Während Yamauchi-san seine Rennsport-Jünger mutmaßlich bis ins Jahr 2017 auf Gran Turismo 6 warten lässt, geht die Xbox-360-Konkurrenz Forza Motorsport einen anderen Weg, der Fans verblüfft: Denn Forza Horizon, das beim neuen britischen Entwickler Playground Games (Heimat vieler Talente aus aufgelösten Genre-Studios wie Bizarre Creations oder Black Rock und erfahrene Ex-Codemasters-Profis) wagt einen kräftigen Kurswechsel statt bierernstem Rennsport ist nun Party angesagt!
Was bedeutet das? Als ambitionierter, aber unbekannter Fahrer ergattert Ihr einen der letzten freien Plätze beim fiktiven Horizon-Festival, das in einem idealisierten Colorado stattfindet und Vollgasspaß in allen Formen zelebriert. In mehreren Rangstufen (symbolisiert durch farbige Armbänder) sammelt Ihr Punkte bei Etappen- oder Rundkursrennen, die über Straßen und Feldwege der Umgebung führen stets mit dem Ziel vor Augen, neuer Champion zu werden. Originell ist dieses Konzept natürlich nicht und in den vergangenen Jahren gab es zwei Titel, an die Forza Horizon unverkennbar erinnert: Doch wo Ataris Test Drive Unlimited-Duo über seine teils allzu ambitionierten Ideen stolperte, stimmt hier die Mischung aus freier Erkundung, rotem Faden und spielerischer Qualität.
So ist die große Bleifuß-Freiheit durchdacht inszeniert: Colorado gibt ein interessantes und visuell schick in Szene gesetztes Szenario ab, wenn auch eine gewisse Affinität für trockene Landschaften nicht schadet ein Tag- und Nachtzyklus fehlt nicht, nur das Wetter bleibt stets heiter. Das Straßennetz ist so ausgelegt, dass es nie allzu lange dauert, bis Ihr entweder eine neue Tätigkeit oder einen interessanten Umgebungstupfen wie eine Stadt, enge Bergpässe oder für Vollgas-Orgien ideale Highways erreicht. Grafisch lässt sich dieses Forza nicht lumpen und sieht edel aus, wenn auch (leicht zu verkraftende) Kompromisse gegenüber der Hauptserie notwendig sind: Die Vehikel wirken nicht ganz so hyperdetailliert und das Geschehen wird mit 30 statt 60 Bildern pro Sekunde auf die Mattscheibe gezaubert dafür bleibt die Bildrate selbst im größten Getümmel stabil.
Der Fuhrpark umfasst knapp 130 Boliden vom altehrwürdigen VW Käfer bis zu Hochgeschwindigkeitsraketen wie dem Ferrari FXX. Damit Spieler, die weniger Wert auf Simulationscharakter legen, nicht abgeschreckt werden, gibt sich das Fahrverhalten in der Standardeinstellung etwas arcadelastiger, ohne anspruchslos zu wirken. Wer Fahrhilfen wie ABS & Co. abschaltet, kann sich über einen Mangel an Realismus nicht beklagen, vom reduzierten Schadensmodell abgesehen: Kollisionen sorgen nur noch für Falten im Blech und werfen Euch kurz aus der Spur, echte Leistungseinbußen gibts dagegen nicht.
Neben den offiziellen Festival-Rennen gibt es viel zu tun: Tretet zu illegalen Straßenrennen an (und achtet dann auf den Zivilverkehr), stellt Temporekorde bei Blitzfallen auf, zertrümmert aufgestellte Schilder, um mehr Tuning-Rabatt zu bekommen, sucht geheime Scheunen mit alten Vehikeln und nehmt an Schaurennen teil. Die dienen als originelle Einlagen mit Spezialbedingungen. So stehen etwa Duelle gegen verschiedene Flugzeuge auf dem Programm, die teils gescriptet wirken. Puristen mag es grauen, aber spannend sind diese Fahrten allemal, und bei normalen Rennen macht sich der berüchtigte Gummiband-Effekt ausgesprochen rar.
Forza Horizon lässt Euch ständig wissen, dass Ihr etwas leistet: Die drei mit wuchtiger Bass- und Dubstep-Mucke, chilligen Indie-Klängen oder Metal bestückten Radiosender mitsamt DJs verkünden regelmäßig den Stand der Dinge. Über ein Fähigkeitenpunkte-System wird jedes Fahrmanöver wie Drifts, Überholvorgänge, Windschattennutzung und mehr bewertet. So steigt Ihr in einer Stilrangliste von Platz 250 bis nach oben, was regelmäßig Geld in die Kasse spült und besagte Schaurennen freischaltet. Außerdem teilt Euch das vom Simulations-Bruder Forza 4 bekannte Rivalen-System laufend mit, wenn ein Konkurrent aus der Freundesliste einen Eurer Rekorde gebrochen hat und gibt Euch gleich bequem die Möglichkeit, im Navi die Route dorthin zu planen. Natürlich fehlen richtige Online-Rennen nicht, die wohlweislich vom Solo-Bereich abgekapselt wurden, um nicht über die gleichen Fallstricke zu stolpern wie Test Drive Unlimited: So tauchen keine anderen menschlichen Fahrer in Eurer Welt auf und MMO-Aspekte werden kleingeschrieben. Zwar ist neben obligatorischen Standard-Rennen und Gaudi-Disziplinen wie Katz und Maus oder Infektion die freie Erkundung mit einer Freundesgruppe möglich, dann gibts aber nur ein paar leidlich prickelnde Koop-Aufgaben zu erledigen.
Forza Horizon löst die selbst gestellte Aufgabe mit Bravour: Das Konzept, ein Rennspiel in einer offenen Welt anzusiedeln und weder Arcade-Freunde noch Simulations-Anhänger zu vernachlässigen, geht auf dieses PS-Festival rockt!
Ulrich Steppberger meint: Wenn Forza 4 und Test Drive Unlimited zusammen ein Kind mit jeweils nur den besten Eigenschaft der Erzeuger hätten, würde es den Namen Horizon tragen. Das idealisierte Colorado sieht toll aus und entpuppt sich als große Spielwiese mit viel fahrerischer und optischer Abwechslung, die Fahrphysik der Boliden bringt Anspruch und Arcade-Tauglichkeit prima unter einen Hut. Der Festival-Rahmen mag nicht jedem gleich gut gefallen, passt aber wie angegossen und sorgt für den roten Faden, der etwa einem Need for Speed: Most Wanted abgeht. Fahrgefühl klasse, Grafik ebenso (der Verlust von 60 Bildern pro Sekunde fällt kaum ins Gewicht), Renn- und Wettbewerbsvarianten für jeden Geschmack da bleiben kaum Wünsche offen. Okay, der Online-Teil hätte vielleicht mehr MMO-Aspekte verkraftet, aber es muss ja noch Luft nach oben geben.
Sascha Göddenhoff meint: Anfangs war ich mir nicht sicher, ob das Konzept der offenen Raserwelt auf die Forza-Marke passen würde. Jetzt weiß ich: Es passt! Die virtuelle Festival-Umgebung bietet abwechslungsreiche Events, Tempoherausforderungen, auffindbare Autos und jede Menge mehr. Genauso wenig wie es an Abwechslung mangelt, hapert es bei der Optik: Die Automodelle fallen zwar nicht ganz so detailliert aus wie bei Forza 4, sind aber immer noch eine Augenweide. Überhaupt passt bei Forza Horizon alles zusammen: Durch die nahtlose Verquickung von Optik, Sound und Spielbarkeit schafft das Spiel eine wirklich motivierende Renn-Atmosphäre. Für mich ist Forza Horizon das bessere Test Drive Unlimited. Einziger Kritikpunkt: Lediglich drei Musiksender sind mir zu wenig.
- frei erkundbares virtuelles Colorado
- 127 Autos von 50 Marken in 8 Klassen
- erstmals auch Rennen auf Offroad-Belägen
- viele Wettbewerbstypen
- jede Menge Ranglisten und Online-Modi
PS-Paradies: Der Wandel von Renn-Simulation zum arcadelastigeren Raser mit offener Welt und Anspruch klappt perfekt.
| Singleplayer |  | 90 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |