Embracers neue Firmensäule

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Dieser Artikel stammt aus der M! 349 (Oktober 2022).

KARLSTADT • Medien- und Game-Konzerne kaufen wie im Rausch Entwicklungsstudios, doch keiner nimmt eine so vielarmige Gestalt an wie Embracer: Die skandinavische Gruppe poliert mit ihren Akquisen nicht den Holding-Namen auf, sondern errichtet und verstärkt Unterfirmen, die alle mehr oder weniger das Gleiche tun (Spiele entwickeln und verkaufen) und dabei unabhängig unter ihrer eigenen Logo-Flagge segeln. Es sind sechs ”Operationsgruppen”, als wir Embracer vor zwei Jahren erstmals unter die Lupe nehmen: THQ Nordic und Koch mit Zentralen in Österreich, Saber mit US-Hauptsitz, der Studio- und Biomutant-Inkubator Amplifier mit Stockholm-HQ, die ebenfalls schwedischen Ex-Indies Coffee Stain sowie die Berliner Smartphone-Spielefabrik Deca Games. Während diese durch Zukäufe wachsen, baut Embracer weitere auf, macht 2021 die texanischen Action-Experten Gearbox zur siebten sowie den russisch gegründeten, auf Zypern ansässigen Casual-Puzzle-Hersteller Easybrain zur achten Konzernsäule. Dann greift Embracer nach anderen Entertainment-Formen und wandelt sich zum ”Transmedia”-Konzern: Als neunte und zehnte Abteilungen werden der französische Brett- und Kartenspielkonzern Asmodée sowie Dark Horse, der nach DC und Marvel drittgrößte US-Comicverlag, übernommen.

Seit August steht Embracers elfte Säule: Freemode wurzelt in der 2000er-Jahre-Firma Red Octane, die Guitar Hero-Millionenseller und -Instrumente produziert, und wird geleitet von Lee Guinchard, der elf Jahre lang Hardware-Chef von Activision und dort auch für Skylanders zuständig war. Freemode sitzt beim Embracer-HQ in Karlstad und dirigiert eine Gruppe ”kleiner und mittelgroßer” Studios. Der Schwerpunkt von Freemode liegt auf ”ikonischen” Marken, Retro- und Collector’s-Produktionen: ”Die Klassiker von gestern bewahren und in die Unterhaltung von morgen einsteigen”, will Embracer-CEO Lars Wingefors. Für Freemode kauft Embracer ein halbes Dutzend amerikanischer, europäischer und japanischer Unternehmen und zahlt dafür umgerechnet gut 565 Mio. Euro in Cash und Aktien; weitere 200 Mio. Euro fließen, wenn die neuen Töchter ihre ”Ziele” erreichen.

Das meiste Geld kostet ein Paket prominenter IPs: Die Abteilung Freemode Iconic Holding übernimmt alle Film-, Comic-, Game- und Merchandise-Rechte an ”The Lord of the Rings”, ”The Hobbit” und anderen Werken des englischen Schriftstellers J. R. R. Tolkien. Verkäufer ist die kalifornische Filmfirma Saul Zaentz, die ”Der Herr der Ringe” & Co. für den ersten Tolkien-Kinofilm erwirbt. Obwohl das 1978er-­Zeichentrickepos Kritiker und Tolkien-Fans enttäuscht, zahlt sich der Deal langfristig aus: Die Zaentz-Tochter Middle-earth Enterprises vergibt zig Lizenzen für Rollen-, Brett- und Videospiele, für die Kinofilme von ­Peter Jackson, die Amazon-Serie ”Die Ringe der Macht”, Warners kommenden ”Rohirrim”-Zeichentrickfilm und EAs ”Heroes of ­Middle-earth”-App. Auch Embracer will die Tolkien-Rechte ”transmedial” verwenden und droht mit ”weiteren Filmen um ikonische Charaktere wie Gandalf, Aragorn, Gollum, Galadriel und Eowyn”.

Während Freemode aufgebaut und Koch in Plaion umbenannt wird, expandiert auch Embracers US-Abteilung: Saber übernimmt den schwedischen Entwickler Tuxedo Labs (sechs Voxel-Experten, die ­bislang nur das PC-Physik-Rätsel Teardown produzierten) und das 2005 gegründete, 113 Köpfe starke Software-Haus Tripwire Interactive in Georgia, dessen Titel Killing Floor, Rising Storm und Maneater 50 Mio. Spieler mitbringen; zuletzt produzierte Tripwire Chivalry 2 (M!-Wertung: 85%). Mit 120 Studios, 12.750 Beschäftigten und ”über 850 Franchises” ist Embracer längst kein reiner Games-Hersteller mehr: Mehr Umsatz als alle Konsolenspiel-Verkäufe zusammen machte im letzten Quartal die Brett- und Kartenspiel-Gruppe ­Asmodée. Deren Digital-Abteilung konvertierte u.a. ”Catan” und wird jetzt in Twin Sails Interactive umbenannt, um sich auf Originalentwicklungen und Indie-Koopera­tionen zu konzentrieren.

Freemode – Das Retro-Kraftwerk

Geführt von Lee Guinchard beschäftigt die jüngste Embracer-Abteilung gut 500 Personen. Zur neuen Operationsgruppe hinzugekauft werden Singtrix (ein Studio um Musikspielpionier John Devecka), der englische Zubehörhersteller Gioteck und das von zwei skandinavischen Ego-Shooter-Veteranen gegründete Studio C77 in Seattle, dazu mehrere schwedische Retro-Games-Firmen: das Vertriebsunternehmen Game Outlet Europe, der Publisher Clear River (dem wir Ys: Origin Collector’s Edition verdanken) und der Entwickler Bitwave (vormals: Retroid Interactive). In Japan schnappt sich Freemode das von Toaplan-Mitbegründer Masahiro Yuge geführte Studio Tatsujin sowie alle Rechte an Toaplans Arcade-Hits (Flying Shark, Truxton etc.). Zusammen arbeiten Bitwave und Tatsujin nun an Bullet-Hell-Neuauflagen und legen das Jump’n’Run Mr. ­Gimmick (1992) neu auf; die Firmenschwes­ter Clear River fertigt und vermarktet Spezial­ausgaben. Um die Retro-Pipeline auszulasten, übernimmt Freemode außerdem Limited Run Games, den Marktführer im Bereich verpackter Indie- und Retro-Editionen.

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