Anspruchsvolle Rollenspieler mit Japan-Faible beschleicht heutzutage das Gefühl, sich neue Abenteuer regelrecht erkämpfen zu müssen: Auch bei Bravely Default, dem spirituellen Nachfolger des DS-Geheimtipps Final Fantasy: 4 Heroes of Light, hatten die meisten einen West-Release bereits abgeschrieben. Doch wieder einmal springt Nintendo für Square Enix in die Bresche und bringt das Rollenspiel nicht nur nach Europa, sondern bietet auch noch eine tolle Special Edition (siehe Kasten) und eine erstklassige Lokalisation an. Und so gewöhnlich die Geschichte auch anläuft Ihr bleibt motiviert bei der Sache, denn die Figuren sind sympathisch charakterisiert und führen in bester Tales-Manier optionale Dialoge. Und natürlich erwartet Euch im Verlauf des Abenteuers manch überraschende Wendung.
Im Grunde ist das Abenteuer von Tiz, Agnès, Ringabel und Edea ein J-RPG von einer Reinheit, wie man sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat: Die knuffige Party streift auf einer weitläufigen Weltkarte von Stadt zu Stadt und erforscht finstere Dungeons. Sie verhaut in rundenbasierten Zufallskämpfen jede Menge Kleinvieh und zieht auch manch einem grimmigen Boss die Hammelbeine lang. Immer wieder bekommen die Helden Zugriff auf neue Klassen: Außer Standards wie Dieb, Krieger oder Weißer Magier erwarten Euch auch spannende Exoten wie Händler, Kampfmagier und Waldläufer.
Neben der eigentlichen Stufe Eurer Figur gibt es den Job-Level bei jedem Anstieg wird eine neue Fähigkeit gelernt, die auch nach einem Klassenwechsel eingesetzt werden kann, wenn Ihr sie in den entsprechenden Fähigkeiten-Slot setzt. Ein ähnliches System kennen wir bereits aus Klassikern wie Final Fantasy V oder Final Fantasy Tactics und wie in diesen funktioniert das Job-System auch bei Bravely Default wie geschmiert.
Überhaupt steckt eine ganze Menge Final Fantasy-DNS im Code von Bravely Default: Dank bekannter Klassen, Gegenstände und Talente fühlen sich Final Fantasy-Kenner hier sofort heimisch, allerdings zeigt Bravely Default spätestens im Kampf, dass man sich nicht nur auf den Ideen des prominenten Onkels ausruht. Auf Echtzeit-Elemente wird verzichtet, dafür dürft Ihr Aktionspunkte horten beziehungsweise ausleihen. Wählt Ihr den Default-Modus, geht die Figur für eine Kampfrunde in die Defensive und darf dafür in der kommenden gleich zweimal agieren. Bis zu vier Aktionen könnt Ihr so bunkern und dann schnell vom Stapel lassen.
Genau das Gegenteil geschieht im Brave-Modus: Ihr leiht Euch quasi das Aktionspotenzial der nächsten drei Kampfrunden und dürft so maximal viermal losschlagen, seid danach aber erst einmal ausgepowert und müsst im schlimmsten Fall mehrere Attacken Eurer Gegner einstecken. Hier kommt die Taktik ins Spiel: Legt Ihr die volle Kraft in die erste Runde, um den Gegner sofort auszuschalten und so einen hübschen Erfahrungsbonus zu kassieren? Oder geht Ihr bei einem dicken Boss erst einmal in die Defensive, um zu sehen, was der Bursche überhaupt kann und schlagt dann konzentriert los? Ob Ihr etwas riskiert oder lieber auf Nummer sicher geht diese Entscheidung liegt bei Euch.
Auf der einen Seite bietet Bravely Default all das, was Rollenspiel-Fans an ihrem Lieblingsgenre schätzen: Die Dungeons sind groß, die Bosse fordernd und in jeder neuen Stadt besucht Ihr zuerst den Waffenladen, um die neuesten Argumentationsverstärker und Rüstungen zu bestaunen.
Andererseits hat Bravely Default aber auch jede Menge modernen spielerischen Luxus in petto. Sind Euch die Kämpfe zu schwer, stellt Ihr auf einfach. Wollt Ihr schnell ein paar Levels aufsteigen? Per Menü könnt Ihr die Kampfrate verdoppeln und die Geschwindigkeit vervielfachen. Habt Ihr gerade keine Lust auf Monsterkeilerei? Kein Problem schnell sind die Kämpfe komplett deaktiviert. Freies Speichern auf der Weltkarte und ein flotter Autosave beim Betreten eines neuen Dungeon-Stockwerks gehören ebenso zum guten Ton. Außerdem wird die StreetPass-Funktion unterstützt: Ihr koppelt Eure Figuren mit denen von Freunden und setzt so eines ihrer Talente ein. Außerdem wird jeder Besucher zum Bewohner Eures Dorfes und darf zur Arbeit herangezogen werden: Während ein einzelner Bürger an der Aufrüstung des hiesigen Waffenladens ein paar Stunden arbeitet, erledigt ein ganzer Trupp fleißiger Helfer das in einem Bruchteil dieser Zeit.
Die Arbeit lohnt sich: Gut ausgebaute Geschäfte versorgen Euch regelmäßig mit neuen Gegenständen und manch durchschlagende Waffe wird so schon sehr früh im Spiel zugänglich Ihr müsst sie Euch dann nur auch leisten können.
Thomas Nickel meint: Wieder einmal entpuppt sich Nintendo als weißer Ritter der Rollenspieler gut, dass dieses kleine RPG-Juwel nicht in Japan geblieben ist! Bravely Default kommt schnell zur Sache, gibt Euch schon nach kürzester Zeit Zugriff auf alle wichtigen Spielsysteme und hält dank ständig neuer Charakterklassen permanent bei der Stange. Gleichzeitig geht die Musik prima ins Ohr, die detaillierte Grafik gehört zum Schönsten, was man bisher auf dem 3DS sah und erinnert aufs Herrlichste an Klassiker wie Final Fantasy IX. Wer mit Köpfchen spielt und seine Jobs klug einsetzt und kombiniert, der spart sich lästiges Level-Grinden und kommt flott voran. Da stört es auch nicht, dass die Handlung weitgehend klassischen Abläufen folgt eine so sympathische Heldentruppe begleitet man gerne bis ins große Finale. Daran ändern auch die fragwürdigen, zum Glück aber ignorierbaren Mikrotransaktionen nichts.
- durchdachtes Job-System
- fordernde Bossgegner
- sehr großer Umfang
- viel spielerischer Luxus
- wichtige Ereignisse mit Sprachausgabe
- sehr gute deutsche Texte
Erstklassiges Rollenspiel alter Schule, das mit toller Präsentation und viel spielerischem Luxus auf ganzer Linie überzeugt.
| Singleplayer |  | 88 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |