Es gibt angenehmere Dinge, als in einer harten, grausamen Fantasy-Welt als Königsmörder gejagt zu werden. Doch genau das blüht dem Hexer Geralt von Riva in seinem ersten Konsolen-Abenteuer. Eigentlich lief anfangs doch alles gut, als er König Foltest beim Sturm auf die Burg einiger aufständischer Barone helfen sollte: Trotz eines plötzlich auftauchenden Drachens fiel das Gemäuer und der Herrscher gab Geralt bereits den Segen, gemeinsam mit der attraktiven Magierin Triss Merigold als reicher Mann von dannen zu ziehen. Doch ein Attentäter schafft es nicht nur, Foltest in der Stunde seines Triumphs zu töten: Er lässt es auch noch aussehen, als habe ausgerechnet Geralt die Tat vollbracht. So findet sich Geralt im Kerker wieder und schaut einem schmerzhaften Ableben entgegen. Seine einzige Hoffnung ist die Flucht, um den wahren Täter zur Rechenschaft zu ziehen.
So beginnt The Witcher 2: Assassin of Kings Enhanced Edition, die Umsetzung eines epischen PC-Rollenspiels, das im letzten Jahr traumhafte Wertungen und Preise einsackte. Dessen raue Fantasy-Welt fühlt sich durch und durch europäisch an: Dunkle Wälder, trutzige Burgen und enge Fachwerkstädte wirken herrlich mittelalterlich, die aufwändige Heraldik oder die Kleidung von Soldaten, Diplomaten und Händlern könnten fast aus dem Geschichtsbuch stammen. Und doch zeigt sich ein gehöriger Fantasy-Einschlag, teilen sich die Menschen den Lebensraum schließlich ziemlich widerwillig mit Elfen und Zwergen. Auch so manch ein Monster findet sich hier: Während Drachen existieren, aber sehr selten sind, trifft der wagemutige Abenteurer gern mal auf Leichenfresser, Nekker oder den einen oder anderen Troll wobei Letztere durchaus ihre netten Seiten haben können.
Spielerisch mischt The Witcher 2 souverän Action-Gefechte mit komplexen Rollenspiel-Elementen. Kommt es zum Kampf, verbindet Geralt flüssig schnelle und harte Attacken zu dynamischen Kombinationen und setzt gerne diverse Extrawaffen und Zauber ein. Punktgenaues Blocken und präzise Konter können ebenso genutzt werden, in manch einem Minispiel oder Bosskampf tauchen sogar Quick-Time-Events auf.
Gleichzeitig tickt im Hintergrund aber ein ausgewachsenes Rollenspiel-System mit allem Drum und Dran: Geralt kassiert für besiegte Gegner und absolvierte Aufgaben Erfahrungspunkte und erlernt auf vier separaten Skill-Trees neue Fähigkeiten. Er sammelt Gegenstände, braut Tränke oder gibt beim hiesigen Schmied neue Ausrüstung in Auftrag. Ein ausführliches Questlog hält Euch über die aktuellen Aufgaben auf dem Laufenden. Bei deren Lösung gibt sich das Spiel angenehm flexibel und vermeidet vor allem gekonnt die üblichen Gut-Böse-Klischees vieler RPG-Konkurrenten.
Selten war eine Welt aus moralischer Sicht so grau wie die des Hexers. Euer Held ist eine definierte, feste Persönlichkeit und nicht das unbeschriebene Blatt, das Ihr bei den meisten West-Rollenspielen selbst füllen dürft und dabei selten mehr habt als die Wahl zwischen engelsgleichem Heiligen und zynischem Schuft. Natürlich bestimmt Ihr Geralts Vorgehen in gewissen Bahnen aber nie so stark, dass der Hexer auf einmal völlig aus der Rolle fallen würde.
Einen Idealweg gibt es eigentlich nicht: So sehr Ihr Euch anstrengt, jedes Problem werdet Ihr nicht lösen können. Manchmal erwischt es einfach einen Sympathieträger oder ein übler Bursche kommt ungestraft davon das macht zu großen Teilen den Reiz von The Witcher 2 aus.
Für die richtige Stimmung ist die Soundkulisse maßgeblich mitverantwortlich. Musik setzt das Spiel nur in wenigen Szenen ein, sonst überwiegen atmosphärische Hintergrundgeräusche: Im Wald raschelt das Laub und die Vögel singen, in Siedlungen lauscht Ihr den Gesprächen der Dorfbewohner und ihrem Arbeitslärm. Die deutsche Sprachausgabe ist überwiegend gut gelungen. Die meisten Hauptrollen wurden mit glaubwürdigen und engagierten Stimmen passend besetzt, doch ausgerechnet Rotschopf Triss Merigold wirkt unangenehm steif und hölzern: Die Theaterbetonung der stimmlich eigentlich recht passenden Sprecherin sticht im sonst eher ungekünstelt-derben Grundton unangenehm hervor.
Die Texte wurden hervorragend übersetzt und gehen in Sachen Wortwahl und Tonfall mit den Witcher-Romanen perfekt einher: Geralt, Foltest und die anderen Protagonisten reden herrlich grob von der Leber weg und wirken ein ganzes Stück menschlicher als ihre verbal glattgebügelten Kollegen aus Japan und den USA. Dabei zeigt sich auch, wie erwachsen das Skript des Spiels ist: Ausdrücke wie Arsch, Scheiße oder das vulgäre Ficken würden in den meisten anderen Spielen aufgesetzt und pubertär wirken. Hier dagegen machen sie die Welt nur glaubhafter und lebendiger.
Eins zeichnet The Witcher 2 aber fast noch vor allem anderen aus: Kaum ein Fantasy-Spiel vermittelt ein so überzeugendes Gefühl für die Orte, die man im Verlauf seines Abenteuers besucht und erforscht. Die Welt ist kein künstliches Konstrukt aus Schlauchgängen und Kampfarenen, sondern fühlt sich extrem natürlich und gewachsen an: Wälder sehen aus wie Wälder und bieten an allen Ecken und Enden Interessantes zum Entdecken. Dörfer, Städte und Burgen sind verwinkelt und wirken tatsächlich bewohnt. Anfangs mag manch eine Siedlung vielleicht etwas unübersichtlich erscheinen, aber habt Ihr sie erst einmal erlaufen, findet Ihr Euch auch ohne Hilfe der eingeblendeten Minikarte zurecht. Dann orientiert Ihr Euch nicht mehr am Marker auf der Karte, sondern geht einfach durch das Handwerkerviertel, bei der Schmiede an der Mauer vorbei und dann quer über den Marktplatz genau so muss überzeugende Spiele-Architektur aussehen.
Das Abenteuer lässt Euch zwar nie sinnlos herumirren und bietet immer genügend Informationen und Quest-Hilfen, nimmt Euch aber zugleich nicht zu sehr an die Hand. Wer noch Probleme mit der Navigation hat, der kann sich Zielpunkte für die nächste Quest setzen. Genauso hindert Euch aber auch niemand daran, die verwinkelte Welt ganz nach Belieben abzusuchen. Genug geboten wird allemal: Hier gibt es ein paar Kräuter, da wird ein Passant von Monstern angegriffen und an einer anderen Ecke zeichnet sich schon wieder eine völlig neue Subquest-Reihe ab. Einhergehend verlangt The Witcher 2 deshalb mehr Aufmerksamkeit vom Spieler. Ist der nicht vorsichtig, kann er schon mal in einen fatalen Hinterhalt geraten. Und wenn er vergisst, die bei den Wachen abgegebenen Waffen wieder mitzunehmen, muss er sich nicht wundern, wenn er vor einem gefährlichen Gegner blankzieht.
Im schlimmsten Fall kann das zu eigentlich eher ganz PC-typischen, ausgedehnten Speicher-Ladeorgien führen: Eine Stealth-Sequenz im ersten Drittel des Abenteuers ist beispielsweise ohne eine ordentliche Portion Trial & Error im ersten Anlauf kaum schaffbar. Selbst wenn Geralt den Katzen-Trank einsetzt, mit dem er Gegner auch durch Wände sehen und so deren Position bestimmen kann. Die Regeln für die Schleicherei werden nie richtig erklärt und Ihr habt tatsächlich nur einen Versuch, die Sequenz zu meistern. Werdet Ihr erwischt, geht die Handlung automatisch weiter und Ihr verpasst interessante Informationen, eine praktische Rüstung oder einen optionalen Quest-Gegenstand für Rollenspiel-Perfektionisten ein unerträglicher Gedanke.
Natürlich musste Geralts Abenteuer auf dem Weg vom High-End-PC auf die inzwischen betagte Xbox 360 in technischer Hinsicht Federn lassen: Speziell Textur-Pop-Ups geben sich häufiger ein Stelldichein und bei Schnitten und Close-Ups in Zwischensequenzen kommt es oft vor, dass die Details der Figuren erst einen Moment später ins Bild ploppen. Doch in Anbetracht der sonst gebotenen Qualität ist das ein verschmerzbarer Preis. Dörfer, Wälder und Höhlen strotzen nur so vor liebevollen Details und bringen die Bildrate nicht weiter ins Stottern. Nur zwischen größeren Gebietsabschnitten wird kurz geladen, ansonsten präsentiert sich die Welt wie aus einem Guss.
Wichtig ist allerdings: Installiert The Witcher 2: Assassins of Kings unbedingt auf der Xbox-360-Festplatte das hebt die Performance und damit auch den Spielspaß beträchtlich.
Thomas Nickel meint: Den Entwicklern bei CD Projekt RED gebührt mein höchster Respekt. Nicht nur wurde das XXL-PC-Abenteuer The Witcher 2 beeindruckend auf die Konsole konvertiert. Die Polen verstehen es gleichzeitig nahezu perfekt, das Spiel auf die Wünsche und Vorlieben der Konsolen-Kundschaft zurechtzubiegen, ohne die Komplexität der PC-Vorlage zu opfern. Xbox-360-Spieler bekommen keine Light-Version, sondern das volle Witcher-Paket mit seinem ganzen Anspruch, seiner Kompromisslosigkeit und auch seiner erfrischenden Derbheit. Schade nur, dass sich doch ein paar typische PC-Probleme eingeschlichen haben: Manch eine knifflige Szene ist nur mit wiederholtem Laden des Spielstands zu meistern, zum Glück erweisen sich solche Situationen aber als Ausnahme. Mit seinen interessanten Figuren und der offenen, aber nie ziellosen Welt entpuppt sich The Witcher 2 als spannender Mittelweg zwischen linearer, storylastiger Japan-Kost im Stil von Final Fantasy XIII und offenen West-Welten à la Skyrim und kann so von Fans beider Rollenspiel-Extreme genossen werden.
- durchdachtes Kampfsystem
- komplexe Alchemie
- toll erzählte Handlung
- sehr ambivalente Figuren
- viele spielerische Freiheiten
- jederzeit freies Speichern möglich
Toll erzähltes Fantasy-Abenteuer, das sich wohltuend von der Konkurrenz aus Japan und den USA abhebt.
| Singleplayer |  | 89 |
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| Grafik |  |
| Sound |  |