
Dieser Artikel stammt aus der M! 359 (August 2023).
HAMBURG • Unter den vielen Fantasy-Gestalten, die der englische Schriftsteller J.R.R. Tolkien erfindet, ist Gollum die glück- und hoffnungsloseste: Einst ein Hobbit, im Kinderbuch dann ein glitschiger und heimtückischer Höhlenbewohner; erst vom Ring versklavt, von Sauron eingekerkert, schließlich von Frodo und Sam nach Mordor gezwungen, endet sein zähes Leben in den Schicksalsberg-
flammen.
Über 500 Jahre mussten unzählige Tiere, Hobbits und Orks ihr Leben für Gollums Gier und Hunger lassen und seit Juni 2023 hat der schmierige Würger auch eine deutsche Mannschaft auf dem Gewissen: Wenige Tage nach Abschluss mehrjähriger, strapaziöser Arbeit am Action-Adventure Der Herr der Ringe: Gollum und dessen plattformübergreifender Veröffentlichung am 25. Mai meldet der traditionsreiche Hersteller Daedalic die Aufgabe aller Entwicklungsarbeiten und damit seiner Stamm- und Kernabteilung; weitergeführt werden Publishing-, Lizenz- und Vertriebsgeschäft. Das Fachmedium GamesWirtschaft.de zitiert Daedalics Stellungnahme, die von einer ”schwierigen Zäsur” spricht. Und – recht euphemistisch – von einem ”neuen Anfang”, was für langjährige Fans der norddeutschen Adventure-Manufaktur wohl eher ein Ende ist, ebenso für Daedalics Kreative und Techniker. 25 (von insgesamt gut 90) Beschäftigte müssen gehen, die Arbeit an einem zweiten Der Herr der Ringe-Spiel ist eingestellt.
Mit Daedalic verliert Deutschland eines seiner erfahrensten und erfolgreichsten Studios. 2007 von Carsten Fichtelmann gegründet, sind die zeitweise über 150 Beschäftigte auf liebevoll handgepixelte Point’n’Click-Abenteuer spezialisiert. ”Die Leute, die Monkey Island gut finden” etablieren sich mit Edna bricht aus (2008), The Whispered World (2009) und drei Deponia-Tragikomödien als Größe der europäischen Adventure-Szene. Als Publisher vermarkten die Hamburger etwa das Echtzeit-Strategiespiel Shadow Tactics, entwickelt von Mimimi in München. Daedalic gehört zeitweise dem Buchverlag Bastei-Lübbe und öffnet im Juli 2014 ein ”Studio West” in Düsseldorf, das die Weltraum-Odyssee The Long Journey Home (65 Spielspaßpunkte in M! 12/18) produziert und dann wieder geschlossen wird.
Anfang letzten Jahres wandert Daedalic für 53 Millionen Euro in französischen Besitz, wird als 16. Entwicklungsteam und ”bislang größte Übernahme” des börsennotierten, akquisegierigen Konzerns Nacon, vormals Big Ben, gefeiert (siehe M! 343). Doch weder französisches Geld und EU-Netzwerk, noch deutsche Preise und Fördermittel, die Daedalic regelmäßig kassiert, bewahren vor dem Crash: Weil die bis dato teuerste Eigenproduktion Der Herr der Ringe: Gollum bei Presse und Publikum durchfällt, endet eine 15-jährige Kreativgeschichte. Das ist traurig und auch symptomatisch für eine Branche, die ständig im Umbruch ist, und für den gnadenlosen Wettbewerb ums Entertainment-Metaversum. Als Produktionsstandort für innovatives Spieldesign und State-of-the-Art-Gamecode ist Deutschland längst nicht mehr konkurrenzfähig, rutscht im internationalen Vergleich immer weiter ab.
Den unglückseligen Der Herr der Ringe-Titel will Daedalic patchen, doch es sind weniger Bugs und lahme Technik, als das trostlose Setting und Spieldesign, die Gollums erstes (und wohl auch letztes) Videospiel zur Quälerei machen. Ein unterwürfiges Scheusal als Avatar? Kriechen, hüpfen und meucheln ohne Lichtblick, Schönheit und Glücksmomente? Schon die Grundidee ist nicht gerade sexy; Gollum wird mehrfach verschoben und bricht dem Studio das Genick.
Nicht vom Development-Game-Over betroffen ist laut GamesWirtschaft.de ironischerweise ein erst Mitte Juni angekündigtes Aufbau- und Überlebens-Abenteuer: Surviving Deponia soll noch dieses Jahr via Early Access verfügbar werden. Es wird nicht in Deutschland, sondern vom unabhängigen Team AtomicTorch in Singapur entwickelt.








