Es ist der Test von Halo 4, den Ihr gerade lest – abgesehen vom Titel. Und das Spiel ist sehr schlecht – abgesehen von all den tollen Sachen. Wir wissen leider nicht, welcher Teufel die Marketing-Abteilung von Microsoft geritten hat, den beknackten Spruch Es ist Halo 4 – abgesehen vom Titel zum Werbeslogan seines wichtigsten Spiels des Jahres 2010 zur küren. Verdient hat das dieser würdige Abschluss einer großen Ego-Shooter-Ära nicht – Halo: Reach trägt den Namen seines Schauplatzes aus gutem Grund im Titel: Zum einen behandelt die wohl letzte Halo-Episode aus dem Hause Bungie (siehe Kasten auf Seite 56) den Kampf um den Planeten Reach und erzählt damit die Vorgeschichte zu den Ereignissen des Erstlings Halo: Combat Evolved. Zum anderen steht Reach wohl auch sinnbildlich für das Erreichen des Endes einer Saga, für das Ankommen im Hafen nach einer gut achtjährigen, aufregenden Ego-Shooter-Reise.
Mit an Bord sind eine etwas kurz geratene, unterm Strich aber doch sehr gelungene Solo-Kampagne, die sich bis zum furiosen Finale stetig steigert, sowie ein Mehrspieler-
Modus, der in puncto Umfang, Optionsvielfalt und Community-Einbindung auch auf lange Sicht hin seinesgleichen suchen wird. Doch widmen wir uns zunächst dem Solo-Erlebnis: Den Einstieg sachte oder gemächlich zu heißen, käme einer Verharmlosung der Umstände gleich. Halo: Reach legt in den ersten gut 90 Minuten einen Fehlstart hin, der uns kalt erwischt hat: Denn wer die Vorgänger nicht gut kennt, versteht in puncto Story und Spielwelt erst einmal nur Bahnhof. Zudem lassen die Gefechte die gewohnte Dynamik und Wucht vermissen. Wenn die offene, nichtlineare Spielwelt eines ODST schon über Bord geworfen wird, dann bitte für ein von der ersten Sekunde an mitreißendes, perfekt getimtes Schlachtengemälde. Auch der Start der vierten Mission Dämmerung – einem Sniper-Einsatz – zeigt, dass Halo in puncto Wucht und Mittendrin-Inszenierung einem Call of Duty nicht mehr das Wasser reichen kann: Im Gegensatz zur Pripyat-Schleichpassage aus Modern Warfare wirkt der Scharfschützen-Einsatz aufgesetzt und langweilig.
Zum Glück erwacht Reach kurz darauf aus seiner Lethargie und macht den drögen Einstieg dank exzellenten Pacings und immer größeren Gefechten rasch vergessen. Mitunter seid Ihr ob der vielgestaltigen Schauplätze und fordernden Missionsziele so beschäftigt, dass Euch die nur ordentliche Grafik nicht weiter stört; obwohl Reach spürbar schicker ist als ein Halo 3 (z.B. bei Lichteffekten und Rüstungen), fällt unterm Strich auf, dass Bungie den Anschluss an Guerrilla, Infinity Ward oder Naughty Dog verpasst hat. Außerordentlich gut ist hingegen einmal mehr der Soundtrack – wenn treibende Trommeln die Kämpfe untermalen oder epische Fanfaren den Abschuss eines Sternenschiffes beweinen, während Euer Team vor einem blitzdurchzuckten Nachthimmel thront, dann wird klar, dass die Halo-Serie in Sachen Stimmung und Atmosphäre den meisten Konkurrenten die Schau stiehlt. Für so manchen unschönen Bruch sorgen leider einmal mehr die deutschen Stimmen: Die schwanken diesmal zwischen geht so und stümperhaft und haben bei einem Prestige-Produkt dieser Kragenweite nichts verloren – da Ihr auf der deutschen Reach-Disc aber nur diese Sprachausgabe findet, müsst Ihr wohl oder übel damit leben.
Eine große Stärke der Serie waren und sind die Fahreinsätze: Halo: Reach setzt in diesem Punkt noch einen drauf und avanciert vom Ego-Shooter mit Fahreinlagen zu einem abwechslungsreichen Action-Potpourri, das Euch hinters Steuer von u.a Warthog, Ghost-Gleiter, Pelican- Helikopter und Scorpion-Panzer steckt. Zudem nehmt Ihr erstmals an einer waschechten Raumschlacht teil und freut Euch dank diverser Bemanne ein Geschütz-Passagen obendrein über einige kernige RailShooter-Passagen. Neu in Reach sind Panzerungsfähigkeiten, die Ihr im Singleplayer-Modus an mehreren Stellen pro Level austauschen dürft: Während der Sprint und die aktive Tarnung nichts Besonderes mehr sind, stellen der holografische Köder, das Panzerungsschild (ein verbessertes Bubble Shield) und der Ausweich-Hopser eine echte Bereicherung dar. Die Krönung schließlich ist das komfortabel steuerbare Jetpack, das Euch in den Kämpfen fast schon eine neue Dimension eröffnet; leider kommt es im Einzelspieler-Part etwas zu selten zum Einsatz. Das gewaltige Arsenal futuristischer Schießprügel wird zwar keinen Halo-Hasser bekehren, erhält u.a. mit einem Granatwerfer und dem starken Plasmawerfer coole Neuzugänge, die eine willkommene Abwechslung zu Klassikern wie dem MA37-Sturmgewehr oder dem tödlichen Gravitationshammer darstellen. Nicht zuletzt, weil Euch schon auf der normalen Schwierigkeitsstufe die regelmäßige Munitionsknappheit dazu nötigt, die Waffen der getöteten Feinde zu benutzen, wisst Ihr das Gros der mannigfaltigen Knarren bald zu schätzen. Ebenso tragen die weitläufigen Areale, von denen ein großer Teil unter freiem Himmel liegt, die kompetent erzählte Geschichte und die nicht immer schlauen, aber stets schwer einzuschätzenden Feinde dazu bei, dass die Solo-Kampagne zum Ende hin immer intensiver wird und der Liaison zwischen Microsoft und Bungie einen würdigen Schlusspunkt beschert.
Nach dem Abspann versprechen Euch die Entwickler, dass der Spaß im Multiplayer-Modus erst richtig losgeht – und sie halten Wort. Leider würde es den Umfang einer M! Games sprengen, die Vielfalt der Spielvarianten, die unzähligen Einstellmöglichkeiten sowie all die Detailverbesserungen zu preisen, die Bungie – aufbauend auf dem Xbox-Live-Dauerbrenner Halo 3 – in den Online-Part von Reach gepackt hat. Die nicht zuletzt dank der Online-Beta erneut vorbildliche Spielbalance, der ausgeklügelte Aufbau der Arenen sowie die neuen Panzerungsfähigkeiten (die Ihr auf Wunsch bei jedem Respawn ändert) machen Deathmatches, Teamschlachten und all die anderen Varianten zu einem rauschenden Online-Schlachtfest, das auch ohne das Auflevel-System eines Call of Duty über Monate fesselt. Im neuen Invasion-Spielmodus jagt Euer Team dynamischen Zielen hinterher, zudem variieren die Gefechte im Sekundentakt – mal stehen Panzergefechte auf weitläufigen Auen, mal Schusswechsel in schmalen Gängen an.
Auch der Firefight-Modus (kämpft kooperativ gegen Wellen von Feinden) kehrt zurück und pumpt Adrenalin durch Euren Körper – bei einer Firefight-Schlacht z.B. mit Jetpacks und unendlich Raketenmunition kracht und rumst es ohne Unterlass. Zwar müsst Ihr mitunter etwas warten, bis Euch das Matchmaking-System ungefähr gleich starken Mitspielern zugeteilt hat, dafür sind rund um die Uhr derart viele Halo-Fans online, dass auch die abgedrehtesten Varianten zustandekommen. Netterweise stimmt Ihr vor einem Match per Mehrheitsvote über drei Spielvarianten ab, außerdem könnt Ihr in Reach noch leichter das Treiben Eurer Freunde verfolgen und in deren Matches einsteigen. Abgerundet wird das Paket von guten Bekannten aus Halo 3: der Schmiede (passt die Levels via Editor Euren Wünschen an) und dem Kino (zeichnet sowohl Solo-Kampagne als auch Online-Matches auf) – hier schaltet Ihr das HUD ab, ladet Clips aus aller Welt, spult durch die Videos und erstellt Screenshots. Natürlich ist auch die Kampagne wieder zu viert kooperativ spielbar, während der ersten Wochen jedoch nur mit Spielern aus Eurer Freundesliste. Bungie wollte die Matchmaking-Funktion dafür erst im Oktober und damit nach unserem Druckschluss freischalten.
+ Kampagne steigert sich angenehm zum Ende hin
+ packende Schlachten in oft weitläufigen Arealen
+ Action auf Fahrzeugen macht Laune
+ perfekt spielbare Online-Action
+ konkurrenzlos mächtiger Mehrspieler-Modus
– träger Beginn der Solo-Story
– Grafik teilweise veraltet
– schwachsinnige Kollegen-KI hinterm Steuer
Matthias Schmid meint: Beim Test von ODST habe ich gemerkt, dass ich langsam zum Halo-Fan mutiere – ich fürchte, jetzt ist es um mich geschehen. Doch Schuld hat diesmal nicht die gelungene Kampagne, sondern der Mehrspieler-Modus. Eine Wucht? Eine Sensation? Ein Suchtmittel für Monate? Letzteres wird die Zeit zeigen, die schiere Masse an Modi und Einstellmöglichkeiten, welche die intensiven Knallereien immer wieder anders verpacken, hat mich aber vom Hocker gehauen. Das half mir über so manches Ärgernis aus dem Solo-Part hinweg: Dass ich den Einstieg ziemlich öde und die Spielzeit zu kurz fand, entnehmt Ihr schon dem Test-Text. Ebenfalls genervt hat mich die Tatsache, dass ich bei Warthog-Passagen wählen muss: Entweder lenke ich und verzichte auf das coole Ballern mit der Minigun oder ich lasse einen KI-Vollpfosten ans Steuer, der mich wahnsinnig macht.
Oliver Schultes meint: Im Gegensatz zum Kollegen Schmid hat meine Halo-Begeisterung mit Teil 3 (verflucht sei das Flood-Raumschiff!) abgenommen und bei ODST (öde Spielwelt) ihren Tiefpunkt erreicht. Reach dagegen ist bis auf den verkorksten, weil drögen Beginn ein exzellentes Best of der Serie. Steuerung, Schauplatzvielfalt, Intensität der Gefechte, Dramaturgie, Musikuntermalung und sogar die Story verdienen Hochachtung. Außerdem schaffen es nur wenige Entwickler so wie Bungie, Euch den Atem stocken zu lassen: Regelmäßig steht Ihr vor apokalyptischen Szenarien, die wie Spielbergs Krieg der Welten die Aussichtslosigkeit des Kampfes Mensch gegen Alien verströmen – grandios! Ein doppeltes Pfui geht an die unterirdische deutsche Sprachausgabe und die teils schäbige Grafik – manchmal hatte ich das Gefühl, auf der alten Xbox zu daddeln.








