Ausverkauf im Game-Königreich: Tencent frisst Sumo

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Dieser Artikel stammt aus der M! 336 (September 2021).

ENGLAND • Im Nach-Brexit-Sommer 2021 gibt es auf der England- und Schottland-Karte kaum noch eine namhafte Spielefirma, die unabhängig oder in britischem Besitz ist: Nachdem sich EA den 1986 gegründeten Publisher Codemasters und der Outsourcing-Konzern Keywords die Reste von Climax schnappte (siehe M! 333), wird die börsennotierte Sumo Group nun von Tencent übernommen. Der chinesische Internet-Medienriese zahlt umgerechnet 1,1 Milliarden Euro und damit 43 Prozent mehr, als die Sumo-Aktien zum vorhergehenden Schlusskurs wert waren.

China schöpft aus tiefen Kassen, was weltweite IT-Investments angeht: Dass der Preis für ein Unternehmen, das bislang drei Dutzend Ports, Reboots und Originale, aber noch keinen Superhit produzierte, so hoch ausfällt, liegt daran, dass der Käufer Tencent heißt. Der Konzern befindet sich auf einer Content- und Technik-Shopping-Tour und klotzt statt zu kleckern, wie wir seit M! 322 wissen. Die Sumo-Gruppe ist ihrerseits ein eifriger Jäger und Sammler von Personal und sackte in wenigen Jahren viele Studios ein. Kurz gesagt: Tencent kauft rohe Entwicklungs-Power. Wie Codemasters und Climax hortet Sumo vor allem viel Rennspiele-Know-how und -Kapazitäten.

Kommt mit den Übernahmen also eine 40-jährige Entwicklung zum Abschluss? In den 1980ern auf Augenhöhe mit USA und Japan, schwächelt die englische Szene nach 1990 und meistert den Umstieg von ­Amiga auf PlayStation nur mit ausländischem Kapital – zig Firmen wandern in amerikanischen, japanischen und französischen Besitz. Als Töchter schaffen britische Studios aber weiterhin große Originale, darunter WipEout, Donkey Kong Country, Grand Theft Auto, Driver oder Total War. Doch die meisten verwandeln sich auf dem Weg ins 21. Jahrhundert in Stichwortgeber und Zulieferer, die ausführen, was Konzernzentralen in Kalifornien, New York, Paris und Tokio entscheiden. Globale IP-Inhaber und Marktführer hat die britische Games-­Industrie heute nicht mehr. Andererseits wachsen aus jahrzehntealter UK-­Tradition kontinuierlich neue Ideen, frische Teams und Labels – und werden durch Börsengang oder Verkauf international flüssig.

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greenwade
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greenwade

schade, ich hab sumo wegen den tollen rennspielen gemocht.

riccipicci
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riccipicci

Was‘ n schöner Artikel! Vielen Dank für die interessanten Hintergründe!
Da wird der rießige Tencentmoloch noch rießiger… Wird das nicht irgendwann Wettbewerbsschädigend, wenn es da eine so riesige Firma gibt, die sich durch die ganze Spielelandschaft durchkauft? Muss sich da nicht irgendwann eine internationale Kartellbehörde einschalten? Wie lange kann das so noch gut gehen?