Stil haben sie, die Damen und Herren von Media Molecule. Die Truppe spaltete sich 2006 von Molyneux Lionhead ab und gehört seit 2010 Sony sie machte vor allem mit dem JumpnRun-Baukasten LittleBigPlanet von sich reden. Und ähnlich wie David Cages Quantic Dream genießt Media Molecule einen Hauch von Narrenfreiheit im Sony-Konzern. Statt Actiontitel vom Fließband entstehen im südenglischen Guildford einzigartige Videospiele, die beim Design keine Kompromisse eingehen und schon mal die Zockergemeinde spalten. Besonders der Vita-Titel Tearaway wurde vor zwei Jahren für seinen konsequenten Papierlook gelobt, konnte aber keine hohen Absatzzahlen verbuchen was sicher auch an den schleppenden Hardwareverkäufen lag. Doch ein so verspielt aussehendes 3D-JumpnRun mit schrulliger Umptata-Musik ist eben kein Selbstläufer wie Everybodys Darling Nathan Drake…
Deshalb sind wir froh, dass es auf PS4 eine zweite Chance erhält: Tearaway Unfolded ist dann auch mehr als eine Umsetzung nach Schema F. Vita-Touchscreen-Features raus, höhere Auflösung rein, fertig das war Media Molecule nicht genug.
Und so fühlt sich das Unfolded-Update auch für Kenner des Vita-Spiels an wie eine Version 1.5 ein hübscheres, stimmigeres, an vielen Stellen sinnvoll erweitertes Upgrade des ohnehin schon gelungenen Originals. Dazu gehören geistreiche Controller-Ideen (dazu gleich mehr), zusätzliche Areale und logo 1080p-Grafik. Die kommt zwar regelmäßig ins Stottern, sieht aber so hinreißend aus wie kaum ein anderes Spiel 2015!
Die Geschichte blieb gleich: Tearaway Unfolded durchbricht bewusst und regelmäßig die sogenannte vierte Wand zwischen Spieler und Spielwelt. Im Papp-Universum gibt es nämlich einen Riss, der den Blick auf ein mächtiges Wesen freigibt Euch. Habt Ihr eine PS4-Kamera angeschlossen, seht Ihr Euch sogar im Spiel, wie Ihr frech durch die klaffende Lücke im Himmelszelt glotzt. Held Iota oder Heldin Atoi ein Briefumschlag mit Armen und Beinen wird beauftragt, Euch eine Botschaft zu bringen.
Und so beginnt eine (nicht besonders gefährliche) Reise durch gefaltete, geklebte, zusammengesteckte oder ausgeschnittene Wunderwelten vom dichten Wald ins schneebedeckte Gebirge, von der Hafenstadt ins Forschungslabor, von der Bauernscheune ins Reich der wilden Wendigo-Monster.
Weil Eure Spielfigur außer Hopsen, Umherrollen und Werfen wenig kann, müssen die Controller-Mätzchen für mächtige Aktionen sorgen: Zum Beispiel dürft Ihr als Spielleiter mit Eurer göttlichen Macht wie mit einem Scheinwerfer in die Spielwelt leuchten der grelle Leuchtkegel hat genau die Form der rückwärtigen Lichtleiste des Controllers. Dafür ist übrigens keine Kamera nötig, es reicht die Abfrage der Neigungssensoren. Mit diesem Licht lenkt Ihr Gegner ab, lasst Pflanzen blühen oder verleiht zahllosen Objekten eine neue Textur das macht lange Laune und sorgt dafür, dass Ihr die hübsch arrangierten Levels noch genauer unter die Lupe nehmt.
Iota/Atoi kann auch einen Gegenstand oder eine Kreatur zum Spieler schleudern: Die wohnt dann für kurze Zeit gut hörbar in Eurem Controller solange bis Ihr sie mit einem Wurf (auf einen Feind, eine Zielscheibe oder eine brüchige Wand) zurück in die Spielwelt befördert. Genauso wichtig ist virtueller Wind via Touchpad-Wischer: So fegt Ihr Schurken fort, rollt Papierbrücken aus und gebietet sogar schäumenden Wellen Einhalt. Diverse Variationen des meist entspannten Spielprinzips (beim Tod taucht Ihr fast an derselben Stelle wieder auf) sorgen für Kurzweil: Mal gleitet Ihr auf einem Papierflieger, mal nutzt Ihr die Dienste eines Pappe fressenden Hundes (der Barrieren wegmampft) oder treibt mit dem Saug-und-Puste-Akkordeon Windräder an auch einige geistreiche Hüpfpassagen, die mit den Symbolen der PlayStation-Buttons spielen, sind zu meistern.
Abgerundet wird das stimmige Papierwelt-Gesamtkonzept durch viele Sammelgegenstände, ein Foto-Feature (wo Ihr blassen Figuren Farbe verleiht), eine Touchpad-Malerei zum Individualisieren der Spielfigur und schließlich freischaltbare Vorlagen für echte Papiermodelle zum Ausschneiden stark!
Matthias Schmid meint: Als die Testversion in die Redaktion kam, war ich wenig euphorisch Habe ich schon auf Vita gespielt, dachte ich mir. Denkste! Denn die Papier-Optik profitiert von PS4-Power, höherer Auflösung und großem Bildschirm. Ich weiß, dass ich anfällig für außergewöhnliche Grafikstile à la Yoshis Woolly World oder Okami bin aber Tearaway Unfolded ist eine audiovisuelle Granate, die ihresgleichen sucht. Jedes Gebiet protzt mit neckischen Details und hinreißend modellierten Objekten und Figuren. Auch spielerisch überzeugt der Titel: Die Steuerung passt, die Controller-Spielereien sorgen für Kurzweil. Besonders toll finde ich, dass die Entwickler alle Vita-Features mit mindestens ebenso guten PS4-Pad-Ideen ersetzten dazu kommen neue Bereiche und ein noch stimmigeres Leveldesign.
- stark erweitert im Vergleich zum PS-Vita-Original
- sehr gute deutsche Stimmen
- kreative Nutzung des Controllers
- digital 20 Euro günstiger (40 statt 60)
Ungemein hübsches, stets gut spielbares Hüpfabenteuer ohne große Herausforderungen auch Besitzer der Vita-Version greifen zu!
| Singleplayer |  | 82 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |