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Bayonetta (Test)
System PS3    Genre Action    Entwickler SEGA    Hersteller SEGA    USK 18

”Don’t fuck with a witch!” – ”Leg’ dich nicht mit einer Hexe an!” faucht Bayonetta einen geschlagenen Bossgegner an, bevor sie ihm eine Kugel ins Gesicht schießt. Sie kann es sich leisten – schließlich ist sie die neue Königin des Hack’n’Slay-Genres. Davon sind auf jeden Fall ihre Entwickler überzeugt: Das japanische Studio Platinum Games rund um Devil May Cry-Erfinder Hideki Kamiya ­liefert ein Next-Gen-Debüt ab, das vor Selbstbewusstsein, Mut, Power und Stilsicherheit nur so strotzt. Wo ­Devil May Cry-Heroe Dante ’nur’ übertrieben lässig ist, da badet Bayo­netta in Selbstüberschätzung. Das wird vor allem in den häufigen Zwischensequenzen deutlich: Die Hexe mit dem Zauberhaar lutscht lasziv an einem Lolli, während die Welt untergeht – ihre Feinde werden nicht nur vernichtet, sondern vor, während und nach dem Kampf verhöhnt. Wenn von einem engelsgleichen Himmelstitan nach der Schlacht nur noch ein blutiger Klumpen aus Schrott und Eingeweiden übrig ist, dann hat Mensch vor der Mattscheibe Mitleid – Bayonetta nicht! Und trotzdem muss man sie mögen, wenn sie mit ihren unverschämt langen Beinen Monstern in den Hintern tritt, ihren lästigen Verfolger, den Reporter Luka, ein ums andere Mal an der Nase herumführt oder den epischen Monolog eines Bossgegners mit einer kessen Kugel zwischen dessen Augen unterbricht.

Den obigen Vergleich mit Devil May Cry haben wir bewusst angeführt, denn Bayonetta stößt spielerisch in dasselbe Horn: Mit nahezu perfekten Kontrollen dirigiert Ihr die Meuchel­magierin durch lineare 3D-Welten, welche die Dame in Schwarz von allerlei virtuellem Ungeziefer befreit. Sie scheut sich nicht, sich ihre Hände schmutzig zu machen: Ihr malträtiert Eure Opfer mit Handkanten und Kicks, ballert aus Pistolen und Shotguns, schwingt das Katana und im späteren Spielverlauf vielleicht sogar die Peitsche. ’Vielleicht’ sagen wir deshalb, weil ein Großteil des Move-Repertoires am Anfang nicht zugänglich ist. Zum einen bringen die sammelbaren Waffen der toten Feinde (vom Zweihänder bis zur Tuba) neue Angriffsmöglichkeiten ins Spiel, zum anderen investiert Ihr die durch gutes Abschneiden und wenige Tode erspielte Kohle im Shop in neue Manöver. Das ’Tor zur Hölle’ – so der Name des Händlers Eures Misstrauens – dürft Ihr stets vor Missionsbeginn und an wenigen festen Punkten innerhalb der etwa halbstündigen Levels betreten: Dort stockt Ihr Euren Lolli-Vorrat auf (für Lebenskraft, Hexenmagie oder Unverwundbarkeit) oder kauft Waffen und Gadgets (siehe Kasten oben). Ebenfalls erhältlich – ein gutes Dutzend Kampf­aktionen: Nach dem Kauf der (teuren) Manöver verwandelt Ihr Euch auf Knopfdruck in Panter bzw. eine Schar Fledermäuse oder legt im Anschluss an ein Ausweichmanöver einen bleihaltigen Breakdance aufs Parkett. All dies macht das facetten­reiche, überzogen inszenierte Kampfsystem (das ohne Blocktaste auskommt) noch besser und tiefgründiger – um alle Möglichkeiten auszuloten, braucht es mehrere Durchläufe.

Drei weitere Actionaspekte stechen ins Auge: Wer per Schultertasten-Hechtrolle einem Angriff nur knapp entgeht, der aktiviert die ’Hexenzeit’ – dann bewegen sich die Gegner in Zeitlupe, während unsere Bullet Witch ein Stakkato an Schlägen, Tritten, Schüssen, Schwertstreichen und Supermoves vom Stapel lässt. Freut Euch auf eine dicke Extra­ladung Hexenmagie, die Ihr schon beim nächsten Feind in ein ’Folter’-Manöver ummünzt: Bayonetta zaubert eiserne Jungfrau, Guillotine oder Schraubstock herbei und hält blutiges Gericht über den Gegner. Am Ende jedes Endkampfes schließlich kommt eine ’Climax’-Attacke zum Ein­satz: Nach erfolgreichem Quick-Time-Event verwandelt sich Bayo­net­tas Hexenhaar-Catsuit in ein dämonisches Haargeflecht-Monster, das dem Boss die letzte Ölung verpasst.
    Während der Spielablauf, von kleinen Zeitlupe-Rätseln und kurzen Hüpfpassagen abgesehen, durchweg Vollgas gibt, laden die teils in Standbildern ablaufenden Zwischen­sequenzen zum entspannten Zusehen, Schmunzeln und Kopfschütteln ein – Bayonettas Geschichte vom Suchen und Finden der eigenen Identität ist gespickt mit grotesken Charakterköpfen und Klamauk. In visueller Hinsicht verleihen Feinheiten wie etwa ein Lippenstift-Kussmund bei der Gegneraufschaltung dem Düster­abenteuer einen gelungenen Gothic­-Lolita-Anstrich – Bayonetta ist bis auf wenige graue Matschabschnitte très chique.    

 

+ verschwenderisches Design
+ vielseitiges Kampfsystem
+ mächtig anspruchsvoll, aber schaffbar
+ abgefahrene Gegner & Endbosse
+ viel zum Kaufen, Ausstatten & Upgraden
+ interessante Story
+ großer Umfang
+ augenzwinkernde Retro-Hommagen

- manch unfaire Szene
- Grafikqualität schwankt
- lange & häufige Ladezeiten
- Händlersystem etwas altbacken

PS3 vs. 360:  Die PlayStation-3-Version hinkt technisch hinterher - sie ist niedriger aufgelöst, ruckelt deutlich mehr und leidet unter stärkerem Tearing.

 

Matthias Schmid meint: Während der letzten zwei Stunden bin ich nur noch mit offenem Mund vor der Glotze gesessen! In puncto überzogener Präsentation und Endgegnerdesign toppt Bayonetta das Vorbild Devil May Cry locker – welch ein abgefahrenes Action­in­ferno! Spielerisch zieht Bayonetta ’nur’ gleich: Trotz des genialen Kampfsystems mit all seinen Variationen und den stets abbrechbaren Combos sind manche Fights chaotisch und unfair. Wo mir ein Boss in DMC 4 oder Zelda die Chance gibt, seine Taktiken zu erkennen, hat mich ein Bayonetta-Brocken schon dreimal erschlagen und ausgekotzt – vernichtende Attacken aus dem Nichts haben nichts mit anspruchsvollem Design gemein. Auch setzen mir die Entwickler zu wenig Standardgegner vor – wenn ich gegen ein turm­hohes Monster mit drei Köpfen kämpfe, kann ich einen gerade erlernten Fußfeger kaum einsetzen. Trotz dieser Kritikpunkte fällt mein Fazit überschwänglich aus: Diese rauschende Ballnacht an der Seite von sexy Hexy darf sich kein Actionfan entgehen lassen.

Michael Herde meint: Devil May Cry 4 und Ninja Gaiden liegen mir gar nicht. Deshalb war ich anfangs skeptisch, ob mir das Kampfsystem zusagen würde. Doch davon war ich ebenso schnell begeistert wie vom überdrehten Grafikstil und der Heldin. Die engelhaften Monsterbrocken sind schon zu Beginn riesig und steigern sich ins Unermessliche, während die knackige Brillenhexe stets eine gute Figur macht. Die Steuerung ist eingängig und das Ausweich-Timing gnädig. Abwechslung wird zudem reichlich geboten, etwa wenn sich Bayonetta durch Sega-Klassiker zitiert und beim Raketenritt auf After Burner-Spuren wandelt. Das rasante Polygon­inferno fordert aber manch lange Ladepause, in der ich meine Moves üben darf. Leider hat Sega die dreimonatige PAL-Verspätung nicht genutzt, um die technisch schwächere PS3-Version zu optimieren.

...mehr Screenshots von sexy Bayonetta findet Ihr im Test der Xbox-360-Version.

86
M Beinharter und superb in Szene gesetz­ter Klingentanz mit charismatischer Hauptfigur, üppigem Umfang sowie tollem Kampfsystem – auf PS3 technisch unfertiger. M
M!-Rating 86 von 100       Grafik 7 von 10       Sound 8 von 10       Singleplayer 9 von 10       Multiplayer 0 von 10
Jahr 2009      Region PAL      Test erschienen in der M! Games 01 / 2010      Seite 50      Redakteur ms
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Kommentare

Bild von ManicMoe

Die beschissen schlechte Umsetzung für die PS3 ist schlichtweg eine Frechheit! Hoffentlich muss sich das Entwicklerstudio dafür in irgendeiner Art und Weise verantworten. Denn zu entschuldigen ist sowas in Zeiten von Assassin's Creed 2 und Co. schon lange nicht mehr!

Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben des Feuers!

Bild von LaLaLand

Hätte man bei so einem Japanteil wenn dann eher anders rum erwartet...

Ich bräucht ne Civ 5 Selbsthilfegruppe...

Bild von captain carot

@ManicMoe: Die Umsetzung wurde von Sega selbst erledigt. Das Entwicklerstudio hat sich auf die 360 Fassung konzentriert.

Gib einem Mann Feuer, und er hat es einen Tag lang warm. Steck ihn in Brand und er hat es warm für den Rest seines Lebens.

Lesen ist eine intelligente Methode, sich selbst das Denken zu ersparen.

Commander Jeffer: Ich scheiß mir gleich Hosen

Naja, wenn man an die ganzen verwaschenen XBOX360-Ports von irgendwelchen PC-RPGs denkt scheinen ja Ports solcher Qualität öfters vorzukommen...
Ich hoffe echt, SEGA bessert da noch per Patch nach. Zumindest, was die Ladezeiten betrifft... ansonsten kann ich aber auch ohne Bayonetta leben.

Bild von Threepwood

Zitat:
PS3 vs. 360: Die PlayStation-3-Version hinkt technisch hinterher - sie ist niedriger aufgelöst, ruckelt deutlich mehr und leidet unter stärkerem Tearing.

Ich bin besitzer der PS3 Version und finde den Negativhype um den PS3 Port reichlich übertrieben, natürlich kann es sein das die XBOX Version die Nase vorn hat, allerdings kann ich mich ohne direkten Vergleich auch nicht beschweren. Ich weiss nicht wieviel besser die XBOX Version noch aussieht aber auf der PS3 kann ich mich weder über schlechte Grafik, große Rückler oder gar Tearing beschweren (Letzteres kann ich nichtmal entdecken). Bayonetta präsentiert sich auf der PS3 bis auf ein Manko fantastisch. Das Manko sind die bereits genannten Ladezeiten, es wird alles irgendwie nachgeladen, Swischensequenzen, Levelabschnitte, Hells Gate, gefundene Items und selbst der Pausen- und Selectscreen! Dabei eiern die Ladezeiten zwischen 5 Sekunden und einer gefühlten Minute umher. Ist das auf der 360 besser? Ich weiss es nicht. Und trotzdem, es ist und bleibt ein...

Zitat:
Spielbarer Action-Porno der Superlative
(M!-Games Zitat auf der PS3 Hülle des Spiels)

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