Kazunori Yamauchi ist Perfektionist. Kein Wunder, dass er jedem Teil seiner Gran Turismo-Reihe so lange Feinschliff verpasst, bis er zufrieden ist. Entsprechend pfeift er auf Abgabetermine. Satte fünf Jahre benötigten er und sein Team, um Teil 5 fertigzustellen. Gran Turismo 6 steht zwar schon nach drei weiteren Jahren Entwicklung in den Händlerregalen, ist aber trotzdem spät dran. Denn während die Spielewelt auf ein GT für die gerade erschienene PS4 hofft, bedient Yamauchi die PS3. Für manchen Fan vielleicht eine Fehlentscheidung, die die Erstklassigkeit von Teil 6 jedoch in keiner Weise schmälert.
Denn allein dessen schierer Umfang lässt Kenner mit der Zunge schnalzen: 1.200 Autos von 107 Herstellern sowie 37 Strecken in 100 Variationen. Beim Spielstart lässt sich die Vielfalt dank schlankem Hauptmenü kaum erahnen. Ebenso verbessert wurden die (jetzt erfreulich flotten) Ladezeiten: GT 6 installiert seine Inhalte von Disc auf Festplatte unauffällig im Hintergrund. Unschön ist nur der Day-One-Patch, der Euch mit seinen 1,2 GB zur Warterei verdonnert. Erst dann startet Ihr serientypisch mit kargem Kapital die Rennkarriere in sechs Klassen. Hier finden sich Wettbewerbe aller Art, in denen der fahrbare Untersatz mittels Leistungspunkten eingeschränkt wird. Je nach Klasse steigern sich nicht nur die PS der zugelassenen Wagen, sondern auch die Anzahl der Teilnehmer. Anfangs heizt Ihr noch gegen fünf Gegner, bald schon im vollen 16-köpfigen Feld. In den Rundenrennen beginnt Ihr immer von den hinteren Startplätzen und kämpft Euch zur Spitze vor. Nach fliegendem Start zeigt Euch die überarbeitete Fahrphysik bald Grenzen auf: Die Vehikel lassen sich nun flotter in den Grenzbereich treiben und dort besser kontrollieren. Jederzeit korrigiert Ihr Ausrutscher und reizt Kurven bis zum Limit aus. Die einblendbare Ideallinie hilft dabei auf unbekanntem Terrain und vor allem bei Nachtfahrten. Zudem finden Einsteiger Hilfe mit der zehnstufigen Traktionskontrolle, ABS oder dem Rutschstopp, der Schleuderpartien verhindert. Noch mehr Fahrgefühl garantieren die unterstützten Force-Feedback-Lenkräder.
Einer der größten Streitpunkte der GT-Reihe war schon immer die Gegner-KI, die in Teil 6 einen zumindest guten Job verrichtet. Die Computerfahrer rasen etwas konservativ und wagen untereinander wenige Aktionen, was schnell Chancen auf Überholmanöver eröffnet. Dabei geben neuerdings Pfeile an, wenn Wagen im toten Winkel fahren. Verbremst Ihr Euch, rumsen die Kontrahenten schon mal ungestüm ins Wagenheck, selten führt das auch zum Abflug in die Pampa. Auf diese Weise macht Ihr auch Bekanntschaft mit dem optischen Schadensmodell, das entäuschenderweise nur kleine Beulen sowie Lackkratzer zeigt.
Im Vorgänger öffneten sich Karriereinhalte noch mit Eurer Fahrerstufe, in Gran Turismo 6 dagegen geht das mit Sternen, die Ihr mit guten Platzierungen verdient. So schaltet Ihr nebenbei Lizenztests, Spezialwettbewerbe oder Kaffeepausen frei, in denen Ihr Pokale erringt. In Letzteren werft Ihr Kegel um oder düst mit nur einem Liter Benzin möglichst weit. Die Macher versorgen Euch zudem regelmäßig mit wechselnden Saison-Veranstaltungen. Eine nette Dreingabe bildet auch das kurze Bergrennen beim Goodwood Festival of Speed mit diversen Autoklassikern. Auf höheren Karrierekategorien freuen sich Profis auf NASCAR-Rasereien, GT3-Renncups sowie Ausdauerveranstaltungen in Le Mans und am Nürburgring in verkürzter 24-Minuten-Form. Die Streckenauswahl ist dank echten und Fantasie-Kursen auch diesmal ausgewogen. Reale Kurse wie Willow Springs, Mount Panorama oder Brands Hatch warten ebenso auf neue Bestzeiten wie erfundene Rundpisten am Matterhorn oder im Grand Valley. Zudem sind altbekannte Stadtkurse in Tokio, London, Madrid, Rom und Monte Carlo an Bord. Die Toscana, die Eiger Nordwand sowie Chamonix besucht Ihr im Rahmen von Rallye-Wettrennen. Viele Strecken besitzen dabei nicht nur variable Wetterbedingungen von Sonne bis Regen, sondern auch fortschreitende Tageszeiten.
Bei über 100 Autoherstellern sollten auch wählerische Naturen fündig werden, schließlich sind Sportwagen aus dem Hause Bugatti, Pagani, Ferrari und Lamborghini ebenso vertreten wie die unüberschaubare Riege japanischer Kompaktwagen. Weiterhin gibt es unter dem Menüpunkt Vision GT futuristische Konzeptwagen zu bestaunen und zu kaufen. Gran Turismo 6 verzichtet auf den Gebrauchtmarkt, stattdessen findet Ihr alte wie neue Vehikel direkt beim Händler. Dank Premium- und Standardausführung unterteilen diese sich wieder in eine Zweiklassengesellschaft. Premium-Wagen besitzen einen hohen Detailgrad und ein voll ausgestaltetes Cockpit, Standard-Autos dagegen nur einen schwarzen Innenraum sowie niedriger aufgelöste Karosserien. Dennoch fügen sich die im Vergleich zum Vorgänger aufgemöbelten Vehikel besser in den Fuhrpark ein. Fast allen Motorkutschen gemeinsam ist der monotone Motorensound, zumindest könnt Ihr Eure Ohren mit importierbaren MP3-Songs besänftigen. Gleichzeitig peppt Ihr mittels Tuning jeden Wagen nach Belieben auf. Ihr erwerbt neue Fahrwerke, Renngetriebe, Turbolader oder Lachgas-Einspritzung. Äußerlich dürft Ihr aber nur Heck- und Frontflügel sowie Felgen montieren, leider fehlt wieder einmal ein Lack-Editor. Für einen neuen Anstrich benötigt Ihr die gewünschte Farbe im Inventar.
Online macht Gran Turismo 6 dank 16-köpfigem Fahrerfeld und frei wählbaren Bedingungen eine gute Figur. Hier kommen auch Mechanikschäden und Reifenverschleiß ins Spiel. Lobenswert ist außerdem der horizontale Splitscreen für zwei Spieler.
Leider mangelt es noch an einigen Features, die erst in künftigen Updates nachgereicht werden. Dazu zählt der B-Spec-Modus, in dem Ihr zum Teamchef werdet und Computerfahrer kommandiert. Ebenso fehlt der Strecken-Editor samt GPS-Generator sowie stereoskopisches 3D. Auch von der Top-Gear-Strecke, Beschleunigungstests sowie Gran Turismo TV fehlt jede Spur. Doch Entwickler Polyphony Digital will regelmäßig Zusatzinhalte und Patches nachschieben.
Thomas Stuchlik meint: Gran Turismo 6 entfaltet erwartungsgemäß ein faszinierendes wie umfassendes Erlebnis rund um das Thema Auto und begeistert mit stimmigem Fahrgefühl. So ist es immer wieder ein Genuss, die zahlreichen Wagen auf der Strecke bis zum Grenzbereich auszureizen egal ob mit Controller oder Force-Feedback-Lenkrad. Der riesige Fuhrpark sucht seinesgleichen, auch die Streckenvielfalt sorgt für Abwechslung und überraschende Wettbewerbe. Zur Perfektion reicht es dennoch nicht: Zum einen fehlen beim Erscheinen einige Modi (B-Spec, Strecken-Editor), die erst nachgeschoben werden. Zum anderen nerven Technikmängel: Der unförmige Schattenwurf wirkt teils fehlerhaft, das Kantenflimmern stört, auch das Schadensmodell ist ein Witz. Hier und da stechen außerdem gelegentliche Bildrateneinbrüche ins Auge. Offenbar treibt die ansonsten flüssige Optik in 1080p die PS3 an die Grenze des Machbaren. Unterm Strich bleibt dennoch ein hervorragendes Rennspiel, das nicht nur Fans in Entzücken versetzt.
Ulrich Steppberger meint: Der Zahn der Zeit nagt durchaus an GT 6, gerade im Vergleich mit dem Next-Gen-Rivalen Forza 5 sieht Yamauchis PS-Epos nicht mehr so frisch aus. Zudem sind die früher selbstverständlichen 60 Bilder pro Sekunde speziell in der Cockpit-Perspektive eher Ausnahme als Regel. Manch andere Serien-Macke findet sich immer noch, vom übertriebenen Gequietsche der Reifen bis hin zur teils nicht intuitiven Menüführung (obwohl Letztere bereits deutlich besser wurde). Dafür lässt Gran Turismo 6 den Xbox-Konkurrenten in einem entscheidenden Punkt nur am Auspuff schnuppern die Abwechslung ist unübertroffen. Allein schon die zigfache Streckenzahl, überwiegend mit variablen Wetterbedingungen und Tageszeiten garniert, sorgt für Langzeitmotivation. Hinzu kommen einfallsreiche Renn- und Wettbewerbstypen und schlicht ausgeflippte Ideen wie die Mondfahrt. Quantität und Qualität gehen hier Hand in Hand, das lässt kleinere Schönheitsfehler leicht verzeihen und durch die angekündigten Updates wird GT 6 nur noch besser.
- Day-One-Patch bringt mehr Funktionen
- Spielwährung ist ebenso für echtes Geld erhältlich
- als Anniversary Edition mit 20 virtuellen Sportwagen erhältlich
Auch Teil 6 ist eines Gran Turismo würdig: Wagenaufgebot, Fahrgefühl, Umfang sowie Optik begeistern trotz noch fehlender Inhalte.
| Singleplayer |  | 90 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |