Bis vor kurzem war die Nintendo-Welt noch in Ordnung: Wii und DS verkauften sich prächtig, zu Glanzzeiten bestanden die Top Ten der Verkaufscharts mitunter komplett aus Spielen für die mobile und die stationäre Nintendo-Konsole. Doch im Laufe des letzten Jahres setzte ein kontinuierlicher Abwärtstrend ein, der dazu führen sollte, dass die Japaner Nachfolger für besagte Konsolen in Form von 3DS und jetzt Wii U ankündigten.
Zeitsprung in die Gegenwart: Der 3DS ist seit gut vier Monaten auf dem Markt und hat sich bisher eher schleppend verkauft und die E3-Präsentation der Wii U stieß nicht nur auf Gegenliebe. Es stellt sich die Frage: Quo vadis, Nintendo? Kann der Mario-Erfinder eine ähnlich dominante Position wie in der letzten Konsolengeneration einnehmen oder wird er wie in den Jahren davor nur die zweite oder dritte Geige spielen?
Schaut man sich die bisherigen Verkaufszahlen des neuen Handhelds an, ist festzustellen, dass dessen Start nicht optimal verlaufen ist. So dauerte es 13 Wochen bis eine Million Einheiten abgesetzt werden konnten (der Vorgänger benötigte dafür nur vier Wochen). Sicher war dafür auch die Katastrophe in Fukushima am 11. März verantwortlich. Denn wie man schon am GameCube-Release im Jahr 2001 sah (die Konsole erschien rund zwei Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon), können Ereignisse von weltweiter Tragweite durchaus Einfluss auf die Abverkäufe einer Konsole haben. Trotzdem darf man die ersten 3DS-Verkaufszahlen nicht überbewerten, denn auch die PlayStation 2 verkaufte sich anfangs mittelprächtig bis sie im Laufe der Jahre zum souveränen Marktführer wurde.
Wenig prickelnd gestaltet sich aktuell noch das Sofware-Lineup, denn außer dem 3D-Remake von The Legend of Zelda: Ocarina of Time ist bisher noch kein echter Blockbuster erschienen. Und selbst dabei handelt es sich lediglich um den Aufguss eines 13 Jahre alten (großartigen) Action-Adventures. Schlimmer ist aber, dass es meiner Meinung nach bis dato kein Spiel gibt, das den neuartigen 3D-Effekt der Konsole für den Spielspaß gewinnbringend einsetzt. Beim normalen DS gab es hingegen fast vom Start weg Software im Stil von Project Rub, welche die innovativen Vorzüge von Stylus und Touchscreen verdeutlichten.
Ein fundamentales Problem des Handhelds ist jedoch, dass für dessen Hauptverkaufsargument, also den neuartigen 3D-Effekt ohne entsprechende Brille, unmöglich adäquat geworben werden kann. Diese Schwierigkeit bestand beim Nintendo DS nicht, denn man zeigte parallel zu den Spielszenen einfach die dazugehörige Interaktion eines Spielers via Stylus und Touchscreen. Nintendo weist bei 3DS-Werbungen zwar per Schriftzug darauf hin, dass es sich dabei nur um 2D-Bilder eines eigentlich dreidimensionalen Spiels handelt, am Ottonormalverbraucher ohne Hintergrundwissen geht diese Information allerdings komplett vorbei. Mangelnde Werbemöglichkeiten waren seinerzeit übrigens unter anderem auch der Grund für Nintendos ersten Hardwareflop, den Virtual Boy.
In dieser leicht angespannten Situation verlief auch die E3-Präsentation der Wii U nicht optimal. Dabei wurde der Fokus zu sehr auf den neuartigen Controller gelegt einige bekamen gar nicht mit, dass es sich hier um eine neue stationäre Konsole handelt. Nicht nur deshalb gab der Kurs der Nintendo-Aktie in den Tagen nach der E3 um rund zehn Prozent nach und befindet sich aktuell auf dem tiefsten Stand seit etwa fünf Jahren.
Überhaupt könnte das Wii U-Konzept vor allem Sony in die Karten spielen, denn durch die Verbindung von PlayStation Vita und PlayStation 3 kann der Konzern ein ähnliches Konstrukt wie Nintendo erstellen. Mit dem Unterschied, dass PS3 und Vita nicht aufeinander angewiesen sind. Außerdem wird es nicht leicht sein, den Konsumenten oder zumindest den von Nintendo ebenfalls angepeilten Gelegenheitsspielern das innovative Konzept des Controllers näherzubringen. Bei der Wii stellte sich dieses Problem seinerzeit nicht, da es als allgemein bekannt angesehen wurde, was eine Fernbedienung ist und wie man sie verwendet. Und besagte Gelegenheitsspieler waren es schließlich, die Nintendo vor fünf Jahren im Eiltempo an der Konkurrenz vorbeiziehen ließen. Diese sind inzwischen teilweise zu kostenlosen Spielportalen im Internet oder den Social Networks abgewandert, haben DS & Co. also nicht die Treue gehalten.
Die Konkurrenz hat also aufgeholt (nicht zuletzt durch die Einführung von Kinect und Move) und unterschätzt Nintendo nicht mehr, was unter anderem am konkurrenzfähigen Preis der PlayStation Vita erkennbar ist. 2005 war das noch anders und viele von Euch erinnern sich in diesem Zusammenhang sicher noch an die Worte von Ken Kutaragi, der sagte, dass es wohl kein Problem sei, für seine PlayStation 3 ein bisschen länger arbeiten gehen zu müssen. Hochmut kommt vor dem Fall.
Es ist nicht davon auszugehen, dass Wii U und 3DS in Rekordtempo zum Sammlerstück degradiert werden, aber sofern Nintendo es nicht schafft, Dritthersteller dauerhaft an sich zu binden (etwas, das beim GameCube schnell zum Problem wurde), wird man schnell den Anschluss verlieren. Der Ansatz, sich wieder mehr an die Hardcore-Gamer zu richten, ist lobenswert, aber hier müssen Taten folgen, zumal man entsprechende Ankündigungen seit Jahren mehr oder weniger laut hört.
Nintendo hat scheinbar alle Karten auf den Tisch gelegt, aber noch nicht den gewünschten Erfolg erzielt und das Momentum aktuell an die Konkurrenz verloren. Die jahrelang vorherrschende Goldgräberstimmung im Nintendo-Reich ist also erstmal vorbei…