel und Hüllen- wie ich sie vorher noch nirgends gesehen hatte und von denen ich die meisten auch nie wieder sah. Ich stand eine ganze Weile da und sah alles erstaunt durch, bis mein Begleiter mich schließlich wegzerrte- weil er weiter wollte. Bevor ich jedoch den Laden verlassen musste, schnappte ich mir eins der Spiele. Ich dachte damals- dies sei bloß ein lustiges Souvenir und das ich es sowieso nie spielen würde. Aber da wusste ich noch nicht, dass ich für mich selbst gerade ein neues Stück Kultur entdeckt hatte. Denn was ich in diesem Moment in den Händen hielt, war meine erste Begegnung mit der Dōjin Soft Community.

Die Faszination von Doujin-Spielen kann man am besten anhand von Beispielen erklären. Deshalb fangen wir hier auch mit einem solchen an: In der Wirtschafts-Simulation Recettear: An Item Shop’s Tale (RECETTEAR〜アイテム屋さんのはじめ方) geht es darum, seinen eigenen Item-Shop in einer Fantasy-Spielwelt am Leben zu erhalten. Abenteurer kommen vorbei und ziehen weiter. Dadurch werden die Hauptcharaktere der meisten anderen Videospiele hier zu Statisten. Recettear: An Item Shop’s Tale ist ein typischen Beispiel für eine Spielidee aus der unabhängigen Entwicklergemeinde Japans. Eine Idee außerhalb der Grenzen gewöhnlicher Videospielentwicklungen. Irgendwo zwischen verrückt und genial.

Dies ist das Cover der englischen Version des Spiels, die 2010 für Steam erschienen ist.

Die Hürden vor dem Doujin-Universum

Die gesamte Doujin (romanisiert von 同人 - dōjin, für eine Gruppe von Leuten, die ein Interesse teilen) Kultur ist sicherlich einer jener Teile der japanischen Otaku-Szene, die für den westlichen Betrachter schwer zu erschließen sind. Der Begriff Doujin steht für Produkte, die nicht von Firmen, sondern von Privatpersonen als Hobby hergestellt werden. Sie umfassen alle Bereiche der Otaku Kultur, meist handelt es sich um Mangas, Artworks, Musik oder eben Games.

Selbst für jenen Teil der europäischen Zocker mit großem Hang zum fernöstlichen Videospiel-Markt ist der Zugang zu diesen Spielen nicht einfach. Wenn man sich durch Akihabara oder Messen wie die Comiket drängelt, sticht natürlich als erstes das Problem der japanischen Sprache ins Auge. Doch während diese besonders für Doujin-Mangas und -Animes das größte Hindernis darstellen dürfte, gibt es viele Doujin-Spiele, die sich genial spielen, aber gleichzeitig so simpel gestrickt sind, dass der Sprachunterschied gar keine große Rolle ausmacht. Außerdem existieren immer mehr Fan-Projekte, die einzelne Titel zumindest ins Englische übersetzen.

Das Hauptproblem für westliche Videospieler, sich auf dem Doujin Software Markt zurechtzufinden, ist einer anderen Art: Es sind vor allem die mangelnde Übersicht und die schiere Anzahl an Titel, die man vorfindet. Dieser Beitrag hat nicht zum Ziel, dies zu ändern, sondern er soll Euch einen kleinen Einblick in die faszinierende Welt der japanischen Hobby Programmierer ermöglichen.

Über das System und den Vertrieb

Die mangelnde Übersicht findet ihren Ursprung vor allem darin, dass es in der Natur von Doujin-Spielen liegt, nicht professionell vermarktet zu werden. Wie bereits erwähnt werden diese Spiele von kleinen Gruppen oder sogar einzelnen Entwicklern hergestellt. Einige dieser unabhängigen Studios haben zwar eine ansehnliche Berühmtheit und Professionalität erlangt, der Großteil von ihnen hat jedoch weder Mittel noch Möglichkeiten, um auf seine Produkte aufmerksam zu machen. Die meisten Neuveröffentlichungen werden, genau wie andere Doujin Artikel, auf der Comiket (Comic Market) sowie anderen Messen vorgestellt und auch verkauft. Oftmals gibt es eine sehr preiswerte Trial Version, während das ganze Spiel später mehr kostet. Auch dieses System ist jedoch nicht einheitlich. Den Entwicklern steht es schließlich frei, wie sie ihre Titel veröffentlichen wollen. Das Spektrum reicht von der Gratisveröffentlichung als Download, über die Downloadplattformen der Konsolen bis hin zum herkömmlichen Verkauf in Game Shops.

Die Comiket ist mit jeweils rund einer halben Million Besucher eine der grössten Messen Japans.

Wenn man sich mit Doujin Spielen befasst, sollte man sich bewusst sein, dass es sich hierbei nicht um Produkte für einen vorbestimmten Markt handelt. Der größte Teil dieser Spiele entsteht nicht, weil eine Zielgruppe existiert oder ausschließlich weil man damit Geld verdienen möchte, sondern einfach weil es Leute gibt, denen das Spiele entwickeln an sich Spaß macht. Oder weil es Fans gibt, die Ihre Lieblingsserie so sehr lieben, dass sie deren Universum selbständig erweitern. Diese Unabhängigkeit, sich nicht dem Markt anpassen zu müssen, schafft zwar auf der einen Seite einen sehr großen Spielraum für neue, oftmals abgefahrene Ideen. Auf der anderen Seite macht sich diese Sorglosigkeit oft auch in der Qualität der Produkte bemerkbar. Man sollte also nicht grundsätzlich von einem Spiel allzu viel erwarten, nur weil ein Doujin-Spiel ist. Gemeinhin ist dies kein Gütesiegel.

Doujin Games auf der Konsole!?

Wer sich selbst mit Doujin-Spielen befasst, mag sich vielleicht fragen, was ein derartiger Bericht auf einer Website über Videospiele verloren hat. Denn trotz einiger, meist inoffiziellen Ableger für die Konsole (vorwiegend für den Dreamcast, aber auch PS sowie PS2) erscheint ein überwiegender Teil der Doujin-Titel seit langem ausschließlich für den PC. Nun ist es aber so, dass mit den Downloaddiensten XBLA, PSN und WiiWare neue Möglichkeiten für die kleinen Entwickler-Teams in Japan vorhanden wären, ihre Titel auch auf den Konsolen zu veröffentlichen. Wenn man darüber nachdenkt, fragt man sich fast, warum nicht bereits mehr dieser Spiele in den Online-Shops unserer Konsolen bereitstehen. Westliche Indie Games gibt es dort bekanntlich bereits eine Menge. Eine gewisse Bewegung ist jedoch schon zu erkennen, beispielsweise hat der Publisher Rockin Android kürzlich bekanntgegeben, sechs Doujin-Titel in der US-Version des PlayStation Networks anbieten zu wollen. In den USA sind auch in der Xbox Live Arcade bereits einige Doujin-Spiele erhältlich. Es wird mit genug Willen also immer einfacher, an diese spezielle Art von Spielen heranzukommen. Vielleicht gibt es sogar Hoffnung, dass dank den Download-Angeboten der Konsolenhersteller manche Titel auch in Europa erscheinen werden. Der einfachste Weg für europäische Zocker dürfte jedoch die Suche nach einem Download der jeweiligen PC-Versionen bleiben.

Über Hommagen, inoffizielle Ableger und satirische Wiederaufbereitung

Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund, wieso Doujin-Spiele gerade für Konsolenspieler besonders interessant sind. Wie wir alle wissen, fokussiert sich die japanische Gamekultur traditionell viel stärker auf Spielkonsolen, als wir es im Westen tun. Das hat natürlich auch einen Einfluss auf die Themen- und Projektwahl der Doujin-Spieleentwickler. Viele Doujin-Titel kommen deshalb fast schon als inoffizielle Ableger bekannter Konsolen-Serien daher oder sind zumindest voller Anspielungen und Easter Eggs. So jagt man beispielsweise in Doraemon Nobita Biohazard mit dem Doreamon-Hauptcharakter Nobita Zombies in Resident-Evil-typischer Atmosphäre, während man immer wieder auf Charaktere aus der Kinderserie stößt. Man darf im Doujin-Spiel Rockmen R: Dr. X Counterattack Nebencharakter Roll durch einen inoffiziellen Teil 9.5 der Megaman-Serie steuern oder man lässt mit einem der zahlreichen Mario- und Sonic-Klone vergessen, dass Jump’n’Runs den Schritt in die dreidimensionale Welt bereits gemacht haben. Auch neue Dojin-Titel lassen meist ein richtig schön wohliges Retrogefühl aufflammen. Interessant ist bei all diesen Fanprojekten zu offiziellen Serien vor allem die Tatsache, dass die großen Spielefirmen nie den Anschein gemacht haben, etwas gegen den Missbrauch ihrer Lizenzen unternehmen zu wollen. Viel mehr werden Dojin Spiele schlimmstenfalls ignoriert, bestenfalls aber sogar als zusätzliche Werbung für die eigenen Produkte betrachtet, da dadurch die Bekanntheit der jeweiligen Marke erhöht wird. Über die Jahre ist kaum eine bekannte japanische Spiele-Serie ohne Doujin-Ableger geblieben. Wer also nicht mehr auf den nächsten Teil seiner Lieblingsserie warten will, sollte sich vielleicht mal umsehen.

Visual Novels...alles Hentai-Mist, oder?

Was wohl den meisten beim Begrif Doujin-Game als erstes in den Sinn kommt, sind die sogenannten Visual Novels. Diese japanischen Textadventures machen in der Tat einen großen Teil der Doujin-Games aus. Visual Novels haben selbst in Japan trotz großer Beliebtheit nicht gerade einen einwandfreien Ruf. Man kann dem nur schwer widersprechen. In vielen Manga-Geschäften, die sich auf Doujin-Inhalte spezialisiert haben und auch Spiele anbieten, findet man auf gefühlten drei Viertel der Packungen verschwitzte Mädchen die jünger als vierzehn aussehen, süße sich umarmende High School Girls und das Ganze immer mit dem 18+ Aufkleber. Wenn man jedoch lange genug danach sucht, findet man auch unter diesen Spielen so einige Perlen mit coolen Charakteren und sehr hoher Qualität der Zeichnungen, die ohne pornographische Inhalte auskommen. Jedoch leben Visual Novels fast ausschließlich von der erzählten Story. Obwohl man bei den meisten Visual Novels manche Entscheidungen treffen kann, hat man doch sehr wenig Einfluss auf das Spielgeschehen. Deshalb haben sie zumindest im Auge des westlichen Betrachters mehr mit Animes und Mangas als mit Videospielen gemein. Sehr erfolgreiche Visual Novels werden später oft als Manga und/oder Anime erneut veröffentlicht. In einigen Fällen haben die Anime-Serien der Visual Novels selbst im Westen eine gewisse Bekanntheit erlangt, obwohl die Spiele kaum jemand kennt wie z.B. Higurashi no Naku Koro ni [rechts im Bild], Kanon 06 oder Clannad.

Narcissu erzählt mit wenigen wundervollen Bildern und auf mitreißende Weise die Geschichte eines Mädchens und eines Jungen die sich in eine Hospital kennenlernen und keine Hoffnung auf Heilung mehr haben. Das Spiel wurde 2005 frei erhältlich im Web veröffentlicht, inzwischen existiert auch eine englische Version. In Japan findet man ebenfalls eine DS-Umsetzung des Spiels. Ob es sich dabei um ein lizenziertes Spiel handelt, konnte ich leider nicht ausfindig machen.

Vocaloid und andere Musiktitel

Ein anderes in Japan sehr beliebtes Genre unter den Doujin Games sind die so genannten Vocaloid-Spiele. Zu Vocaloid Doujin Games wird oft alles dazugezählt, was auch nur entfernt mit Musik zu tun hat. Unter diesen Spielen findet man alles, was man sich irgenwie unter Musikspielen vorstellen kann. Ob Gesangsspiel, bei dem man den Text eintippt oder Action- Jump’n’Runs, bei denen jede Bewegung, die im Takt der Musik geschieht, belohnt wird. Auch die Editoren Automatic Mario und Miku Miku Dance tauchen immer wieder auf und werden erweitert, obwohl es sich hierbei eher um Modifikationen als um eigenständige Spiele handelt. Trotzdem kennen sicher einige die Videos, in denen Mario taktvoll durch die vorgebauten Levels düst. Hier gleich in vier Ebenen auf einmal:

Touhou!!!

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Eine der bekanntesten, wenn nicht sogar die bekannteste Doujin-Produktion ist die Touhou Project Serie, auch bekannt als Tōhō Project oder Project Shrine Maiden. Alle Teile der Serie sind typische Danmakus – also Shoot’em’ups, bei denen der Screen regelmäßig mit gegnerischen Geschossen gefüllt wird und die eigene Hitbox nur wenige Pixel groß ist. Das Studio Team Shanghai Alice, das für die Serie verantwortlich ist, besteht alleine aus dem Entwickler ZUN. Dieser tritt jeweils als Main Programmer, Scriptwriter, Graphic Artist sowie Music Composer der Spiele auf. Anlässlich der diesjährigen Comiket ist Teil 13 der Serie erschienen. Neben den offiziellen Serienteilen gibt es zahlreiche Touhou-Ableger anderer Genres, sowohl von Team Shanghai Alice selber als auch von Fans der Serie. Besonders beliebt sind die Beat'em-Ups mit den verschiedenen Charakteren der Serie. Es existieren mit Super Marisa World und MegaMari unter anderem auch Adaptionen, die große kommerzielle Videospiel-Serien mit dem Touhou-Universum verbinden. Die Hakurei Shrine Reitaisai, die seit 2004 einmal jährlich im Großraum Tokio stattfindet, dreht sich ausschließlich um Touhou Spiele, Soundtracks und Merchandise. Hakurei Shrine Reitaisai ist die größte unter vielen Doujin Messen, die sich ausschließlich mit Touhou Artikeln befassen. Nicht nur wer sich als Shoot’em’up Fan bezeichnet, sollte dieses Spiel unbedingt getestet haben.


Niemand braucht Doujin Games? Cool sind sie trotzdem!

Es mag einem wie eingangs beschrieben etwas schwer fallen, sich wirklich in die Welt der Doujin Games hineinzubegeben. Daher ist es leicht verständlich, dass sich bislang nur ein geringer Teil westlicher Zocker für diese Art von Spielen interessiert. Trotzdem gibt es in der Welt der Doujin Games immer wieder Spielerlebnisse und Ideen die man sonst nicht antrifft. Wieder ist es am besten, ein Beispiel zu verwenden: Im Shoot’em-Up Genetos tritt man eine Reise durch die verschiedenen Epochen der 2D-Raumschiffballerei an. Man startet ein Space-Invaders-ähnliches Spiel und findet sich nach und nach in einer Bullet-Hell-Atmosphäre wieder, wie man sie aus modernen 2D-Shoot’em-Ups kennt. Eine weitere Spieleidee, die typisch ist für die Doujin-Szene: ziemlich verrückt aber gleichzeitig einfach genial. Auch Genetos ist frei als Download erhältlich.

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