Adventure-Meister gründen sich neu und rüsten auf

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Dieser Artikel stammt aus der M! 361 (Oktober 2023).

LOS ANGELES / LONDON • Sam & Max, CSI, Wallace & Gromit, Jurassic Park, The Walking Dead, The Wolf Among Us, Game of Thrones, Guardians of the Galaxy: Mit wegweisenden Grafikabenteuern auf Basis prominenter Comic-, Film- und TV-Marken, als Downloads episodisch und in ”Seasons” vermarktet, setzt die US-Firma Telltale LucasArts’ 1990er-Jahre-Tradition fort, revolutioniert ein ehrwürdiges Genre und gewinnt dafür alte und neue Fans rund um den Globus. 2004 im kalifornischen San Rafael von Kreativen der Lucasfilm-Games-Abteilung gegründet, hält Telltale bis September 2018 durch, meldet dann jedoch überraschend Konkurs an. Von 250 Angestellten bleiben nur 25 am Platz, um Minecraft: Story Mode für Netflix zu beenden. Das Nachrichtenmagazin Variety gibt damals Investoren wie der Filmfirma Lionsgate die Schuld, die sich aus der schwierigen Games-Szene zurückziehen, sowie dem koreanischen Mobile-Publisher Smilegate. Die Plötzlichkeit der Schließung und Entlassungen schockt die Szene und löst einen Gerichtsprozess aus.

Die letzten The Walking Dead-Episoden beenden Robert Kirkman, der Erfinder der Comic-Vorlage, und seine Produktionsfirma Skybound und veröffentlichen 2019 die Spielesammlung The Walking Dead: The ­Telltale Definitive Series. Im gleichen Jahr übernimmt LCG Entertainment Rechte und Firmenname der Adventure-Macher und gründet das neue Unternehmen Telltale Games mit HQ in Malibu, Kalifornien. Unter Führung zweier Game-Veteranen, Jamie Ottilie und Brian Waddle, schafft Telltale ein Batman-Remake, schnappt sich The Wolf Among Us-Sequel-Rechte und veröffentlicht als erste Neuentwicklung vor ein paar Wochen The Expanse, ein Sci-Fi-Adventure auf Basis der gleichnamigen US-TV-Serie.

Telltale fängt Mitarbeiter der alten Firma auf, die rund die Hälfte der 40-köpfigen Belegschaft ausmachen, und gibt jetzt wieder Vollgas – dank Multimillionen-Dollar-Schubfinanzierung von Skybound, Populous-Erfinder Peter Molyneux sowie vor allem Hiro Capital. Zu dessen Gründern zählt Sir Ian Livingstone, der in den 1980ern Fighting-Fantasy-Spielbücher schreibt, die RPG-Zeitung White Dwarf erfindet und den Games Workshop aufbaut, später Chef des britischen Game-Imperiums Eidos ist. Für Telltale deichseln ­Livingstone und Hiro nun die erste Studioübernahme: Für eine ungenannte Summe schlucken die Kalifornier im August 2023 die Londoner Firma Flavourworks. Deren TouchVideo-Engine beseitigt das größte Realfilm-Handicap, dessen Linearität, macht Film interaktiv – nicht nur auf Touchsreens, sondern auch in Konsolenspielen mit Pad-Steuerung. Die Flavourworks-Übernahme unterstreicht Telltales Verständnis der Vermischung von Film und Spiel, schreibt die Pressemitteilung. Als maßgebliche Finanziers der Fusion glauben ­Livingstone und sein Hiro-Team fest daran, dass Videospiel, Meta­verse, Creator-Plattformen und ”Gamified Fitness” als zentrale Säulen Unterhaltung, Wirtschaft und soziales Leben im 21. Jahrhunderts tragen werden: ­”Flavourworks’ Team, Technik und kreative Erfahrung passen perfekt zu Telltale, um die besten narrativen Spiele zu schaffen.”

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