
Microsoft schluckt Activision Blizzard
Die wuchernde Cloud und Download- und Streaming-Kanäle brauchen Inhalt – und der heißeste Content sind Spiele! Mit einer 68,7-Mrd.-US-Dollar-Investition will sich Microsoft an die Spitze der Games-Branche setzen und positioniert sich auch stark für die Metaversum-Zukunft, als größter Entwickler und Anbieter interaktiver Unterhaltung. Nicht zuletzt an Sony ist die Januar-2022-Übernahme von Activision Blizzard eine Kampfansage: Nachdem 2020 schon eine große Studiogruppe und ein Paket erfolgreicher Spielemarken wie Wolfenstein, Doom, Elder Scrolls oder Fallout vom Third-Party-Markt in den Xbox-Besitz wanderten, besitzt Microsoft nun auch über 500 Game-IPs, die Activision in 40 Jahren anhäufte, darunter mit Call of Duty die mächtigste Shooter-Marke der Gegenwart, das Warcraft-Universum und das bunte Puzzle-Phänomen Candy Crush.
Der Xbox-Katalog alter und neuer Spiele und Serien sucht global seinesgleichen: Nach dem Kauf hortet Microsoft die größte Software-Sammlung der Welt und bestimmt, wann Klassiker wie Pitfall!, Doom, Flight Simulator oder Starcraft für welche Plattform umgesetzt, renoviert oder lizenziert werden. Kurz gesagt: Fortan kontrolliert Microsoft einen guten Teil der westlichen Games-Geschichte! In die Xbox-Familie kommen außerdem fast 10.000 Beschäftigte, 12 Activision-, 5 Blizzard- und 11 King-Entwicklungs-Teams. Zu neuen Xbox-Studios werden unter anderem Raven Software, Infinity Ward, Treyarch und High Moon.
Das dritte Element, das den Activision-Konzern wertvoll und teuer macht, ist sein fetter Kundenstamm: ”Fast 400 Millionen monatlich aktive Gamer in 190 Ländern” rücken nun nah an die gut 25 Millionen Abonnenten des Xbox Game Pass. Letzterer wird aufgerüstet: ”Nach der Übernahme bringen wir so viele Activision-Blizzard-Spiele wie möglich, Neuheiten wie auch Klassiker”, versprechen Xbox-Chef Phil Spencer und Microsoft-CEO Satya Nadella. ”Gaming ist die dynamischste und aufregendste Unterhaltung und wird eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Metaverse-Plattformen spielen (…) Fantastische Marken werden unsere Cloud-Gaming-Pläne beschleunigen, mehr Menschen überall mit Handys, Tablets, Laptops etc. an der Xbox-Community teilnehmen.” Dass Spencer Konsolen, Sony und Nintendo übergeht, heißt nicht, dass Activision Blizzard kein Spiel mehr für Switch oder PlayStation produziert oder vermarktet. Es deutet jedoch an, dass die Versorgung der Mitbewerber-Hardware in ein, zwei Jahren dünner werden dürfte – abhängig von der Entscheidung der Xbox-Führung. Durch die Zenimax- und Activision-Käufe kann Microsoft Hardware-Rivalen den Zugang zu bekannten Marken drosseln oder ganz abschneiden.
Auch den Mann, der Activision vor 31 Jahren aus Trümmern neu aufbaut, zitiert die Pressemeldung (”Inklusion wird uns helfen, unseren anhaltenden Erfolg in zunehmend wettbewerbsorientierter Branche zu sichern”), doch die Ära des Bobby Kotick dürfte beim Verkauf enden: Unwahrscheinlich, dass der imagesensible Microsoft-Konzern, der Studio-Kultur und ”proaktive Inklusion”, Respekt und Menschenwürde lobt, die politisch inkorrekte Personalie mitnimmt. Ein Skandal um Belästigung und miese Mitarbeiterführung beschädigte den Activision-Chef, machte ihn von einem der teuersten Game-Entscheider zum umstrittensten. Ende letzten Jahres forderten 2.000 Beschäftigte Koticks Entlassung, Xbox-Chef Spencer rügte Activision. Andererseits schießt nicht zuletzt die schlechte Kotick-Presse Activision sturm- und übernahmereif. ”Eine Abfindung von rund 300 Millionen US-Dollar” nimmt Kotick zusätzlich, wenn er geht, meint die FAZ.
Im Duell der Konsolen verschiebt der Kauf das Kräfteverhältnis. Viele Branchenbeobachter werten den Microsoft-Move als vernichtenden Schlag, glauben, dass der Xbox Game Pass (gut 25 Millionen Abos) bald mehr Spieler lockt und bindet als das PSN (gut 100 Millionen Nutzer). Die Sorge, dass PlayStation zig Millionen Call of Duty-Fans verliert, sobald bestehende Verträge erfüllt oder gelaufen sind, schicken den Sony-Aktienkurs, der in zwei Corona-Jahren gedieh, zweistellig in den Keller. Überzogene Reaktion, schätzen wir: Sony hortet genügend Game-Eigenmarken, Klassiker und Neuproduktionen, baut, statt Alt-IPs zu sammeln, Entwicklungskapazitäten ruhig und solide aus, pflegt enge und langjährige Partnerschaften rund um den Globus. Dazu hütet Sony weitere Popkultur-Schätze, Hollywood-Studios und Audio-Labels, besitzt gewaltige Film-, Musik- und Markenkataloge.
Wer bespaßt uns im Metaversum? Unterschiedlich aufgestellt spielen Sony und Microsoft in der gleichen, obersten Liga, in der sich der chinesische Konzern Tencent (der einen Activision-Minderheitsanteil und die asiatischen Rechte an Call of Duty und World of Warcraft hält) sowie Google, Apple, Amazon und Meta tummeln. Letztere geraten durch Microsofts Expansion in Zugzwang und manch einer grübelt, wann die Internet-Riesen massiv in Games investieren und ob nicht gar T2, Embracer oder EA Übernahmeziele werden.
Nach Abschluss der Übernahme zählt Microsoft ”über 30 interne Spieleschmieden sowie zusätzliche Publishing- und E-Sport-Produktionskapazitäten”. Das ist trocken formuliert: In drei Jahrzehnten baut Microsoft systematisch einen Game-Rechtekatalog auf und hat nun ein gewaltiges Archiv alter und neuer, weltbekannter und vergessener Spiele.








