Zurück
Nächste

Seite 5

Beten mit Oma
Ähnlich stehen die Dinge bei der Religion, dem dritten Thema des Spiels. Das wird am ergiebigsten in der zweiten Episode “Rules” verhandelt. In der kommen Sean und Daniel bei ihren Großeltern in Oregon unter. Bevor wir hier ankommen hat uns Daniel schon einmal die Gretchenfrage gestellt, ob wir denn glauben, dass unser Vater nun an einem besseren Ort ist. Diese Frage gewinnt in Anwesenheit unserer Großmutter nun neue Bedeutung. Denn die religiöse Claire bittet uns, mit Ihr zu beten. Ob wir das annehmen oder ablehnen, können wir frei entscheiden, und je nachdem, wie unser Verhältnis zu Daniel ist, wird er uns folgen oder nicht. In meinem Fall habe ich mich selbst verweigert, Daniel war jedoch einverstanden. Es ist nur ein kurzer Augenblick, doch während ich schweigend dasaß, während die beiden mich und unseren verstorbenen Vater in ihre Fürbitten einbeziehen, dachte ich über die Bedeutung dieses Gebets nach. Denn eigentlich ist meine eigene oder Seans Religiosität hier überhaupt nicht von Bedeutung. Dieses Gebet dient einzig und allein Daniel, der zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Gefühl von Zuhause erfahren darf – und ich Arsch verweigere mich dem gerade.

Tiefpunkt
Eine schöne Erkenntnis, die Dontnod in der Episode, in der sich das Spiel das nächste Mal mit Glauben beschäftigt, leider achtlos fort wirft. In “Faith” sind unsere Helden getrennt worden und der angeschlagene Sean findet seinen Bruder nach langer Suche in einer religiösen Fundamentalisten-Gemeinde wieder, die ihn für seine telekinetischen Kräfte wie ein goldenes Kalb anbetet. Eigentlich hätte diese Episode ein spannender Rückgriff auf die religiösen Fragen zuvor sein können, in der die beiden Brüder sich erneut mit dem Tod ihres Vaters auseinandersetzen müssen. Kann Sean Daniel weiterhin glauben lassen, dass sein Papa im Himmel ist? Was ist mit seinem eigenen Glauben an eine bessere Zukunft in Mexiko, die Sean zum absoluten Ziel ihrer Reise und Ende all ihrer Probleme idealisiert hat? Wie schon beim Rassismus fehlt es Life is Strange 2 in dieser Beziehung an der nötigen Tiefe. Die religiösen Hardliner sind am Ende nur das: Böse Menschen, die böse Dinge tun. Warum Daniel sich bei ihnen aufgehoben fühlt, wie sie ihn “hirnwaschen” konnten, um ihn zum Bleiben zu überreden, darauf gibt uns das Spiel keine Antwort. Stattdessen zeigt es eine dramatische Fluchtszene, in der Sean Daniel mit harten Fakten davon überzeugt, dass man ihn belogen hat und an deren Ende die Kirche effektgewaltig in Flammen aufgeht. Dieser Abschnitt ist der absolute Tiefpunkt des Spiels und fühlt sich vor allem deswegen so fehl am Platz an, weil er Daniels eigentlich aufgeweckten und intelligenten Charakter verrät und ihn zu einem beeinflussbaren Kind degradiert, das von Sean gerettet werden muss.

Bruderliebe
Haben die Kritiker also recht? Verliert sich das Spiel in Plattitüden? Nein. Denn, die starken Momente von Life is Strange 2 sind nicht nur stark, sondern überragend. Vielleicht bin ich als großer Bruder von drei Geschwistern ja voreingenommen, aber Sean und Daniel sind mir im Verlauf ihrer Odyssee ans Herz gewachsen wie kaum eine Videospielfigur zuvor. Oft müssen spielbare Filme wie diese, die von Natur aus nur über begrenzte mechanische Tiefe verfügen, rechtfertigen, warum sie ihre Geschichte überhaupt im Medium Spiel erzählen und nicht als Film. Life is Strange 2 besteht diesen Test problemlos, indem es die Geschwister-Dynamik von Sean und Daniel zum spielerischen Kern seiner Erfahrung macht. Zu dem kehren die Entwickler nämlich trotz aller Schwächen in der Feinzeichnung von Rassisten und Fundis immer wieder zurück und der ist es, der mich stets weiterspielen ließ.

Was wirklich zählt
Spätestens als ich mit Sean mein Leben riskiere, indem ich über ein Baugerüst aus dem Krankenhaus fliehe, nur wenige Zentimeter vom sicheren Tod entfernt, hat das Spiel mich. Denn ich ertappte mich dabei, wie ich tatsächlich überlege, ob Sean hier sterben kann. Mehr als unwahrscheinlich in der vorletzten Folge eines Episodenspiels, aber dennoch kommt mir dieser Gedanke, dicht gefolgt von der Frage, was dann wohl mit Daniel passiert. Diese Augenblicke bleiben in Erinnerung, wie das Würfelspiel, das sich Sean für Daniel ausdenkt, um ihn von ihrer harschen Lage abzulenken oder die Art und Weise, wie er den Kleinen in den Arm nimmt und ihre bisherige Leidensgeschichte in ein episches Märchen über zwei Wolfsbrüder umdichtet. Das sind die Momente, die zählen.

 

Zurück
Nächste
17 Kommentare
neuste
älteste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Maverick
28. Juli 2022 16:21

Ach mittlerweile gehts wieder hab nach etwas Recherche ein paar Sachen gefunden die ich vorher halt nicht weiter beachtet habe.

Hab mir mal Deaths Door gegönnt, dazu hab ich in der Bibliothek noch hollow knight gefunden welches ich nicht gespielt habe und im ps plus kommt jetzt little nightmares welches ich auch noch nicht kenne.

Sollte bis zum Last of us remake reichen.

SonicFanNerd
28. Juli 2022 13:00


Sagen wir mal so:
Ich sorge mich nicht darum mal nicht mehr zu wissen was ich spielen soll. 🙂

Maverick
28. Juli 2022 12:52

@Sonic Du musst aber einen extrem langen bzw großen zettel haben^^

SonicFanNerd
28. Juli 2022 12:13

LiS (1) fand ich einfach nur stark. Gutes Coming-of-Age-Mystery-Adventure. Soundtrack, Figuren, Setting und “Fähigkeit” passen.

Wenn man LiS (1) gespielt hat, dann folgt im Grunde direkt Before the Storm. Die Entwickler (nicht Dontnod), haben Chloe ganz gut eingefangen und ihr Prequel mit Rachel gut erzählt.

Der “Appetizer” zu LiS2 The Awesome Adventures of Captain Spirit war einfach grandios. Der hatte mir soviel Lust auf LiS2 gemacht.
Leider bin ich bis heute mit LiS2 nicht komplett warm geworden. Spiele das mit meiner Frau zusammen und wir stehen (ich glaube) zwischen Kapitel 2 und 3. Auf jeden Fall da wo die Kids von ihren Großeltern weiter sind (ohne zu viel zu Spoilern). Und da stehen wir nun seit ca 5 Monaten oder so, weil wir das Spiel bis aktuell pausieren….
Das Spiel hat definitiv seine Momente, aber bisher hat das Abenteuer der beiden Jungs noch nicht so die Sogwirkung wie bei Max und Chloe.
Irgendwann werden wir es weiter spielen. Aber wann….naja.

Übrigens ging es uns da mit einem anderen Spiel von Dontnod ganz ähnlich: Tell me Why.
Eine sehr gefühlvolle Erzählung, ein schönes Setting und die Grafikengine hatte auch einen kleinen Sprung nach vorne gemacht. Das Gameplay ist dabei ziemlich wie bei LiS.
Da haben wir auch längere Zeit pausiert, da uns das insg. einfach nicht direkt begeistert hat und man es dann zwischendurch so halbherzig gespielt hat. Wir haben es dann aber auch später beendet.
Insg. funktioniert das Spiel gut und es gibt nicht wirklich viel zu meckern, aber so richtig wollte auch hier der Funke nicht überspringen.

LiS True Colors hab ich noch gar nicht gespielt. Steht aber auch noch auf dem Zettel.

ChrisKong
27. Juli 2022 23:48

Muss mich mal schlau machen, was es da für welche Konsolen welche Fassungen gibt. Hatte mir seinerzeit von den ersten beiden Spielen die CE geholt. Besonders Before the Storm war eine der besten Spieleerfahrungen ever. Das Gameplay ist ja nur unteres Mittelmass und nicht der Rede wert, aber viel besser kann man eine Geschichte nicht erzählen. Allerdings kriegt es natürlich einen ganz anderen Drall, wenn man den ersten Teil vor dem Prequel spielt. Ich zumindest hätte mich ohne Kenntnis der kommenden Ereignisse zum Teil anders entschieden und das macht dieses Spiel in seiner persönlichen Ausprägung so besonders. Mag sicher auch daran liegen, dass Chloe für mich die bessere Identifikationsfigur war als Max, auch wegen gewisser Ähnlichkeiten im Lebenslauf und Charakterzüge.

ChrisKong
27. Juli 2022 19:45

Ich hab da keinen Überblick mehr, was sollte diese komische Titulierung bei der Reihe eigentlich?

Kenn bislang nur Life is Strange und Before the Storm. Dann gabs ja diese Episode, die man separat als Appetizer downloaden konnte. Eigentlich wollte ich danach das Spiel wieder in einer physischen Form kaufen, aber mit Auslagern von Episoden in den Online-Store hatte ich dann keine Lust mehr. Welcher Teil war das denn nun? Wenn ich das recht interpretiere, gibts mittlerweile 5 Spiele?

Maverick
27. Juli 2022 19:02

Ich persönlich finde das toll dass ihr oder du solche Gedankengänge hier auch mal postet, sofern ihr neben dem ganzen artikel schreiben für dass heft da mal zeit zu findet. Gerne mal öfter.

Fand auch den aktuellen artikel im Heft vom Steffen mit metal gear solid 2 herrlich zu lesen.

Bort1978
27. Juli 2022 17:58

Teil 1 fand ich großartig. Teil 2 zumindest sehr gut. Ich kann mich aber nur noch an wenige Details der Story erinnern. Ist schon ne Weile her, dass ich das Spiel gezockt habe.
Den 3. Teil kenne ich noch nicht. Before the Storm war auch okay.

Maverick
27. Juli 2022 17:37

Hui da hat sich wer aber mal Gedanken gemacht. Ich persönlich liebe diese Art spiele einfach, auch die Telltale Titel hab ich sehr sehr gerne gespielt.

Aber bei life is strange kommt natürlich nichts an max und chloe aus Teil 1 sowie before the storm ran. Teil 2 mit der Bruder Dynamik fand ich auch sehr gut, aufjedenfall besser als der grauenhafte dritte, der war irgendwie ein Reinfall.

Leider erinner ich mich nicht mehr so gut an Teil 2, da ich danach zig andere Titel schon gedaddelt habe. Allen voran cyberpunk welches imo eine der genialsten Geschichten erzählt hat.

Sebastian Essner
Redakteur
27. Juli 2022 17:18

Ich hab bei “Life is Strange 2” bis zur vierten Episode durchgehalten, danach war bei mir der Ofen aus.

Heisenberg
27. Juli 2022 16:47

Danke für den tollen Blog.
Also ich liebe den zweiten auch. Ist bei mir auf Platz 3 der Reihe.
Ot: true colors fand ich bisher am schwächsten.