
Dieser Artikel stammt aus der M! 348 (September 2022).
REDWOOD CITY • Seit dem Jahr 2000 vernetzen sich Entertainment-Hersteller und -Konsumenten exponentiell rasant. Ganz nah und breitbandig rücken die internationalen Produzenten und Anbieter von TV, Kino, Musik und Spiel an ihre Konsumenten. Das verändert die Wertschöpfung, die kreativen Prozesse, Entscheidungsfindung und Marketing-Strategie: Statt Werke vor Fertigstellung und Release an kleinen Fokusgruppen und interner QA zu testen, hören die Studios auf eine globale Community, bauen ein oder ändern, was die Masse der Fans und Follower fordert und wünscht.
Noch weiter in der Ausbeutung der Daten, die durch unseren Gaming-Traffic anfallen, geht ein Patent, das der KI-Wissenschaftler und Google-Scholar Dr. Fernando de Mesentier Silva und vier weitere Personen für EA am 24. März 2022 anmeldeten und am 7. Juli 2022 erhielten. Die Forscher sind Veteranen des Digital Platform Teams (EADP), das allen EA-Produktionen bezüglich Big Data, Cloud und eCommerce zuarbeitet: Navid Aghdaie war Technik-Chef von Battlefield 4 und jüngsten Madden NFL-Episoden, Kazi Zaman und Sundeep Narravula werkelten ebenfalls an Battlefield 4 sowie an FIFA– und Madden-Titeln, Reza Pourabolghasem zeichnete als AI-Ingenieur von FIFA 20 verantwortlich.
Das ”Persona Driven Dynamic Content Framework”, das das EADP-Quintett konzipierte, rückt von Schwarm-Mitsprache ab, hin zu einer individuellen und automatisierten Anpassung von Spielinhalten, die unsichtbar und ungleich effektiver ist: Der ”personenbasierte, dynamische Content-Bezugsrahmen” sammelt, untersucht und vergleicht die Daten, die Online-Spieler auf EA-Servern lassen, fragt deren individuelles Spielverhalten ab und steckt jeden in eine Schublade beziehungsweise Kategorie (hier ”Archetyp” genannt). Registriert, gespeichert, bewertet und gemittelt werden die Vorlieben (”Dimensionen”) des Spielers, etwa ”Kampf”, ”Konkurrenz”, ”Sammeln”, ”Entdecken”. Wer lieber umherstreift als kämpft, sich jede Nische ansieht, statt sich mit anderen zu messen, und entlegene Orte sucht, den definiert das EA-Framework als Archetyp ”Entdecker”. Wer Nebenquests abklappert und Crafting-Möglichkeiten ausschöpft, gilt der KI als ”Completionist”; wer gerne vorgibt und kommandiert, ist, logisch, ein ”Führer”. Der individuelle Archetyp ermittelt sich nicht aus dem Spielstil in einer bestimmten Spielumgebung, sondern aus dem Verhalten in allen EA-Titeln und -Welten: Wählst du meist oder jedes Mal den leichtesten Schwierigkeitsgrad oder klickst du reflexartig die ”Nightmare”-Einstellung? Absolvierst du die Hauptkampagne flink, schneller als der Durchschnitt, oder bummelst du gerne zum Abspann?
”Ein visionäres Konzept” meint eXputer.com-Reporter Shahmeer Sarfaraz, das ”könnte die ganze Gaming-Landschaft verändern”. Die Spieler-Daten und die Archetypisierung lassen sich vielfältig nutzen und das Patent hebt hierzu zwei Möglichkeiten hervor: ”Dynamische Content-Erschaffung” und ”Produktempfehlungen”. Letzteres versteht sich von selbst: EA empfiehlt zum Archetyp passende Spiele, Erweiterungen und Dienste oder schaltet Archetyp-exklusive DLC-Inhalte frei. Komplexer und brisanter ist die ”Dynamic Content Creation”: Auf Basis der Dimensionen- und Archetyp-Bestimmung soll das EA-Framework Spielinhalte, Karten und NPCs algorithmisch verändern oder erzeugen. So findet sich ein Spieler mit Schwerpunkt ”Combat” in einer anderen Umgebung wieder (beziehungsweise steht krasseren Feinden gegenüber) als ein ”Sammler” oder ”Forscher”. Wo herkömmlicher, ”Community-getriebener”-Spielspaß Stangenware ist, verspricht EAs Content-Framework maßgeschneiderte Erlebnisse.
Theoretisch können sogar die Narration, Handlung und Story dynamisch auf das Spielerverhalten abgestimmt werden. Viel realistischer als Script-Sequenzen und -NPC-Gespräche wäre ”eine Story, die sich in Echtzeit anpasst”, so eXputer: ”Eine solche Technik, etwa in The Witcher III, würde die NPC-Interaktion völlig umkrempeln!” Dass sich Dimensionen und Archetypen auch ganz banal zur Personalisierung von Werbung in und außerhalb des Spiels verwenden lassen, ist klar und betonen die EA-Forscher nicht extra. Neben dem einzelnen Spieler diskutiert das Patent Koop-Play und E-Sport. Für Teams und Mannschaften bestimmt das Framework ”den Typ jedes Spielers und schafft Inhalte, die zu Team-Zusammensetzung beziehungsweise -Durchschnitt passen. Auch können einzelnen Team-Angehörigen eigene Spielabschnitte und individuelle Situationen zugeordnet werden”. Die Fußabdrücke, die der Online- oder Streaming-Spieler kontinuierlich hinterlässt, führen zu ständigen Updates des Archetyps: Das digitale Persönlichkeitsabbild wächst und altert wie sein reales Gegenstück.
Und was denkt Ihr? Geniale Idee? Oder ein Schritt in die falsche Richtung? Wir sind gespannt auf Euer Feedback.









@JACK POINT
Kennst du die Nutri-Sens-o-matik aus “Per Anhalter durch die Galaxis”, die Arthur bei der Zubereitung seines “Tees” das vorsetzt, was sie meint, was “Tee” sei, und, lapidar, mit “Greif zu und genieße!”, Arthurs Forderungen nach richtigem Tee abschmettert?
Das war 1978. Analog dazu erfasst die KI im Jahre 2022 mein Fahrverhalten innerhalb weniger Inputs auf und schon setzt uns das Spiel vor, wie wir auf der Strecke zu sausen haben. Widerstand ist zwecklos! 😉
Ich weiß nicht, was du sonst nimmst, aber nüchtern bin ich schlimmer! Zu jeder Tageszeit!
😛
Ja, ich sehe es genau so: Evil Arts, äh..electronic Arts, meine ich, werden das schon hinkriegen, eine neue Art “Gamer” zu züchten und ihm/ihr sehr markante Erlebnisse bescheren! Die mir natürlich gestohlen bleiben können. 🙂
@genpei tomate
Danke fürs Lesen meines Beitrags! 🙂
Wieso, wird das in den Rennspielen von denen Du sprichst, getestet, wie gut Du bist und die Fahrhilfen so vorgeschlagen?
Was ist das mit der Post-Drohne? Klingt als hättest Du das gleiche genommen wie ich als ich mir diese Beschreibung einer Spielszene ausdachte ( 😉 ) , was in Wirklichkeit nur der Uhrzeit geschuldet war. (Das ändert aber nichts an meinen Argumenten und an der üblen Aussicht, dass hier EA schlimmstenfalls das Ende jeglicher markanter Erlebnisse in Spielen an der Hand hat.)
Bei mir ist Mr. Freeman barfuß auf einen Tetris Stein getreten.
Rennspiele brauche ich gar nicht mehr anfassen, bei allen meint der Algo-dingens, mit Autopilot sei alles viel besser für mich.
Und dauernd, wirklich dauernd klingelt die Post-Drohne an der Tür und erzählt mir, ich hätte was im Internet bestellt!
Also zocke ich seit kurzem nur noch Retro.
Oder hat sich die von mir beschriebene beispielhafte Spielszene bei Euch anders abgespielt? 😉
Wie, nichts davon war bei Euch dabei? Und was soll das heißen, so würd die ja gar keinen Sinn machen?
Völlig falsche Richtung! Dann sind das ja Alles völlig austauschbare Erfahrungen mit 08/15-Charakteren und Gegnern wie Ubisoft heute oft üblich und viel belangloseren Geschichten, Missionen, Levels, überhaupt Gameplay-Elemente.
Und wird mir bei Rennspielen dann auch die Fahrphysik nach Wunsch hingeschneidert?
Streaming-Plattformen für Filme und Serien wollen wenn für alle Geschmäcker zig Filme und Serien anbieten. Aber nicht einen Film, der per Klick oder Profil-Abfrage für den einen ein Krimi oder Action-Reißer und für den anderen eine Liebeskomödie ist.
Also stellt Euch z.B. Filme vor, wo ikonische Szenen nicht für Alle gleich sind?
Und bei aller Interaktivität von Spielen, wie soll das funktionieren?
Gibts dann nur noch das eine Universalspiel, eine Mischung aus MMORP mit Open-World und No Man’s Sky wo jeder in seine Spielwelt abdüst und dort sein Lieblingsgenre in seiner Lieblingsumgebung zu seinen Lieblingsregeln vorfindet?
Klingt für mich wie ein Levelbaukasten alá Dreams, nur das hier kein anderer Spieler sondern Analysedaten-Bauprogramme und KI mir gegenüber Spiele zusammenbasteln. Wie soll da was gut funktionierendes und für Alle in zig Bereichen maßgeschneidertes Spiel, das wirklich nie beliebig erscheint, rauskommen?
Oder darf jetzt jeder nur noch Rollenspiele zocken?
Und wie sieht dann der geistige Austausch zwischen Spielern aus? Hey wie hast Du den „Megatempel“ geschafft? Mission „Sowieso“ war megageil, als dann „X“ das und das gemacht hat oder der Endgegner „XY“ hat mich voll geflasht! Und der Kumpel (Kumpelin für alle „Gendisten“ (hey tolle Wortschöpfung, die Ihr bitte ab jetzt Alle benutzen müsst, außer innerhalb Eures maßgeschneiderten Spiels ;)) dann drauf sagt, dass es gar keinen „Megatempel“ gibt, die Mission ganz anders verlaufe und der Endgegner fehle.
Let‘s Plays gehen auch nicht mehr, Testberichte schon gar nicht! Denn was soll man denn vorstellen, wenn es für Alle was völlig Anderes ist.
Gibts dann also nur noch eine Art „EA Game Cosmos“, das ein Dauerabo ist und man erst mal Lieblingsgenres zusammenstellt und zig zig Parameter und dann das Spiel erstellt wird und mit den Aktionen weiter geformt wird und man das nie (erneut) durchspielen kann und nichts mehr Anderes außerhalb EAs Spielekosmos spielt.
Oder jeder Hersteller statt den Launchern am PC nicht dort eigene Spiele vertreibt sondern nur jeder Hersteller ein Einziges großes Service-Game anbietet, das Alles maßschneidert?
Na dann gute Nacht Gaming Branche, wenn das kommt!!!
Bsp.:
Super Mario in Ritterrüstung überfährt in Bullet-Time in Hyrule per Warthog mit Neonunterbodenbeleuchtung Zombies und sammelt nebenbei mit dem Fangnetz Bananen während er Waka- Waka ruft bis neben ihm Gordon Freeman im Nano-Suit, auf „Maximum Shield“ gestellt, im Vertikal- Splitscreen zu sehen per Hacking-Mini-Game eine Einweg- Portalkanone repariert hat um eine Rettungsroute nach Xen zu öffnen, wo man ihm sagen wird, dass es keinen Kuchen gibt und Mario die Bananen beim örtlichen Händler gegen einen Hazard-Suit eingetauscht hat, um nicht zu ersticken. Sie haben sich dann am Lagerfeuer sitzend Headcrabs gegrillt und wollten das Schloss mit den Zauberbildern dann am nächsten Tag suchen, per Satelliten-Uplink das Bau-Menü geöffnet, ein Bett hergezaubert und schon vom nächsten Season Pass geträumt.
Oder was einem sonst noch für F2P-artige Collaborations einfallen, die dann ja sicher je Plattform auch nahe liegen…
@8BitLegend
Was Du beschrieben hast, erlebt fast jeder täglich mit Werbung und präsentierten Inhalten im Internet über unzählige Seiten und Portale. So ähnlich dürfte es zukünftig bei Spielen von EA ablaufen. Der Unterschied liegt nur in der Art und Weise der präsentierten Inhalte, wenn ein Spiel auf den Spieler reagiert.
Mich würde jetzt mal interessieren, in welchen Bereichen Du diese Erfahrung mit Algorithmen gemacht hast. Es kommt mir vor, als ob Du noch so einiges zu erzählen hättest.
Wird jetzt schon in einigen Bereichen so gehandhabt und es ist der Horror. Die Algorithmen greifen einen Mini-Impuls von dir auf, drängen dich suggestiv in Schubladen und wenn du entweder zu unachtsam oder zu müde bist gegenzusteuern, fassen sie deine Beschäftigung mit untergeschobenen Inhalten als Interesse deinerseits auf.
Und das perfideste daran: Versuchst du herauszufinden, was hinter dem Zeug steckt und wieso dir das auf die Nase gebunden wird, bist du voll drin. Dann kannst du nur noch knallhart alles was geht resetten und Algorithmen versuchen aktiv umzutrainieren.
Das was uns wirklich entspricht finden wir oft dann, wenn wir sämtliche digitalen Kanäle mal abdrehen und uns mit möglichst ursprünglichen Dingen beschäftigen. Oder mal ein altes, analoges Hobby rauskramen etc..
@SFN
Am Ende darfst du zur Verifizierung vor jedem Spiel ein Captcha durchlaufen. Die perverse Situation, dass ein Bot/Roboter/Algorithmus den Mensch abfragt, ob er echt ist, um ihn dann in einen Bot/Roboter/Algorithmus zu transferieren, damit er besser kontrolliert und abgemolken werden kann. Ich mach mir da nicht so Sorgen, dass unsere Gen darauf reagieren wird und gegebenenfalls diese “Spielerlebnisse” auslässt. Aber wie du sagst, wer jetzt damit aufwächst, für den ist es Normalität.
Nachdem die wesentlichen Punkte der Community bereits angerissen wurden, interessiert mich die Meinung derjenigen, die die Community gefragt haben – die Redaktion! ?
Is ja nicht so, als würden die Publisher (bzw. Firmen) seit Jahren die Daten abgreifen … oder wir es nicht hätten kommen sehen …
Aber is halt so.
Wenn man nicht mit machen möchte, dann muss man den Kram halt liegen lassen und woanders glücklich werden.
Interessant was die neuen Gamer-Genrationen davon halten, die im Grunde damit aufwachsen und für die das dann “Normalität”, vielleicht sogar “quality-of-life-features” sind.
Aktuell kann man bestimmten Sammeleien in den Einstellungen zum Spiel (oder gar im Client) ja widersprechen, bzw. den Haken bei der entsprechenden Checkbox entfernen. Was genau dann wirklich nicht übertragen wird, bleibt natürlich immer ein wenig nebulös.
Nun schlechte Dinge werden oftmals schön umschrieben…. wie die bittere Wahrheit odee die süßen lügen….
Kennt man vermutlich von der heutigen Politik und da würde mich das in der Spieleindustrie auch nicht verwundern.
Ich vermisse die alten Tage… kaufst ein Spiel und dann kommen weitere Kostüme oder Kämpfer usw für Geld.
Aber da ja heute alles teurer wird, werden viele Hersteller noch merken, ob ihre Preispolitik bestehen bleibt.
Schließlich werden Spiele immer hinter essen und Co stehen….
Müssten richtig abgewatscht werden… EA und Co
bubblegaming
@Rudi Ratlos Das ist so nicht korrekt. Das werden sie nur nicht mehr selbst machen und sich wohl einen Vertriebspartner suchen.
@joia Willkommen in der Matrix. Irgendwann schreibt EA deinen zukünftigen Job auf den Geburtsschein. Die Verlockung ist im ersten Moment da, ich werde als Individuum wahrgenommen. Am Ende aber wacht man in einer Schublade auf. Orwell hätte seine Unfreude gehabt.
Passend zu dieser EA-Meldung: Im DACH-Raum will EA wohl den physischen Verkauf ihrer Spiele zeitnah komplett aufgeben…
Edith sagt: EA dementiert, aber einen Grund für die Meldung muss es ja geben ?♂️
Einerseits gefiel mir anfangs die Vorstellung der Individualisierung meiner Spielerfahrung … andererseits gehen mir beim Nachdenken jetzt schon die Überraschungen anders gearteter Spielerfahrungen ab. Nein, ich glaube ich möchte nicht auf einen Archetyp festgelegt werden, sondern mir meine Erfahrungen selbst suchen und ausloten dürfen.
Das ist wie morgens nicht mehr aufzustehen, weil mir der Tag fertig vorgelegt wird. Kann ich aus archetypischen Gründen gleich liegen bleiben …. Und wachsen und altern tu ich auch lieber in der echten Welt als auf nem Server …
Was die Datenerhebung und Sicherheit angeht, darf man sich natürlich keine moralischen Fragen stellen – es sei denn, man versteht die Zeit nicht, in der wir leben. Datensicherheit hat spätestens da aufgehört, als die Pinguine aus den Geldautomaten gescheucht wurden.
Und eine Individualisierung in dieser Form bedeutet natürlich die derzeit höchstmögliche “Ausbeutung” des Spielers in digitaler Verbindung mit einem “perfekt” angepassten Angebot. Und dass das immer auch was kostet, ist wohl klar.
Money makes the World go around.
Weg glaubt, dass es in erster Linie um eine individuelle Spieleerfahrung geht, der denkt auch, Free to Play sei die pure Mildtätigkeit. EA verpackt eine patentierte Datenkrake nur in einem fragwürdigen Nutzen und verkauft es als den nächsten Holyshit der Spieleindustrie. Individualisierte Mikrotransaktionen und andere Monetarisierungsoptionen sind m.E. die eigentliche Mutter der Idee. Ob darüber hinaus tatsächlich auch die Spieleerfahrung verbessert wird, muss hingegen erst bewiesen werden. Wenigstens versucht EA erst garnicht den kommerziellen Gedanken ganz zu verstecken.