
Richtig begeistert bin ich vom Boden. Hört sich absurd an, aber es war vor allem der Boden an dem ich mich nicht satt sehen konnte. Die Kopfsteinpflaster, die Pfützen mit ihren tollen Spiegelungen, der Matsch, die Bodentexturen sind einfach nur großartig und werden perfekt in Szene gesetzt. Generell ist das Spiel insgesamt ein formidabler Hingucker, allerdings einer dessen Schönheit sich rein vom Standbild nicht erschließt. Aber wenn da alles ineinandergreift während man durch die doch sehr abwechslungsreichen Viertel klappert, gehört es in meinen Augen zu den aktuell schönsten Spielen überhaupt, wo sich tolles Artdesign mit einer stabilen Technik ergänzen, welche die doch sehr große Szenerie gekonnt und atmosphärisch in Szene setzt.
Lediglich eine Designentscheidung finde ich unglücklich, wobei sich die Frage stellt, ging es da um Design oder Budget. London ist nicht eingedeutscht. Also alle Charaktere mit denen man agiert sprechen Deutsch, aber auf den Straßen wird englisch gesprochen. Passt überhaupt nicht, ist ein atmosphärischer Bruch, bei dem durchaus mal zwischen zwei Sätzen einer Figur der Sprecher vom deutschen ins englische wieder hin zum deutschen wechseln kann. Aber man gewöhnt sich dran.
Natürlich ist Syndicate am Ende des Tages ein Assassins Creed und folgt der klassischen Ubi-Formel, im Hinblick auf die Serie gibt es aber ein paar erfrischende Kniffe und auch überfällige Problemlösungen.
Was sofort auffällt, in Syndicate steuert man nicht einen Charakter, sondern ein Geschwisterpaar. Zwischen diesen beiden kann man auch jederzeit wechseln, es sei denn, man spielt eine der Hauptmissionen. Diese sind entweder auf Jacob, so der männliche Vertreter, oder Evie, das Schwesterherz gemünzt. Schwester? Jepp, man kann eine Frau steuern, und ich persönlich mit meinem Faible für Frauenfiguren fand und finde das fantastisch.
Beide Figuren markieren in meinen Augen in der gesamten Serie dann auch gleich die charismatischsten Vertreter in Sachen Hauptfigur. Beide haben ein gutes und klares Profil das auch stark zum Tragen kommt. Wo die Vorgänger nach dem Intro den Helden in seinen Kapuzenanzug zwängen und damit weitestgehend gleichschaltend anonymisieren, haben die zwei Fryes eigene Outfits, in denen sie ihre Köpfe auch während des Gameplays sichtbar durch die Umwelt tragen (die Kapuze wird im gezielt per x-Taste ausgelöstem Sneakmodus übergestülpt) und ihre charakterlichen Eigenheiten auch immer spürbar einbringen. Jacob ist dabei eigentlich ein hitzköpfiger Idiot, und wird von seiner Schwester auch als solcher wahrgenommen. Es steht allerdings kein neues Watch_Dogs-Aiden-Arschloch-Problem zu befürchten. Denn Jacob ist charismatisch und charmant, und seine recht grobe Attitüde hat durchaus ihren Reiz und bietet mal einen etwas anderen Anstrich. Evie hingegen ist die safe bet, eine gewitzte, moralisch integre und mit Bedacht agierende Dame, die erfrischender Weise aber auch einige Schwächen und Unsicherheiten offenbart. So bilden die beiden ein recht unterschiedliches Duo, das ich wirklich gerne durch ihr Abenteuer begleitet habe, fetischbedingt natürlich mit großem Übergewicht bei Evie. Jacob kam eher situativ zum Einsatz wenn es gut gepasst hat.
Und dass es je nach Missionsart sinnig sein kann die Charaktere zu switchen liegt an den Skilltrees. Von Haus aus ist es so, dass Evie eher die Sneakerin ist, während Jacob mehr der Typ fürs Grobe ist. In der Skilltree gibt es drei Strecken, eine für den Kampf, eine für das Schleichen und eine für Umgebungsfähigkeiten, wie etwa die Weitsicht des Adlerauges. Sind die Charaktere einmal ausgelevelt, sind die Unterschiede zwischen Ihnen trotz exklusiver Fähigkeiten vernachlässigbar. Aber über eine ordentliche Strecke kann man die Unterschiede im Spiel schon deutlich spüren.
Wenn man genug Erfahrung für einen Skillpunkt gesammelt hat, dann bekommen auch beide Charaktere diesen Skillpunkt, egal mit wem man eigentlich gespielt hat. Beide Charaktere sind also immer auf dem gleichen Level. Aber beide haben ihren eigenen Fähigkeitsbaum, und während man höchstwahrscheinlich bei Evie eher Schleichfähigkeiten freischaltet, so kann man Jacob eher für Kämpfe fit machen. Das macht sich mit den noch in Entwicklung befindlichen Chars schnell bemerkbar, während Evie nicht so schnell entdeckt wird, ist Jacob in Auseinandersetzungen viel potenter unterwegs. Sofern man die beiden eben in dieser Form spezialisiert, was jedoch aufgrund der exklusiven Spezialfähigkeiten auch genauso anbietet und sich gut mit deren Wesenszügen deckelt. Dementsprechend ist der Switch des Charakters mehr als eine dekorative Maßnahme und legt unterschiedliche Spielweisen nahe. Sehr gelungen.