Damals bin ich noch mit meinem Passwort-Heft bewaffnet zu einem Freund spaziert (zu Fuß! mehrere Kilometer!) und habe in selbst betitelter Real-Community-Exchange-Work Nintendo-Spiele am Fließband durchgezockt. Das hieß: Ich durfte solange zocken, bis ich ein Leben verlor und vice versa. Zum Glück hauchte man damals seine virtuellen Leben recht schnell aus nichts im Vergleich mit an jeder zweiten Ecke verteilten Rücksetzpunkten, unendlich vielen Leben wie bei Call of Duty: Modern Warfare 2, oder speichern nach jeder Feindbegegnung.
Nur wenige Jährchen danach erblüht der Splitscreen-Modus auf heimischen Konsolen und lässt diese über Super Mario Kart bis zum inoffiziellen Vorgänger von Perfect Dark zur genialen Party-Alternative werden. Wer besäuft sich mit Kollegen in der Altstadt, wenn er sich anstelle dessen mit drei Freunden auf einem gigantischen Röhrenfernseher (mindestens 68 Zentimeter!!!) rote Schildkrötenpanzer oder außerirdische Laserstrahlen um die Ohren hauen kann?
Gefühlte 1.000 Jahre später erblüht meine Xbox 360 im neuen Community-Licht: Facebook, Twitter, Last.fm und wie sie nicht alle heißen finden Einzug auf meiner geliebten Dadddelkiste. Selbst PS3-Jünger bleiben nicht verschont: Auch hier macht sich die Facebook-Seuche breit.
Plötzlich reichen nicht mehr “nur” drei Freunde mittlerweile stapeln sich meine Gönner im dreistelligen Bereich, darunter jedoch auch Leute wie der “Hannes”, den ich noch aus der vierten Klasse kenne, damals in Street Fighter II abgezogen und seitdem nicht mehr wiedergesehen habe. Oder natürlich die Freunde meines Freundes Freundin, deren Namen ich mir nur per Facebook merken kann.
Die Frage ist berechtigt und wichtig: Wie viel Community braucht eigentlich ein Gamer? Und ist diese Frage so sehr verschieden von “Wie viel Community braucht eigentlich der Mensch an sich?”. Eine philosophische Abhandlung über modernes Gruscheln, Anstupsen, Gruppen-Nase-Bohren und Radio hören mit mehreren Leuten gleichzeitig garantiert voll virtuell und voll nicht echt!
Zu Anfang: Ich muss gestehen, dass ich langsam, aber sicher zum Facebook- und Twitter-Zombie verkomme. Schnell noch die letzte Blog-News per Twitter um die halbe Welt geschickt, schnell noch den letzten Tropfen Milch aus den virtuellen Kühen meiner Farmville-Ranch gequetscht und ganz dringend: Die letzten Bejeweled Blitz High Scores checken und so schnell wie möglich wieder zur Spitze spielen!
Der Xbox-Auftritt von Facebook überrascht mich in der Hinsicht eher negativ: Kein einziges Spiel lässt sich bequem vom Sofa zocken. Klar, ich kann sehen, dass Mister Wong mal wieder in Café World expandiert hat, oder dass Miss Chen am Quiz “Wer hat die längsten Hängetitten?” teilgenommen hat aber selbst daran teilnehmen? Fehlanzeige! Ich surfe also meine Community ab, schau mir einige Fotos an (immerhin: dies klappt reibungslos!) und… stehe dort, wo ich am Anfang stand.
Twitter hingegen erweist sich auch auf der Xbox 360 als praktisch: Wer seinen faulen Popo nicht zum PC bewegen will, bleibt halt den ganzen Tag auf dem Sofa up to date. Steffie twittert, dass ihr Freund Tobi Schluss gemacht hat, weil er die Beziehung langweilig fand. Tobi twittert, dass seine neue Gina echt knackige Oberschenkel hat und Gina twittert, dass sie sich Fett hat absaugen lassen.
Sinnvolle Twitter gehen im Community-Chaos schnell unter: So twittern bekannte Größen aus der Videospielkultur aus dem Nähkästchen, Spiele-Blogs bringen Euch die heißesten News (zum Beispiel der Maniac-Twitter!) und Spiele-Shops verraten geänderte Erscheinungstermine. Ebenfalls praktisch: Jeder deutsche Bahnhof twittert zeitnah Verspätungen so kann man sich die PSP- und DS-Session auf der kalten Bahnhofsbank besser einteilen. Wer seine Lieblingstwitter vernünftig wählt, verbindet sich mit einem der schnellst-aktualisiertesten News-Feeds der Neuzeit.
Auswirkungen auf aktuelle und kommende Spiele? Zumindest bei mir: nada! Sowohl Facebook als auch Twitter bringen für mich persönlich keinerlei Mehrwert hinsichtlich Spielspaß oder Nutzen: Ich werde weder mit “Hannes” eine Runde Street Fighter IV online zocken, noch mit hakeliger Joypad-Tastatur die tollen Farmville-Bilder von Miss Chen kommentieren. Was mich fast zur nächsten Frage führt: Wer nutzt eigentlich die Tastatur für eine Konsole (egal in welcher Form)?
Bevor ich noch weiter lamentiere, hier mein kleines Fazit: Konsoleros sind im KERN noch immer jung gebliebene Single-Player. Ich weiß, damit lehne ich mich weit aus dem Fenster; aber ich persönlich zocke seit Anbeginn aller Zeiten und zumindest für mich passt dieser Satz.
Ja, es ist toll, wenn ich mit meinen Freunden online zocken kann, online chatten kann, online rauchen, saufen und “fett abgehen” kann (besonders bei billigen Tanzspielchen in PlayStation Home)… ABER wie oft macht man sich schon die Mühe, den werten Kollegen kurz nach Mitternacht wachzuklingeln, das Headset aus der Schublade zu kramen (ein ganz schöner weiter Weg für einen Sofa-Menschen!) und dann noch den ganzen Verbindungskram (Partyeinladung versenden, annehmen, “hörst du mich?”, “check one, check two”) zu erledigen…
Und wer schon zu faul ist, mit GUTEN Freunden gemeinsam zu zocken wem bringen da Pseudo-Internet-Freundschaften wie Facebook und Co. wirklich weiter?