Nur wenige Wochen nach Pikmin 3 lässt Nintendo eine weitere Wuseltruppe auf die Wii U los. Doch trotz augenscheinlicher Parallelen hat The Wonderful 101 vom japanischen Entwickler Platinum Games nur wenig mit den Pikmin gemein. Viel treffender sind Vergleiche mit Bayonetta oder Capcoms Cel-Shading-Keilerei Viewtiful Joe kein Wunder, zeichnet doch Hideki Kamiya bei allen drei Spielen als Game Director verantwortlich.
In naher Zukunft stellen die Nationen der Welt je einen Agenten, gemeinsam arbeiten diese 100 Kämpfer für die Centinels, eine internationale Einheit, die die Erde vor den außerirdischen Geathjerk-Invasoren schützen soll. Ihre Geheimwaffe: Hightech-Masken, die einen amerikanischen Highschool-Lehrer sowie einen amerikanischen Heißsporn, einen rumänischen Vamp, einen verfressenen Franzosenbengel und viele weitere skurrile Typen in die Heldentruppe The Wonderful 100 verwandeln. Gemeinsam sind sie in der Lage, ihre Körper zu einer Reihe von Waffen zu vereinen Faust, Schwert, Peitsche, Pistole und einige mehr bilden das Äquivalent zu Nah- und Fernkampfwaffen anderer HacknSlays.
Jede Waffe hat Vor- und Nachteile, ebenso reagieren die Gegnertypen individuell auf Angriffe. Ein Schwerthieb etwa lässt gepanzerte Robo-Schildkröten ziemlich kalt. Schlimmer noch: Teamkollegen prallen ab, werden in hohem Bogen davongeschleudert und liegen sekundenlang regungslos (und in Unterwäsche) auf dem Boden. Wer nicht warten möchte, bis sie aufwachen, sammelt sie schleunigst wieder ein, da es ohne sie nicht möglich ist, Waffen zu bilden. Knackt den Panzer der Schildkröte lieber mit dem Hammer und befehlt Euren Kollegen wie in Pikmin 3, auf den Feind zu klettern und ihn so zu bremsen, während Ihr die nächste Attacke vorbereitet. Alle Waffen werden durch entsprechende Symbole aufgerufen, die Ihr wahlweise auf den Touchscreen zeichnet oder mit dem rechten Analogstick skizziert Letzteres ist schneller, aber nicht immer präziser. In seltenen Fällen will nicht immer gleich das gewünschte Objekt entstehen, vor allem die Symbole für Peitsche und Klauen ähneln sich zu stark.
Fortgeschrittene Spieler zeichnen eine Waffe, lassen sie dann aber als Team-Move ausführen, während sie bereits die nächste malen. Bis zu fünf Attacken könnt Ihr so parallel ausführen und auf dem Bildschirm ein gleißendes Effektgewitter entfachen.
Bei all dem Spektakel und taktischen Überlegungen solltet Ihr die Batterieanzeige unter der Lebensleiste nicht außer Acht lassen, denn sie regelt, ob Waffen-Moves ausgeführt werden können. Der Balken regeneriert sich zwar langsam von selbst, doch neben Attacken zehren an ihm auch Blocks und Ausweichmanöver. Diese wiederum müsst Ihr erst kaufen, wofür Ihr zwischen den Levelabschnitten einen Laden besucht, der außerdem nützliche Items, neue Kampf-Moves und Perks anbietet. Unter den teils sündhaft teuren Objekten finden sich welche, die die Spielweise fundamental verändern wechselt mit dem entsprechenden Gimmick z.B. wie in Bayonetta in Zeitlupe, wenn Ihr im letzten Moment einem Angriff ausweicht!
Unverzichtbar ist es zudem, neue Verbündete zu gewinnen, denn je größer Eure Truppe ist, desto mächtigere Moves und Combos lassen sich ausführen. Die genretypischen Arena-Rangeleien werden immer wieder durch pfiffige Geschicklichkeits- und Denkeinlagen sowie Shootem-Up-Passagen aufgelockert, an Abwechslung mangelt es hier nie!
Im Kern bleibt The Wonderful 101 aber ein quirliges HacknSlay, das anspruchsvoller und komplexer ist als es die putzigen, teils schlicht modellierten Figuren und Objekte vermuten lassen. Immerhin läuft das Spiel mit 60 Bildern pro Sekunde, die Bildrate wankt selten und am ehesten im Mehrspieler-Modus. Dafür setzt der Solo-Part vor allem in der zweiten Hälfte zu inszenatorischen Höhenflügen sondergleichen an und punktet durchweg mit Humor. Anspielungen sind an der Tagesordnung, Dialoge sprühen vor Witz und Blödsinn. Auch die Musik trägt ihr Scherflein bei: Selten war heroischer Kitschbombast lustiger.
Michael Herde meint: Das Konzept von The Wonderful 101 ist schwer zu vermitteln. Worte, Bilder oder Videos tun sich schwer, selbst mein erstes Probespiel auf der E3 half kaum. Ich musste mich schon mehrere Stunden lang einarbeiten, bis ich die Spielmechanik im Griff hatte. Platinum Games erklärt traditionell nicht sonderlich gut, man muss schon in den Menüs oder der Anleitung nachschlagen. Gelacht habe ich allerdings bereits von Anfang an, und zwar viel. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt bei einem Endboss hochkonzentriert die Tasten bearbeitet habe und gleichzeitig lachen musste, weil ich schlicht nicht glauben konnte, welches Gewitter an Einfällen über mich hereinbrach! Das Chaos auf dem Bildschirm kann anfangs leicht überfordern, doch mit der Zeit erkannte ich meine Fehler und wurde besser, entwickelte neue Taktiken und freute mich über frische Moves, die mitunter ganz neue Optionen eröffneten und das Spiel stetig besser machten. Am Ende war ich hemmungslos begeistert, weil The Wonderful 101 endlich mal wieder ein richtiges Videospiel ist, das Hingabe und Mühe erfordert und mir nicht diesen modernen graubraunen Ernst bietet, sondern einfach nur richtig viel Spaß macht und obendrein viel Wiederspielwert bietet. Dafür nehme ich gerne in Kauf, dass ich nicht immer gleich verstanden habe, was das Spiel von mir will, zumal die Rücksetzpunkte fair sind.
- 3 Schwierigkeitsstufen, 2 weitere freischaltbar
- funktioniert mit Pro-Controller
- wahlweise auch auf GamePad ohne TV spielbar
Action-Keilerei in bester Platinum-Tradition, die Originalität, Humor und spielerischen Tiefgang gekonnt vereint Kaufgrund für Wii U!
| Singleplayer |  | 87 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |