Krankenschein gegen Spielsucht?

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In dieser Woche formierte sich im niedersächsischen Lüneburg der Fachverband Medienabhängigkeit. Unter anderem waren an der Gründung Vertreter der Medizinischen Hochschule Hannover, des Mainzer Universitätsklinikums, der Stiftung Medien- und Onlinesucht sowie Vertreter öffentlicher Stellen beteiligt. Der Fachverband will betroffenen Menschen die Behandlung auf Krankenschein ermöglichen. In erster Linie soll Personen geholfen werden, die Symptome einer Online- oder Computer- bzw. Videospielsucht aufweisen. Zum Vorsitzenden des Verbandes wurde der Psychotherapeut Günter Mazur berufen. “Glücksspieler sind tendenziell narzisstisch und extrovertiert, Mediensüchtige dagegen eher ängstlich, zurückgezogen, kontaktscheu und sozial gehemmt”, so Mazur. Deshalb sei Betroffenen mit bestehenden Therapieansätzen kaum zu helfen.Diese Einschätzung teilt Mazur mit Keith Bakker, Gründer und Leiter der ersten europäischen Suchtklinik für Spielabhängigkeit. Nach zwei Jahren praktischer Arbeit gelangte Bakker jedoch zu der Erkenntnis, dass exzessives Spielen nicht Ausdruck einer Abhängigkeit sei, sondern vielmehr Symptom sozialer Probleme. In einem Gespräch mit dem britischen Sender BBC erklärte Bakker, dass nur bei etwa 10 Prozent der Betroffenen von Suchtkrankheit gesprochen werden könne. Den Großteil des Problems führt Bakker auf das gesellschaftliche Umfeld zurück. Der Arbeitsschwerpunkt des Erlebnispädagogen liegt deshalb auf aktiven Beschäftigungen und dem Erlernen kommunikativer Fähigkeiten. Der Psychologe Kai Müller von der ambulanten Anlaufstelle für Spielsüchtige an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz hält in einem Interview mit golem.de dagegen: “In der Fachwelt ist die Diskussion, ob es sich bei pathologischem Onlineverhalten nun um eine Sucht handelt oder nicht, inzwischen beendet. Es sprechen einfach zu viele empirische und klinische Aspekte dafür, dass es sich eindeutig um einen Vertreter aus dem Suchtspektrum handelt. Von daher empfinde ich Herrn Bakkers Statement als überholt. (…) In Bezug auf die zentrale Bedeutung von defizitärer Kommunikation hat er im Grunde schon recht, nur ist das nicht die alles entscheidende Ursache. Sozialkommunikative Defizite sind bei Patienten mit Onlinesucht absolut gegeben, tragen aber eher indirekt und zusammen mit vielen weiteren Aspekten zur Ausbildung onlinesüchtigen Verhaltens bei.”Links zum Thema:Smith & Jones Centre AmsterdamInterview mit Kai Müller

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Polo
4. Dezember 2008 22:51

Ich werd dir mitteilen, inwiefern mir die Interviews für das Referat geholfen haben… jedenfalls hab` ich jetzt schon mal was.Auf dann!

Polo
29. November 2008 0:29

Danke, Michael. Perfekt für mein “”Pädagik/Psychologie”” – Fachreferat über “”Internetsucht””… und auch sonst sehr interssant.