Paper Mario – im Test (N64)

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Das Warten hat ein Ende: Seit dem Systemstart harrten treue N64-Besitzer sehnsüchtig auf ein vernünftiges Rollenspiel für den letzten stationären Modulschlucker, endlich wurde das Flehen erhört. Niemand Geringeres als Firmenmaskottchen Mario begibt sich zum Ende der 64-Bit-Konsole in ein RPG-Abenteuer der Spitzenklasse.

Den Namen verdankt die 512-Mbit-starke Cartridge dabei der eigenwilligen Darstellungsweise: Die kreativen Jungs von Intelligent Systems verbanden nämlich klassische Bitmapoptik mit Polygonelementen. Während Mario sowie (fast) alle anderen Charaktere als niedlich animierte, Papier-flache Sprites durch die Pampas wuseln, werden finstere Dungeons, belebte Städte oder lauschige Wälder polygonal dargestellt. Eine Kombination visueller Techniken, die Paper Mario einen ganz eigenen, kindlich anmutenden Grafik-Stil verleiht. Wer Marios neuesten Videospielauftritt jedoch als infantilen ‘Kiddie-Kram’ abtut, wird dem grauen Modul nicht gerecht: Trotz einsteigerfreundlicher Handhabung erwartet Euch mit dem Klempner-Abenteuer ein gleichermaßen umfangreiches wie innovatives RPG, das dem in jüngster Zeit etwas uninspirierten Genre die nötige Frischzellenkur verabreicht.

Von der Handlung her setzt das N64-Rollenspiel auf eine Mario-typische Simpel-Story: Erzbösewicht Bowser hat den legendären Sternenstab gemopst und dank dem übermächtigen Artefakt den königlichen Palast samt Prinzessin Peach und Hofstab ins All entführt. Wer immer das mystische Zepter in Händen hält, dem steht die Weltherrschaft offen. Zu allem Überfluss hat der garstige Griesgram auch noch die Gralshüter des Guten, die sieben putzigen Sternenwächter gefangen und in die fürsorgliche Obhut seiner nicht minder fiesen Untertanen gegeben. Nur mit Hilfe der eingelochten Himmelskörper kann den teuflischen Plänen des Reptilienfürstens Einhalt geboten werden. Klar, dass die Befreiungsaktion an Mario hängenbleibt.

Während ihres letzten N64-Auftritts begegnet die blaue Latzhose nochmal allen beliebten Figuren aus Miyamotos Knuddelimperium: Eure Reise beginnt im Dorf der zwergenhaften Gumbas, später trefft Ihr in schummrigen Schlössern, frostigen Polarregionen oder sengend heißen Wüstenstädten das Pilzvolk der Toad, gruselige Buu-Hus und sogar auf eine Yoshi-Kolonie. Kenner der Mario-Historie dürfen sich auf zahlreiche Déjà-Vus freuen.

Meinung &amp

Zwar finden sich in Paper Mario alle klassischen Versatzstücke des Genres (Plaudereien mit Stadtbewohnern, kostspielige Shoppingtouren, ausufernde Dungeon-Expeditionen, Monsterkämpfe und fleißiger Charakteraufbau), allerdings gestaltet sich der Spielablauf wesentlich action- und geschicklichkeitsbetonter als bei Final Fantasy &amp Co. Zu Marios Grundtalenten gehören beispielsweise die Fähigkeiten zu springen oder einen überdimensionierten Hammer zu schwingen. Mit letzterem haut Euer Held Item-spendende oder hinderliche Steinwürfel kaputt, per Hüpfer überwindet Ihr gähnende Schluchten oder erklimmt steile Felsplateaus. Joypadbeherrschung ist auch bei den Gefechten gefordert: Ob stacheliger Riesenkaktus oder fliegender Koopa – alle Halunken ziehen gut sichtbar ihre Bahnen durch Oberwelt und Kerker. Kommt Ihr den Unholden zu nahe, wird in eine gesonderte Kampfarena umgeschaltet.

Die Auseinandersetzungen finden in Paper Mario rundenbasiert statt, zuerst drescht Ihr, anschließend die Feinde. Habt Ihr aus Aktionen wie Sprungangriff, Hammerschlag oder Itemeinsatz gewählt, wird das Manöver ausgeführt – und Euer Geschick ist gefragt: Bei jeder Attacke erscheint nämlich ein Pad-Kommando, das bei korrekter Ausführung den Schaden erhöht. Drückt Ihr beim gezielten Sprung auf den Monsterschädel beispielsweise im rechten Augenblick den Aktionsknopf, hüpft Mario ein zweites Mal auf die Bitmaprübe. Wählt Ihr den Hammerhieb, füllt sich eine Energieleiste. Lasst Ihr im rechten Moment den Analogstick los, saust das hölzerne Werkzeug mit doppelter Wucht hernieder. Ähnlich pariert Ihr Feindangriffe: Betätigt kurz vorm Treffer die Aktionstaste und die Kraft des Hiebs wird gemindert.

Im Verlauf des Abenteuers findet Ihr zahlreiche sogenannte Orden, die Euch spezielle Fähigkeiten wie magische Multisprünge, Hammerwurf, aber auch gesteigerte Kraft- (Hitpoints) oder Blumenpunkte (Magicpoints) verleihen. Wieviele dieser nützlichen Items Ihr gleichzeitig anlegen könnt, hängt von der Anzahl Eurer Ordenspunkte ab – nur ein getragener Orden stellt Mario die magischen Manöver zur Verfügung. Habt Ihr alle Unholde besiegt, geht’s an die Verteilung der Kriegsbeute: Goldmünzen bessern die Reisekasse auf, Sternenzähler (Erfahrungspunkte) steigern Marios Attribute. Alle 100 Sterne gewinnt Euer Held einen Charakterlevel und Ihr dürft einmal wahlweise den Maximalwert der Kraft-, Blumen- oder Ordenspunkte erhöhen.

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Genre-üblich bleibt das Nintendo-Maskottchen auf seiner Suche nach den Sternenwächtern nicht lange allein: Insgesamt acht hilfsbereite Freunde schließen sich Euch nach und nach an. Da wär zum Beispiel Gumbario, ein wissenshungriger Gumba, der Vogelpostbote Parakarry oder Geistergräfin Buu. Jeder der goldigen Bitmap-Kollegen hat seine individuellen Fähigkeiten: Springt Mario Schildkröterich Koopa auf den Panzer, flitzt dieser los und bringt Euch wertvolle Gegenstände aus für den dickbäuchigen Klempner unzugänglichen Passagen. Die wandelnde Dynamitladung Bombette sprengt brüchige Felswände auf, Flugass Parakarry trägt Euch kurzzeitig durch die Lüfte und das wandelnde Lexikon Gumbario gibt gratis nützliche Hintergrundinfos zu Städten oder Dungeons.

Auch in der Schlacht kommen Euch die Talente Eurer Freunde zu Gute: So klärt Euch der Gumba-Knirps über Stärken und Schwächen von Gegnern auf, während Blitzwolke Watt die Bösewichter eine Ladung Starkstrom kosten lässt. Da alle Ungetüme ganz persönliche Stärken und Schwächen haben, ist der taktische Einsatz Eurer Kumpane meist der Schlüssel zum Sieg: Fliegende Feinde befinden sich beispielsweise außerhalb von Bombettes Detonationsradius, schwergepanzerte Stachelkröten lachen nur über Gumbarios wirkungslosen Kopfstoss. Zwar könnt Ihr immer nur einen Kampfgefährten auf einmal an Eurer Seite haben, auf Knopfdruck wechselt Ihr aber problemlos zwischen den einzelnen Figuren durch. Natürlich dürft Ihr auch Eure Gefährten ab und an aufpowern. Findet Ihr einen Level-Up-Block, wird je ein Schützling in den Super- bzw. Ultra-Rang befördert. Das Ergebnis ist höhere Angriffskraft und neue Kampfmanöver.

Wie es sich für ein zünftiges Mario-Abenteuer gehört, ist der Weg zum Endduell mit Bowser vollgestopft mit Geheimnissen, Sidequests und Mini-Spielen. Mal befreit Ihr ein verzweifeltes Dorf von einer Fuzzy-Plage, ein anderes Mal bittet Euch ein gebrechlicher Koopa-Großvater um Botendienste quer durchs Land oder Showmaster Wim Quizzimo lädt zum munteren Ratespiel, in dem Ihr Euer Wissen über die Welt von Paper Mario unter Beweis stellt. Genre-üblich regeneriert Mario seine Kräfte in Gratis-Gasthäusern, gespeichert wird an speziellen Save-Points. Maximal vier Spielstände passen auf die Modulbatterie.

Meinung &amp

Colin Gäbel meint: Nintendo macht’s der Konkurrenz vor: Zugegeben, die ultra-knuddelige Verpackung ist nicht jedermanns Sache, hinter der zuckersüßen Fassade aus Niedlich-Optik und Mitsumm-Melodien verbirgt sich jedoch ein ausgewachsenes, innovationsreiches RPG-Abenteuer, dass auch Final Fantasy-gewöhnte Veteranen unwiderstehlich ans Pad fesselt. Die brillante Mixtur aus genreüblichen Versatzstücken (Charakteraufbau, rundenbasierte Gefechte, Städte- und Dungeonbesuche etc.) und Mario-typischen Geschicklichkeitseinlagen ist schlichtweg genial. Lauft Ihr in vielen anderen RPGs stumpf von einem Kerkerende zum anderen und ärgert Euch zwischendurch über langwierige Zufallskämpfe, ist bei Paper Mario Köpfchen gefragt: Ohne wohlüberlegten Einsatz Eurer Partymitglieder kommt Ihr in den Rästel- und Geheimnis-gespickten Dungeons nicht weit. Dank der wohldosierten Action-Elemente und abwechslungsreicher Gegner-Typen verkommen die taktischen Monsterprügeleien nie zum drögen Schlagabtausch. Für Einsteiger wie Profis geeignet stellt Marios Fremdgang für mich momentan die RPG-Referenz dar. Ein wahres Lehrstück in Sachen Design-Kunst und ein Pflichtkauf für jeden N64-Besitzer.

David Mohr meint: Auch nach knapp 20 Jahren steht der Name Mario noch für Videospielspaß in Reinkultur. Was Nintendo an Witz und innovativen Ideen in das 512-Mbit-Modul gesteckt hat, spottet jeder Beschreibung – ständig entdeckt Ihr neue, orginelle Elemente. Vor allem die Grafik hat es mir angetan: Der originelle Scherenschnitt-Stil sorgt für beeindruckend detaillierte, sauber dargestellte Szenarien und verleiht dem Abenteuer seinen eigenen Charme, dem sich kaum einer entziehen kann. Wer bei einem RPG hingegen auf einer mythisch-komplexen Geschichte mit traumatisierten Helden und mindestens fünf überraschenden Storywendungen beharrt, ist bei Marios Abenteuer an der falschen Adresse – alle anderen, vor allem interessierte Genre-Neulinge, greifen noch heute zu und freuen sich über eines der besten und erfrischendsten Rollenspiele, die es je gab.

N64-Finale-Grande: Konkurrenzlos gutes RPG mit famosen Geschicklichkeitsein­la­gen im knuddeligen Mario-Ambiente.

Singleplayer91
Multiplayer
Grafik
Sound