Abends in der Bar sitzen sie an der Theke und warten auf willige schießwütige Spieler: die Ego-Shooter-Ladies. An vorderster Front stürzt Frau Call of Duty einen Drink nach dem anderen herunter, schreit laut und unverständlich herum, ist leicht zu haben und schnell durchschaut. Daneben blickt Miss Battlefield tief ins Glas. Mit ihr ins Gespräch zu kommen ist nicht so leicht, sie ist schön, aber kompliziert und mit dem Geschichtenerzählen hat sie es nicht so. Und während die kleine Medal of Honor, die sich gerne in die abgelegten Klamotten von Call of Duty zwängt, schon gar nicht mehr reingelassen wird und ihr Dasein zusammen mit der etwas zu kurz gewachsenen Homefront vor der Tür fristet, wenden wir uns Crysis 3 zu. Eine echte Schönheit ist die deutsche Dame in ihrem CryEngine-3-Outfit. Doch steckt hinter der verlockenden Fassade auch mehr? Lohnt es, sie kennenzulernen? Wir kommen ins Gespräch.
Eins merken wir schnell: Wer sich gerne fallen lässt und einfach nur den Ausführungen des Gegenübers folgen will, ist hier fehl am Platze. Crysis 3 fordert Euch ähnlich wie Teil 1 und deutlich mehr als Teil 2 heraus, Euch selbst Taktiken zu überlegen und in den großen Arealen selbst Euren Weg zum Missionsziel zu finden. Dabei stellen sich Euch deutlich mehr Gegner in den Weg: Scannt Ihr von einem sicheren Beobachtungsposten aus die Umgebung, habt Ihr danach nicht selten gute zehn bis zwölf Feindmarker auf dem Schirm und Verstärkung ist nur einen Hilferuf entfernt. Wer nun kopflos mit ratternder Artillerie losrennt, ist schneller tot, als er gute KI sagen kann. Traditionell geben sich die Entwickler von Crytek keine Blöße und speisen Euch nicht mit Moorhuhn-Feinden ab. CELL-Soldaten und Aliens gehen verdächtigen Geräuschen nach, achten auf Leichen, werfen Granaten, wechseln ihre Deckung und klettern über Hindernisse. Spielt Ihr nicht gerade auf dem leichtesten der vier Schwierigkeitsgrade, ist ein guter Plan das A und O. Beobachtet das Schlachtfeld mit Eurem Visier, markiert Feinde, Minenfelder, Geschütze und Munitionskisten und sucht Euch einen Weg durch das Dilemma. Immer im Hinterkopf: Die Fähigkeiten Eures Nanosuits.
Multiplayer-Update
Mit dem hackt Ihr Euch jetzt aus der Ferne in gegnerische Verteidigungsanlagen und zieht Minen und MG-Türme auf Eure Seite. Sprinten geht nicht mehr auf die Anzugenergie, Ihr seid nach schnellen Positionswechseln also nicht mehr hilflos. Und auf Knopfdruck macht Ihr Euch wie gewohnt unsichtbar oder verstärkt Eure Panzerung, je nachdem, ob Ihr lieber nach Rambo- oder nach Snake-Manier spielt. Apropos Rambo: Euer ständiger Wegbegleiter ist neben Primär- und Sekundärwaffe ein Hightech-Bogen mit vier verschiedenen Pfeilsorten. Explosivgeschosse bringen in bester Stallone-Manier auch Hubschrauber auf den Boden der Tatsachen, Elektropfeile haben auf Teiche den gleichen Effekt wie ein Fön auf eine Badewanne, Sprengköpfe mit Annäherungssensor machen Patrouillenwege zu Todesfallen und die Standard-spitze tötet normale Feinde sofort. Und das Beste: Ihr bleibt dabei (genau wie mit schallgedämpften Waffen) im Tarnmodus! Doch auch die Gegenseite hat aufgerüstet: Die Aliens verfügen über Drohnen, die Euch trotz aktiver Tarnkappe aufspüren und beim Ableben einen EMP-Impuls auslösen. Dazu gesellt sich ein neuer käferartiger Gegnertyp namens Scorcher, der sich mit seinem gepanzerten Kopfschmuck vor Frontangriffen schützt und erst im Nahkampf sein verwundbares Flammenwerfermaul entfaltet. Es lohnt sich aber, beim Kampf gegen die Außerirdischen nicht einfach draufzuhalten. Erledigt Ihr eines der Tentakelmonster im Nahkampf oder per Headshot, explodiert es nicht, sondern lässt seine Waffe fallen. Und die extraterrestrischen Ballermänner haben ordentlich Wumms, unterschiedlich einsetzbare Feuermodi und sehen zudem extrem cool aus. Der Nachteil: Ist das Magazin leer, müsst Ihr sie wegwerfen und auf konventionellem Wege mit MG, Schrotflinte, Mikrowellenkanone und Highspeed-Geschossen weitermachen. Die Gefechte fordern und machen durch massig Effekte, gute Gegner-Intelligenz und verschiedene Kampfmöglichkeiten richtig viel Spaß. Eine Wohltat für alle, denen die Schießbuden der üblichen Shooter-Serien zu doof sind.
Fürs Auge bietet Crysis 3 wieder einiges, gerade auf der Xbox ist das Make-up gelungen: Ruckelten einige Szenen in Teil 2 noch massiv, läuft das Spiel nun fast immer flüssig und beeindruckt mit riesiger Detailfülle, natürlichen Farben, fantastischen Lichteffekten und gut kaschierten Schattenkanten. Besonders die Waffenmodelle und die Gesichter der Protagonisten beeindrucken mit feingliedriger und kleinteiliger Optik. Dass dafür bei fernen Objekten merklich an der Darstellung gespart wurde und gelegentlich Pflanzen oder Schilder aufpoppen, fällt beim normalen Spielen kaum auf. Für die PS3-Testfassung reicht es nicht zur Jubelarie: Hier wirkt das Spiel im Ganzen eine Spur weicher und verwaschener, beim Umsehen nerven minimale aber ständige Ruckler.
Multiplayer-Update
Deutsche Sprecher waren in unserer Testversion noch Mangelware. Die ebenfalls auf der Disc befindlichen englischen Originale überzeugen schon mal mit viel Emotion. Gerade Euer Sidekick Psycho schwankt mit schwerem britischen Akzent ständig zwischen Wut und Intelligenz, zudem spricht Euer Alter Ego Prophet nun selbst eine Menge, das hilft bei der Identifikation mit dem Helden. Dessen Anzug plaudert auch wieder die üblichen Aggregatszustände aus, bei schnellen Modi-Wechseln treten Cloak engaged und Co. aber angenehm leise in den Hintergrund. Begleitet wird Euer Ausflug in den Nanodome New York von typisch orchestraler Musik, die gut auf die jeweiligen Szenen abgestimmt ist, aber kaum im Ohr bleibt. Den Platz reservieren sich nämlich schon die knackigen Waffensounds und das Predator-ähnliche Geräusch, wenn Ihr die Tarnung aktiviert.
Die Kleine hat also was im Kopf und sieht auch noch gut aus! Leider ist sie aber keine gute Geschichtenerzählerin. Die Story um Prophets Entwicklung, die dunklen Machenschaften von CELL und die wieder erstarkenden Aliens bleibt auch im abschließenden dritten Teil verworren und löchrig. Neue Charaktere werden nur unzureichend eingeführt, zudem fehlt ein griffiger und präsenter Antagonist. Einzig Euer Partner Psycho ist ein Lichtblick. Mit Gewalt von CELL aus seinem Nanosuit geschält, sinnt er auf Rache, plädiert aber auch für die Menschlichkeit, die dem Nanosuit-beeinflussten Prophet langsam verloren geht. Immerhin: Im Gegensatz zum offenen Schluss von Teil 1 und dem katastrophalen Ende von Crysis 2 findet der dritte Teil ein echtes Ende. Auch die Credits sollte man unbedingt bis zum Schluss anschauen! Für rund neun Stunden voller Spektakel, Intelligenz und Schönheit legen wir Euch ein Date mit Crysis 3 ans Herz.
Multiplayer-Update
Die nackten Zahlen des Mehrspielermodus beeindrucken: Zwölf Karten und acht Spielmodi warten auf zwölf ballerfreudige Gamer, dazu gesellt sich der übliche Mix aus Anzug- und Waffenupgrades und zeitlich begrenzte Challenges (“zerstöre einen Pinger”, “töte in einem Match drei Gegner mit Pfeil und Bogen”) für Bonus-XP. Über den New York Feed erfahrt Ihr ähnlich wie im Battlelog von Battlefield 3 oder AutoLog von Need for Speed, was Eure Freunde gerade für Erfolge feiern. Die schnellen Gefechte profitieren von den Nanosuit-Features. Mit Tarn- und Panzerungsmodus bieten sich verschiedene Vorgehensweisen für jeden Spielertyp an, Flankenmanöver und brachiale Offensivaktionen sind so kein Problem. Spieler bis Level 10 erhalten auf Wunsch Welpenschutz und können sich optional nur mit ihresgleichen messen, danach müsst Ihr auch gegen die Veteranen ran. Aber keine Sorge, gegen deren fortschrittliche Bewaffnung helfen die mächtigen Alienwummen, die überall auf den Schlachtfeldern herumliegen und auch Noobs mit Standardausrüstung etwas zusätzlichen Wumms verleihen. Außerdem wartet ab und an ein herrenloser Pinger darauf, von Euch gesteuert zu werden. Mit dem AT-ST-ähnlichen Walker sind Kills kein Problem.
Die Maps überzeugen durch vielfältige Settings und bieten durch mehrere Ebenen immer Möglichkeiten für Hinterhalte und Überraschungsmomente. Leider sind einige für maximal zwölf Spieler aber zu groß und so mit Details überfrachtet, dass Ihr Gegner aus der Entfernung nur mit Mühe erkennt. Auch dauerte es wenige Wochen nach Release schon recht lang, volle Matches zu finden, in denen Ihr Euch dann oft noch mit Lags und Rucklern herumschlagen müsst. Insgesamt bringt der Mehrspielermodus von Crysis 3 inhaltlich alles mit, um Laune zu machen, es fehlt aber an Besonderheiten und technischer Sauberkeit, um Spielergemeinden der Größenordnung von Call of Duty und Battlefield zu begeistern.
Tobias Kujawa meint: Als Fan des ersten Crysis war mir die urbane eingeschränkte Umgebung des zweiten Teils ein Dorn im Auge. Crysis 3 bietet dagegen trotz formal gleichem Schauplatz wieder genug Raum für Schleicher und Schützen. Und auch wenn die Konsolenversion technisch gegen die unglaublich schnieke PC-Fassung abstinkt: Die Optik ist auch auf unseren veralteten Daddelkisten noch sehr edel anzusehen! Bei allem technischen Pomp und den spielerisch anspruchsvollen Gefechten vergisst man bei Crytek aber regelmäßig die Story und hält sein Spiel so von den höchsten Wertungsregionen ab. Kommentarlos abgeschnittene Zöpfe wie das Aliendesign aus Teil 1 und Alcatraz aus Crysis 2 sowie die platten bis unklaren Motive der handelnden Personen sorgen bei mir als Geschichten-Möger für Stirnrunzeln. Eine gute Erzählung gehört eben auch dazu!
Meinung
- tolles Rambo-Gefühl durch taktisch einsetzbaren Bogen
- erstaunlich unterschiedliche Schauplätze im überwucherten New York
- eine echte Augenweide
Crysis 3 zeigt der Shooter-Konkurrenz, wie intelligentes Spieldesign und gute Technik heute aussieht. Bei der Story besteht Nachholbedarf.
| Singleplayer |  | 85 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |