Mit 21 Jahren hat man noch Träume: Deshalb macht sich ein junges, unschuldiges Mädel auf den Weg zur ersten Forschungsreise, um ein sagenumwobenes Königreich in der Japanischen See zu finden. Natürlich geht schief, was schiefgehen kann: Das Expeditionsschiff sinkt vor einer düsteren Insel, die unfreiwillige Heldin wird von der Gruppe getrennt und auf dem Eiland scheint Unheimliches vor sich zu gehen…
Mit dieser Einleitung beginnt Tomb Raider, das noch dazu durch den Verzicht auf eine Nummerierung (es wäre nach offizieller Zählung der neunte richtige Teil) oder Untertitel unterstreicht: Hier wird für die sicherlich prominenteste weibliche Hauptfigur der letzten 20 Jahre ein Neubeginn durchgezogen. Die erklärten Ziele: eine spielerische Neupositionierung des Abenteuers für moderne Geschmäcker und mehr Tiefe für Lara Croft, indem ihr Wandel vom unerfahrenen Jungspund zur Überlebenden im Mittelpunkt steht.
Praktisch wirken sich diese Vorhaben leicht überspitzt wie folgt aus: In Tomb Raider wird deutlich mehr und intensiver geballert als je zuvor, Lara schwankt je nach Situation zwischen wimmerndem Bambi und Rambos Cousine und die USK-18-Freigabe ist angesichts satter Gewaltspitzen keine Überraschung. Wer mit den eher auf Kletterakrobatik ausgelegten Originalen groß wurde, mag angesichts dieser verkürzten Darstellung die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Doch so schlimm ist es nicht im Gegenteil: Crystal Dynamics hat den Spagat zwischen neuzeitlichen Konventionen und traditionellen Tomb Raider-Stärken so gut hinbekommen, dass Lara Croft fit für die Gegenwart ist.
Als Inspiration wurden offensichtlich Genre-Konkurrenten wie Uncharted mit PS3-Sonnyboy Nathan Drake sorgfältig unter die Lupe genommen, denn Parallelen kann Tomb Raider kaum verleugnen: Bei Feuergefechten ist Lara mit Über-der-Schulter-Sicht, Zielkreuz und schnellem Zeigefinger bei der Sache, in Kletter- und Geschicklichkeitspassagen bricht regelmäßig der Boden unter ihr weg oder jede Menge andere Unpässlichkeiten machen ihr das Leben schwer. Auch andere Elemente lassen auf prominente Einflüsse schließen: Der per Knopfdruck aufrufbare Überlebensinstinkt, der das Bild mit einem Filter überdeckt und wichtige Objekte oder Stellen markiert, hat seinerzeit schon Batman bei seinen Arkham-Ausflügen gute Dienste geleistet. Und Kraxeleien an rauen Steinwänden beherrscht Kratos ähnlich gut.
Mehrspieler-Modus
Durch originelle Konzepte will Tomb Raider also nicht punkten, dafür mit Inszenierung und Geschichte: Der mysteriöse Inselschauplatz geriet sehenswert und wartet für den so begrenzten Spielraum mit angenehm variantenreichen Schauplätzen auf. Dabei wechseln sich weitläufigere Regionen, die auch mal zum Erforschen und der Suche nach zahlreichen Geheimgegenständen einladen, mit räumlich begrenzten Schlauch-Sektionen ab, wobei Letztere oft mit dynamischen Renn- und Kletterelementen verknüpft werden. An den Umgebungstexturen und der Detailverliebtheit lässt sich ebenso wenig aussetzen wie der sehr gut animierten Heldin. Die Bildrate bricht gerade in weitläufigen Szenarien schon mal ein, störend wirkt sich das aber kaum aus. Kurios wirken lediglich Laras magische Hosentaschen, in denen just die großen Ausrüstungsgegenstände verschwinden: Während Kletterhaken und Funkgerät stets am Gürtel hängen, trägt sie am Rücken immer nur das Meuchelgerät wie Bogen oder Schrotflinte, mit dem sie zuletzt die Feinde entsorgte.
Nach und nach erweitert sich das Portfolio praktischer Hilfsmittel und Waffen, damit einher geht der Wandel der Heldin vom Opfer zum Täter. Zu Beginn gelingt es der Autorin Rhianna Pratchett noch sehr gut, Laras Unschuld einzufangen, im Verlauf der Story wirken die Stimmungsschwankungen zunehmend abrupt: In zahlreichen Action-Sequenzen, bei denen mit Blut und Nahkampf-Finishern nicht gespart wird, agiert Lara Croft wie eine eiskalte Profi-Killerin (jedoch ohne pseudolustige Sätzchen von sich zu geben), um beim nächsten Story-Schnipsel wieder als junges Mädchen über dies oder das zu trauern. Arg störend ist diese Diskrepanz jedoch nicht, zumal die deutsche Synchronisation mit Nora Tschirner ordentlich ausfällt.
Um noch einmal zum Knackpunkt zu kommen: In Tomb Raider wird mehrheitlich geballert dynamische Gefechte sind die Regel, zumal passives Verschanzen hinter Deckungen effektiv von aggressiven Gegnern mit Brandpfeilen oder Molotowcocktails ausgehebelt wird.
Darüber haben die Entwickler aber die anderen Aspekte nicht vernachlässigt: Dynamische Reaktionsaufgaben (mit erfreulich wenig QTE-Einlagen) und Klettereien spielen eine zweite, aber trotzdem wichtige Geige. Gerade wer sich abseits der Hauptstory etwas Zeit nimmt, wird mit einer zusätzlichen Portion an Erkundung und Rätseln belohnt. Letztere verbergen sich in einigen kurzen, aber knackigen geheimen Grabmälern und setzen zum Teil viel Koordinationsvermögen voraus nächstes Mal bitte mehr davon.
Mehrspieler-Modus
Zum ersten Mal bietet ein Tomb Raider auch einen Mehrspieler-Modus, der bei Eidos Montreal entstand: Statt aber wie etwa Uncharted auch Koop-Missionen anzubieten oder die Story mit weiteren Infohäppchen auszuschmücken (wie es bei Assassins Creed die Regel ist), wird auf separate, geradlinige Standard-Actionkost gesetzt. In vier Spielmodi (Team- und Solo-Deathmatch sowie zwei Aufgaben-basierte Varianten) duellieren sich Schiffbrüchige und Inselvolk, maximal acht Spieler finden in einem Match Platz. Nur fünf Maps ist ziemlich wenig, die überzeugen dafür mit abwechslungsreicher Optik und durchdachter Architektur, die viel Spielraum für Hinterhalte und eine ordentliche Menge an aktivierbaren Fallen wie tödliche Stacheln oder Stolperdrähte bieten. Wie es heutzutage üblich ist, erballert Ihr Erfahrungspunkte und schaltet stetig mehr Waffen, Fähigkeiten und Perks frei. Anders als Lara im Solo-Abenteuer könnt Ihr nicht alle Waffenarten auf einmal mitschleppen (aber nach Ableben wechseln), dafür sind gezieltes Ducken hinter Schutzwänden und kurze Zwischensprints möglich. So erweist sich das Geschehen als kompetent gemachte Multiplayer-Ballerei mit viel Tempo, weshalb Anfänger tendenziell häufiger ins Gras beißen. Jedoch wird nichts geboten, was andere Titel nicht schon besser hinbekommen hätten. So bleibt letztlich eine latent überflüssige Dreingabe, die aber immerhin jedermann nutzen kann: Auf einen Online-Pass verzichtete Square Enix wohlweislich.
Mehrspieler-Modus
Ulrich Steppberger meint: Auch wenn ich mir für ein neues Tomb Raider mehr Klettern und weniger Ballern gewünscht hätte: Was mit Laras Comeback abgeliefert wurde, unterhielt mich bis zum letzten Moment sehr gut. Natürlich sieht Uncharted bunter aus und hat das Konzept bereits mehrfach vorgelebt, doch mir schmeckt die Mischung aus Action und Erforschen hier persönlich etwas besser: Zwar sorgen die Feuergefechte hin und wieder mit Gegnerflut für Stress, doch dann wartet stets eine schicke Klettereinlage oder Erkundungspassage, auch wenn die meist eher linear ausfallen. Grafisch macht die Insel mit schicken Texturen und vielen Details eine feine Figur, über Laras absurde Bambi-/Rambo-Dualität und die Logiklücken kann ich letztlich hinwegsehen. Unterm Strich schickt Crystal Dynamics seine Forscherin auf eine mitreißende Reise, bei der ich gerne dabei war so kann es weitergehen, am besten aber mit einer Prise mehr Rätsel.
Tobias Kujawa meint: Liebe Lara, leider weißt du mit deinen 21 Jahren anscheinend noch nicht, was du sein willst. Einerseits heulst du mir in den Zwischensequenzen ständig was vor, andererseits weißt du genau, wie man Tiere ausweidet, in höchsten Höhen furchtlos ohne Seil kraxelt und Bösewichte in Nah- und Fernkampf brutal im Dutzend um die Ecke bringt. Die Geschichte, die du erzählst, ist bereits nach einer Stunde vorhersehbar, deine sinnlosen Sammelaufgaben interessieren mich nicht und warum ich in Schatztruhen uralter Gräber Upgrades für moderne Waffen finde, musst du mir auch mal erklären. Gut unterhalten hast du mich mit optionalen Denksportaufgaben, knackigen Shootouts und aggressiven Feinden. Wenn ich wählen müsste, würde ich das zweite Abenteuer deines Kollegen Nathan Drake aber aufgrund von mehr optischer Abwechslung vorziehen.
- Fokus liegt auf Gefechten
- Klettereinlagen nicht besonders anspruchsvoll, aber gelungen
- Insel-Szenario mit genug Abwechslung
- RPG-Aspekte nicht zu aufdringlich
Mehrspieler-Modus Meinung
Die actionlastige Neuausrichtung mag nicht jedem schmecken, trotzdem ist Laras Abenteuer ein rundum gelungener Neustart.
| Singleplayer |  | 85 |
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| Grafik |  |
| Sound |  |