Hier kommt ein Konsolenabenteuer für all jene, die das Träumen noch nicht verlernt haben. Das kalifornische Mini-Studio thatgamecompany liefert nach flOw und Flower sein Meisterstück: Journey (deutsch: Reise) ist ein ebenso bildgewaltiges wie zartes, atemberaubend schönes wie bemerkenswertes Videospiel.
Die Hauptfigur ist weder Mensch noch Tier, trägt keinen Namen und spricht nicht. Und dennoch ist das bemäntelte, zierliche Wesen ein Charakter zum Gernhaben. Egal, ob sein naiver Unschuldsblick über Gebäuderuinen schweift oder es seine staksigen Beinchen hastig über den traumhaft animierten Wüstensand tragen wir fühlen eine emotionale Verbundenheit mit dieser Kreatur. Gerne folgen wir ihr durch farbenfrohe, stilistisch einzigartige virtuelle Welten: Unsere Reise beginnt unter der sengenden Wüstensonne, wir dirigieren unser Männchen (Weibchen?) per Analogstick über die Dünen. Außer einem klingenden Pling-Ton, den wir auf Knopfdruck aussenden, gibt es am Anfang keinerlei Interaktion mit der Spielwelt. Wir lassen uns darauf ein, laufen los und werden in der Folge erkennen, dass uns Journey äußerst geschickt zum nächsten relevanten Punkt in der leeren Welt lotst sei es durch eine interessante Ruine, einen Lichtstrahl oder nur durch das Gefälle eines Pfades. Schon bald erkennen wir, wozu das Aussenden unseres Tones gut ist: Zum einen machen wir so in den Welten verteilte Altarinschriften sichtbar, die an das Schriftbild versunkener mittelamerikanischer Kulturen (z.B. Olmeken) erinnern und nach und nach die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang einer Kultur erzählen. Außerdem dient der Klang dazu, verstaubten Stoffbahnen neues Leben einzuhauchen. Klingt komisch? Fühlt sich aber bald sehr natürlich an. Lasst Ihr einen Ton erschallen, werden Stoffstücke lebendig und füllen die Energie Eures Flugschals auf. Dessen Länge wiederum erweitert Ihr durch das Sammeln leuchtender Symbole hat Eure Spielfigur einen längeren Schal, könnt Ihr länger und höher durch die Luft schweben. Das wars dann auch schon in spielerischer Hinsicht, fast jedenfalls. Ihr dreht die Kamera via Sixaxis bzw. rechtem Stick und könnt über eine Online-Verbindung auch zu zweit auf die Reise gehen.
Seine Brillanz zieht Journey aus der Vermählung von wunderschöner Grafik, sanfter Musik, einer Stilsicherheit, die im Spielebereich ihresgleichen
sucht, und der zauberhaften Welt, die von der ersten Sekunde an Neugier schürt. Zudem lässt das zweistündige Abenteuer, das von nur elf Leuten erschaffen wurde, viel Interpretationsspielraum: Ist die Reise der Spielfigur als Wanderung von A nach B zu verstehen oder eine Metapher für den Abschied von allem Irdischen, eine Art Himmelfahrt also? Was hat es mit den rätselhaften Stoffdrachen auf sich? Sind die Stelen am Wegesrand Grabsteine vergangener Wanderer, die ihr Ziel nicht erreicht haben? Wer sich am fehlenden spielerischen Gehalt (Kampfsystem? Super Moves? Waffen?) nicht stört, der erlebt eine unvergessliche Reise voller Poesie und Wow-Momente kurz: eines der bislang eindrucksvollsten Spielerlebnisse.
Ein Spiel als Erlebnis und jenseits des üblichen Sortiments.
| Singleplayer |  | 90 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |