Ein kurzer Rückblick: Auf der E3 2012 verzückte die Ankündigung von Watch_Dogs die Spielewelt. Das Großprojekt von Ubisofts Studio in Montreal beeindruckte im Trailer mit phantastischer Grafik und versprach ein ganz neues Spielgefühl: Mittels Smartphone sollte Hacker Aiden Pearce die Technik der Stadt Chicago zu seinem Vorteil manipulieren können. In der Folgezeit entwickelte sich Watch_Dogs zum vermeintlichen Next-Gen-Heilsbringer. Doch nach der Verschiebung vom ursprünglich angepeilten Release im November 2013 auf Mai 2014 erhielt die Euphorie einen ziemlichen Dämpfer, dazu zeigten neue Gameplay-Videos eine sichtlich abgespeckte Grafik. Ab heute steht Watch_Dogs im Handel und muss schlußendlich Farbe bekennen.
Schauplatz
Aiden Pearce will Rache. Die Familie des Hackers wurde Opfer eines Attentats, bei dem seine Nichte ums Leben kam. Nun sucht er die Schuldigen und nutzt dabei die Möglichkeiten, die ihm das moderne Chicago bietet. Denn die Metropole beherbergt das fortschrittlichste Überwachungssystem Amerikas: Das “ctOS” kontrolliert als zentrale Anlaufstelle alles von Kameras über Wasserleitungen bis hin zu Ampeln. Mit seinem Smartphone verschafft sich Aiden Zugriff auf dieses System und instrumentalisiert die Stadt fortan für seine Zwecke. Die rund 25 Stunden Story geraten aufgrund ständig neuer Protagonisten und paralleler Handlungsstränge zwar etwas konfus, führen Euch aber an einige hübsche bzw. interessante Schauplätze.
Da auch Aidens Mitmenschen nicht mehr ohne mobiles Telefon auskommen, hackt Ihr Euch auf Tastendruck in Ihre Geräte. Neben privaten Infos wie Krankenakte oder Jobsituation knackt Ihr im Vorbeigehen Bankkonten, um Euch am nächsten Automaten das Geld in Bar abzuholen. Desweiteren belauscht Aiden Telefongespräche und liest Chats mit. Auf diese Weise macht Ihr potenzielle Nebenmissionen ausfindig: Beschützt Personen vor Überfällen, räumt Gangverstecke aus oder liefert unter Zeitdruck Autos aus. Außerdem wartet eine Vielzahl sogenannter Fixer-Aufträge mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen. Geht Ihr bei all dem rücksichtsvoll vor und schlagt Gegner z. B. nieder statt sie zu töten, achtet Euch die Bevölkerung und meldet Aidens Aktivitäten nicht gleich der Polizei. Sucht Ihr Ablenkung vom Hacker-Alltag, bietet Chicago dafür jede Menge Möglichkeiten: Schach, Augmented-Reality-Schießereien auf virtuelle Aliens, Sightseeing von Chicagoer Wahrzeichen, Parcour-Rennereien und mehr laden zur Zerstreuung ein an Abwechslung mangelt es in Watch_Dogs wirklich nicht. Praktischerweise verwaltet Aiden nahezu alle Aktivitäten und Missionen über sein Handy, das Euch auf Wunsch mittels GPS-Route ans Ziel bringt.
Eine große Hilfe bei Aidens Aufgabe stellt die Überwachungsstruktur von Chicago dar. Um jedoch vollen Zugriff darauf zu genießen, müsst Ihr zunächst den ctOS-Turm im jeweiligen Stadtteil freischalten hier ist eine Mischung aus Klettern und Hacken gefragt. Danach zapft Ihr die unzähligen Kameras an, die in- und außerhalb von Gebäuden in der ganzen Stadt platziert sind. Hackt Euch von Kamera zu Kamera und bekommt auf diese Weise einen Überblick, ohne das Gelände überhaupt zu betreten. Wollt Ihr lieber direkt vor Ort sein, schleicht Ihr Euch einfach an den Wachen vorbei ins Gebäude. Vor dem Zugriff auf wichtige Informationen steht jedoch die Wiederherstellung von Datenströmen im Rahmen eines simplen Minispiels.
Während Eurer digitalen Spionage entdeckt Ihr übrigens immer wieder skurrile Aufnahmen aus Privathaushalten. Lauscht etwa einem Kerl bei seinem schiefen Gesang oder werdet Zeuge, wie ein Typ verschiedene Penispumpen ausprobiert.
Schauplatz Kämpfe & Hacking Technik Multiplayer Meinung
Kämpfe und Hacking
Entscheidet Ihr Euch für ein aggressiveres Vorgehen, stehen Euch zahlreiche Schusswaffen zur Verfügung. Diverse Pistolen, Maschinengewehre, Schrotflinten und Granatwerfer habt Ihr über eine Schnellauswahl ebenso zur Hand wie Sprengstoffe. Allerdings verträgt Aiden nur wenige Treffer, weshalb Ihr offene Kämpfe meiden solltet. Rutscht auf Knopfdruck hinter Fahrzeuge, Wände und Mauern in Deckung, wechselt schnell zwischen Positionen und schaltet bei Bedarf in einen Zeitlupen-Modus. Geschmeidigere Naturen setzen die Umgebung als Waffe ein: So lockt Ihr beispielsweise Feinde mit Geräuschen an und schaltet sie aus, indem Ihr eine nahe Gasleitung zur Explosion bringt. Das Zusammenspiel all dieser Aktionen klappt dank hervorragender Steuerung prima das Fahren der unterschiedlichen Autos, Motorräder und Boote gelingt ebenfalls problemlos.
Apropos Fahrzeuge: Ihr dürft Euch die Vehikel außerhalb aktiver Missionen jederzeit kostenlos liefern lassen. Neue Karossen schaltet Ihr frei, in dem Ihr innerhalb der Stadt in einen entsprechenden Flitzer einsteigt oder über das Menü einen neuen Wagen kauft. Echte Marken erwarten Euch hier nicht, allerdings sind die Vehikel äußerlich an reale Modelle angelehnt. Das Sammel-Prinzip gilt übrigens auch für die Kanonen: Einmal aufgenommen, gehören sie dauerhaft Euch. Alternativ investiert Ihr in Geschäften in neue Schießprügel sowie Munition.
Bei wilden Verfolgungsjagden und Fluchten vor der aggressiven Polizei kann Aiden im Vorbeifahren die Ampeln umschalten und so Unfälle provozieren. Fahrt Ihr durch eine Seitengasse, lasst Ihr massive Betonpfeiler aus dem Boden schießen, die Eure Häscher abrupt stoppen. Hilft auch das nicht, öffnet Ihr Brücken und springt im letzten Moment mit Eurem Wagen auf die andere Seite. Auf diese Möglichkeiten müsst Ihr nie warten, denn an fast jeder Ecke Chicagos kann Aiden irgend etwas manipulieren. Allerdings ist die Nutzung sämtlicher Hacks an den Akku des Handys gebunden, der sich mit der Zeit wieder auflädt.
Den Ausbau Eurer Fähigkeiten bewerkstelligt Ihr mit Erfahrungspunkten, die Aiden für erledigte Aufgaben ebenso bekommt wie Geld. Zapft Ihr unterwegs die richtigen Leute an, winken neue Songs fürs Autoradio, frische Karossen und Elektroteile. Aus letzteren baut Ihr besonders mächtige Werkzeuge wie Haftbomben und die Möglichkeit eines ‘Blackout’ damit dreht Ihr auf einen Schlag einem ganzen Häuserblock den Strom ab. Sucht Ihr eine größere Herausforderung, dürft Ihr jederzeit zwischen vier Schwierigkeitsstufen umstellen.
Die Technik
Watch_Dogs zeichnet mit vielen Details ein glaubhaftes Chicago. Dafür sorgen die gesprächigen Passanten, eine gute Geräuschkulisse und optisch abwechslungsreiche Stadtteile. Die Bildrate bleibt bis auf wenige Ausnahmen stabil, egal ob Ihr mit dem Auto fahrt oder zu Fuß unterwegs seid. Das wird jedoch mit Pop-Ups sowie eingeschränkter Sichtweite erkauft insbesondere Autos verschwinden ab einer gewissen Entfernung einfach aus dem Bild. Die Beleuchtung gefällt besonders in der Nacht und bei Regen mit schicken Lichtbrechungen und Spiegelungen. Partikeleffekte, etwa bei Explosionen, sehen genauso fein aus. Die Auflösung ist generell sauber und scharf, dennoch fallen immer wieder karge Texturen ins Auge. Die Qualität der Figuren schwankt ebenfalls: Aidens Gesicht und Mantel zeigen feine Strukturen, andere prominente Charaktere hingegen wirken leicht plastikhaft. Ab und an bemerkt Ihr ungelenke Animationen bei den NPC-Figuren. Insgesamt sieht Watch_Dogs gut aus, ein Vorzeigespiel für die neue Hardware ist es allerdings nicht.
Musikalisch hört Ihr eine Mischung aus Rock, Pop und Hip-Hop. Bands wie Rise Against, Vampire Weekend, Chicago oder Wu-Tang Clan steuern ihre Stücke bei. Ansonsten untermalen mal treibende, mal entspannte Elektro-Sounds passend das Geschehen. Die deutschen Sprecher verleihen Aiden und Co. glaubhafte Stimmen. Stellt Ihr Eure Konsole auf Englisch um, passt Ihr damit nur die Sprache an, deutsche Texte bleiben erhalten.
Das Touchpad des Controllers blendet die Karte ein, auf der Ihr mit Fingerbewegungen den Cursor manövriert und via Tippen eine Route festlegt. Watch_Dogs installiert 22 GB auf der Festplatte der PlayStation 4. Ladezeiten beschränken sich auf den Start des Spiels sowie Checkpoints nach dem Ableben. Remote Play auf der PlayStation Vita wird unterstützt.
Der Mehrspieler-Modus von Watch_Dogs ist grundsätzlich immer aktiv, sofern Ihr die Online-Funktionen nicht über das Menü unterbindet. Ihr wählt zwischen freiem Spiel und Rennen für bis zwei bis acht Teilnehmer sowie verschiedenen 1-gegen-1-Herausforderungen. Aufgrund von Mitspieler-Mangel zum Testzeitpunkt reichen wir die Mehrspieler-Wertung  nach, gleiches gilt für Infos zur kostenlosen App von Watch_Dogs.
Sascha Göddenhoff meint: Ich fand den Hype um Watch_Dogs ziemlich absurd, trotzdem habe ich mich sehr auf das Spiel gefreut. Denn abseits der hochtrabenden Erwartungen versprach mir der Titel eine frische Thematik und eine bisher unbekannte Interaktion mit der Spielwelt. Genau diese Möglichkeiten zeichnen das Spiel aus, auch wenn man sie simpler nicht hätte einbinden können. Die Macht, die von Aidens Smartphone ausgeht, wird trotzdem gut vermittelt und ermöglicht im Zusammenhang mit bekannten Elementen ein flexibles Spielerlebnis. Die Diskrepanz zwischen einstiger Trailer-Grafik und letztendlicher Spieloptik stört mich nur gering, denn schick sieht Watch_Dogs auf jeden Fall aus. Vielmehr verwirrt mich die Geschichte mit ihren vielen Figuren, verpasst aber trotzdem die Chance, mit großen Momenten in Erinnerung zu bleiben. Am Ende ist Watch_Dogs keine Revolution, aber ein prima Abenteuerspielplatz mit zahlreichen Freiheiten geworden. Hier kann sogar ich richtig hacken!
+ massig Missionen, Nebenaufgaben und Sammelkram
+ flexibles Vorgehen mit Hacken, Schießen und Schleichen
+ sehr gute Deckungsmechanik
+ Chicago optisch abwechslungsreich
– Grafik nur gut
– häufige Pop-Ups (Fahrzeuge, Fußgänger)
– etwas verwirrende Story
“Watch_Dogs” vereint bekannte Spielmechaniken und frisches Hack-System zu einem sehr guten, aber nicht großartigen Erlebnis.
| Singleplayer |  | 88 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |