Mit Gears of War 3 war die Saga um Marcus Fenix abgeschlossen. Doch wenn wir eines über Videospiele längst gelernt haben, dann, dass sich immer irgendwo ein unerwähnter Zeitabschnitt finden lässt. In Gears of War: Judgment ist das die Schlacht von Halvo Bay, die sich nach dem E-Day während der Locust-Kriege zutrug. Die nur rund sechsstündige Kampagne rückt Blondschopf Damon Baird und seine Einheit in den Mittelpunkt. Vier Soldaten (darunter ein junger Cole-Train) stehen vor Gericht und schildern rückblickend kapitelweise ihre Erlebnisse, die es mit nachzuspielen gilt. Der Großteil der meist knappen Zwischensequenzen zeigt lediglich das Öffnen einer Tür und das Betreten des anschließenden Gebiets, dabei kommentiert der jeweilige Protagonist das Erlebte aus dem Off. Was sich in den stets an Multiplayer-Arenen erinnernden Abschnitten abgespielt hat, soll die Umgebung erzählen verrät Storyschreiber Rob Auten in nebenstehendem Interview. Bei uns kam davon jedoch nur wenig an, tosendes Dauerfeuer angesichts nicht enden wollender Locust-Wellen übertönt jegliche Absicht des Autors.
Vom ersten bis zum letzten Schuss spielt sich Judgment nahezu identisch. Ihr betretet mit drei Kameraden eine Arena. Dann nähert sich eine Welle mit verschiedenen Locust vom affenartigen Wretch über den Keulen schwingenden Mauler bis hin zum kleinen Corpser und dem fliegenden Reaper gibt sich die gesamte Locustgarde noch einmal die Ehre. Selbst die eigentlich erst später in der Story-Chronologie eingeführten Serapedes huschen Baird & Co. vor den Lancer. Geht Ihr im Kampf zu Boden, eilt zuverlässig ein KI-Kollege herbei und hilft Euch auf die Beine. Sterbt Ihr dennoch, generiert das Spiel beim nächsten Versuch andere Gegnerformationen. Das erhöht einerseits zwar den Wiederspielwert, macht die Gefechte aber auch austauschbar, zumal Feindtypen und Leveldesign dadurch nicht aufeinander abgestimmt werden. Im späteren Verlauf greifen zudem so viele Locust an, dass Zielen beinahe überflüssig wird: grob draufhalten, irgendwas trefft Ihr schon. Auf einem höheren der vier Schwierigkeitsgrade wird das spürbar fordernder, abwechslungsreicher aber nicht.
Deshalb macht die Kampagne am meisten Spaß, wenn Ihr mindestens einen Kumpel zum Splitscreen-Zocken oder besser bis zu drei Online-Mitstreiter mobilisiert. Wer alleine spielt, freut sich über die autonomen und recht aktiven KI-Kollegen, die selbst in größter Gefahr zu Hilfe eilen und einiges wegballern. Hervorragend gelungen ist ihre Mitteilungsfreude: Permanent liefern sie mit kurzen Floskeln wichtige Informationen über entdeckte Gegnertypen, Munitionsstand und vieles mehr wir fühlten uns stets bestens informiert.
Technisch liefert der polnische Entwickler People Can Fly (Bulletstorm) zusammen mit Epic Games beeindruckende Arbeit ab. Selbst im Splitscreen-Modus und bei hoher Gegnerdichte und spektakulären Panoramen bleibt die Bildrate stabil, spät nachladende Texturdetails sind sehr selten. Allerdings haben wir das von Epic als Entwickler der Unreal Engine 3 auch nicht anders erwartet dafür überraschte uns der Gewaltgrad.
Ohne nennenswerte Charakterentwicklung und Handlungseinbettung werden unzählige Locust erschossen, im Nahkampf zersägt und mit Granaten zerfetzt, Schädel bersten aus nächster Nähe genau wie in den ersten beiden indizierten Teilen und kein Vergleich zum zahmeren dritten!
Hinzu kommt ein Bewertungssystem, das etliche Parameter wie Splatter-Kills und Sterberate misst und mit Orden sowie alle paar Minuten mit einem Sterne-Abschlussrang belohnt. Für 40 Sterne schaltet Ihr eine etwa zweistündige Bonuskampagne frei, die nach Teil 3 angesiedelt ist und sich geringfügig abwechslungsreicher spielt.
Neu ist außerdem das Deklassifizieren-System: Vor jeder Arena legt Ihr fest, ob Ihr das Gefecht unter normalen oder veränderten Voraussetzungen (siehe oben) angehen wollt. Einen weiteren Hauch von Abwechslung versprüht das Spiel schließlich darin, dass Ihr immer wieder die Position halten müsst und Gegnerwellen wie im beliebten Horde-Modus abwehrt Barrikaden errichtet Ihr hier zwar nicht, dafür platziert Ihr Geschütze und füllt bei Bedarf ihren Munitionsvorrat auf.
Abseits der Kampagne lockt eine überschaubare Zahl von Mehrspieler-Modi: In Überleben verteidigen fünf Spieler, die aus vier Charakterklassen wählen, ein versiegeltes Loch vor zehn Locust-Wellen. Versorgt Kollegen mit Munition oder deckt mit Aufklärungsgranaten die Position der Gegner auf.
In Team Deathmatch und Jeder gegen jeden treten bis zu zehn Spieler an, in Domination erobert und haltet Ihr drei Punkte und der neue Overrun-Modus mixt Überleben mit dem Biest-Modus aus Teil 3 wahlweise spielt Ihr die Locust! Alle Modi sind auch mit geteiltem Bildschirm zu zweit sowie alleine mit und gegen Bots auf vier verschiedenen Schwierigkeitsstufen spielbar.
Michael Herde meint: Man merkt Judgment nur allzu deutlich an, dass es fürs schnelle Geld am Ende des Xbox-360-Zyklus programmiert wurde: kaum neue Gegner und Waffen, knapper Umfang, Egal-Story und monotones Kampagnendesign ohne spielerische Finesse. Brüllaffen-Shooter nannte Kollege Tobias, was er im Vorbeigehen sah, als ich in der Redaktion spielte. In der Tat: Das neue Gears brüllt und scheppert permanent, allerdings ohne erinnerungswürdige Höhepunkte. Da gibt es keinen Abschnitt mit Schatten, die man nicht betreten darf, keine spannende Flucht vor der Berserkerin, Fahrsequenzen, Bosskämpfe oder sonstige Variation in der Aufgabenstellung. Manchmal muss ich zwei, drei Geschütze aufstellen und mit dem Bogen Sprengfallen legen, das wars. Auch der Multiplayer-Part ist mager: Nur vier Karten sind anfangs verfügbar, neue freizuschalten gelang mir nicht wie freundlich, dass der kostenpflichtige Season Pass sechs neue und einen weiteren Spielmodus verspricht. Dass Vorbesteller einen Controller mit Branding bekommen und dem Spiel 400 MS-Punkte beiliegen, spricht eine deutliche Sprache. Das Gesamtpaket lohnt sich jedoch allemal, wenn Ihr Judgment nicht alleine spielt. Wer einfach nur zusammen mit Freunden grölende Krokodilmänner und Monster abknallen und brutal zerfetzen will und alles andere für unnötigen Ballast hält, erhält ein enorm hübsches und klasse spielbares Produkt, das bedenkenlos immer wieder für eine schnelle Runde taugt. Mir ist das allerdings zu wenig.
- zweistündige Bonuskampagne freispielbar
- Zweispieler-Splitscreen für alle Modi, Bots für Solo-Matches
- die deutsche Version enthält 400 MS-Punkte, die internationale Gears of War
Mehr Add-on denn vollwertiges Spiel: Judgment ist konsequent auf Multiplayer getrimmt, Umfang, Story und Abwechslung gehen im Dauerfeuer unter.
| Singleplayer |  | 77 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |