Action alter Sidescroll-Schule ist heute selten anzutreffen, früher bestimmten dagegen Genre-Größen wie Golden Axe, Dungeons & Dragons oder Streets of Rage das Bild in Spielhallen und auf dem heimischen 16-Bit-Screen. Diese Zeiten sind vorbei? Nicht wenn es nach den 2D-Experten von Vanillaware geht Dragons Crown ist in vielerlei Hinsicht altmodisch.
Ihr startet Euer Abenteuer zunächst mit einem von sechs Charakteren: Krieger, Amazone, Zauberer, Magierin, Zwerg und Elfe haben ganz unterschiedliche Stärken. So ist der hünenhafte Krieger mit schwerer Rüstung und Schild bestens für heftige Nahkämpfe gerüstet, die Magierin dagegen greift mit mächtigen Zaubern aus der Entfernung an. Die Geschichte beginnt mit einer sanften Einführung in die grundlegenden Mechaniken: Erste Dungeon-Erfahrung sammelt Ihr noch relativ behütet unter der Anleitung eines Sprechers, welcher mit britischem Akzent auch die Geschichte an sich erzählt. Das Kampfsystem gestaltet sich simpel: Auf Knopfdruck schlagt Ihr zu, nehmt herumliegende Extrawaffen auf und sammelt von Gegnern fallen gelassenes Gold ein. In den Stages verteilte Truhen jedoch öffnet Ihr nicht selbst, sondern schickt Dieb Rannie los. Dieser folgt Euch im kompletten Abenteuer auf Schritt und Tritt. Mit dem rechten Stick nebst Klick auf eine Truhe weist Ihr ihn an, selbige zu öffnen. Der Inhalt gliedert sich in Ränge von E (schlecht) bis S (super), so wandern entsprechende Rüstungsteile sowie Waffen ins Inventar. Der Ganove bricht aber auch Türen auf und sammelt Gold ein, das Ihr übersehen habt kämpfen kann er allerdings nicht.
Habt Ihr einen Level abgeschlossen, folgt die Abrechnung. Neben bereits erwähnten Schätzen und Gegenständen bekommt Ihr je nach Spielzeit, besiegten Gegnern oder verlorener Energie eine Punktzahl. Damit verbunden ist auch ein Bargeld-Bonus. Eure Kohle investiert Ihr im Dorf in Tränke und das Freischalten gesammelter Waffen. Jedes Item, das Ihr vom Boden klaubt, muss nämlich vor dessen Benutzung bewertet werden je nach Rang kostet das mehr oder weniger Geld. Außerdem stattet Ihr der Gilde Besuche ab, um Nebenmissionen anzunehmen und so zusätzliche Erfahrungs- und Skillpunkte einzuheimsen. Diese Aufgaben schicken Euch in besuchte Bereiche zurück, wo Ihr einen besonderen Schatz finden oder eine bestimmte Zahl Monster plattmachen sollt. Kehrt Ihr nach getaner Arbeit zurück, dürft Ihr verdiente Punkte auf charakterspezifische Fertigkeiten verteilen, alternativ werden die Punkte für allgemeine Verbesserungen wie mehr Lebensenergie genutzt.
Nach etwa vier Stunden Spielzeit öffnet sich Dragons Crown. Von da an habt Ihr Zugriff auf Online-Optionen, mit denen Ihr anderen Spielern ermöglicht, Eurem Spiel beizutreten. Ihr könnt die Plätze auch sperren, um ganz allein zu spielen, oder die Slots an KI-Kollegen vergeben. Diese gewinnt Ihr, indem in den Welten verteilte Knochen eingesammelt und zum Priester gebracht werden mit göttlicher Hilfe erwachen die verstorbenen Kämpfer dort erneut zum Leben. Auch die Story kommt nach der ausgedehnten Einleitung in Schwung: Um die namensgebende Drachenkrone ins heimatliche Königreich zurückzuholen, beschafft Ihr insgesamt neun Talismane. Diese öffnen das Tor zum finalen Oberdrachen.
Die Levels bieten Euch immer zwei Routen: Weg A ist eher leicht, Trip B führt Euch vorbei an stärkeren Gegnern hin zu einem knackigen Boss. Besiegt Ihr diesen, sackt Ihr dessen Talisman ein. Wollt Ihr Euren Score in die Höhe treiben, spielt Ihr mehrere Stufen am Stück. Zwischen den Runden wartet ein Minispiel, bei dem Ihr Zutaten kocht und vertilgt. Damit verbessern sich die Statuswerte Eurer Figur für die kommenden Fights. Alternativ geht es zurück ins sichere Dorf, dann bleiben aber die fetten Belohnungen aus.
Dragons Crown beeindruckt mit seiner grafischen Gestaltung: Der 2D-Look ist superb, die liebevoll animierten Recken bewegen sich vor feinen, in kräftigen Farben gezeichneten Hintergründen Liebhaber klassischer Optik werden kaum ein hübscheres Spiel finden, auch wenn das Charakterdesign mit unübersehbarem Mucki-und-Busen-Fetisch nicht jedermanns Sache sein dürfte. Daneben verbreiten klassische Klänge überzeugend ein mittelalterliches Flair.
Spielerisch gibt es dagegen einen Haken: Die Steuerung ist sauber und griffig, nur bekommt Ihr häufig zu viel Action serviert. Vor allem bei späteren Bosskämpfen herrscht auf dem Schirm dermaßen Betrieb, dass Ihr sowohl die Orientierung als auch Euren Charakter aus den Augen verliert. Außerdem stört bei Nahkämpfern der häufige Verlust der Waffe durch gegnerische Treffer. Spielt Ihr gar zu viert, ist Chaos ein ständiger Begleiter, zumal sich die Spielfiguren andauernd überlagern.
Sascha Göddenhoff meint: Zu Beginn hielt ich Dragons Crown für die Erfüllung meiner kühnsten 2D-Träume: Visuell wird Top-Niveau geboten, einige freischaltbare Artworks würde ich mir sofort als Bild an die Wand nageln. Doch mit zunehmendem Spielverlauf sank die Euphorie. Schuld daran ist das häufig zu krasse Gegneraufkommen gepaart mit Unstimmigkeiten wie dem ständigen Verlust meiner Waffe bis ich diese wieder aufnehmen kann, muss ich zudem kurz warten. Im Mehrspieler-Modus geht teilweise gar nichts mehr, weil ich nur noch damit beschäftigt bin, meine Figur im Auge zu behalten. Stark ist Dragons Crown in den Momenten, wenn es alles etwas ruhiger angehen lässt. Dann genieße ich wieder den genialen Stil und freue mich über reichlich Sammelkram. Außerdem ist dank der optionalen Aufträge hoher Wiederspielwert garantiert.
Ulrich Steppberger meint: Die Inszenierung von Dragons Crown überzeugt trotz Muskel-Fetisch der Grafiker durch die gewohnt liebevolle 2D-Ästhetik früherer Vanillaware-Spiele. Das im Kern simple Sidescroll-Gekloppe wird durch Elemente wie Euren diebischen Begleiter aufgefrischt. Jedoch hätte ich mir das Handling neuer Ausrüstungsteile komfortabler gewünscht (Fundstücke erst bewerten zu müssen, ist witzig, aber zäh). Mehr stört mich allerdings der ständige Hang zum Chaos: Wenn vier Helden und ein paar Monster auf dem Bildschirm loslegen, gerät Dragons Crown regelmäßig zum Wo bin ich?-Suchspiel weniger Effekt-Krawall wäre hier mehr gewesen.
- Durchspielen der Story schaltet Hard-Modus frei
- eigenwilliges Charakter-Design
- viele Nebenquests bieten Abwechslung
- mitunter arg chaotisch
Visuelle Brillanz und spielerische Ungereimtheiten der reizvolle Sidescroll-Klopper schwankt zwischen Genie und Wahnsinn.
| Singleplayer |  | 79 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |