| Spiel: | Max Payne 3 |
| Publisher: | Take 2 Interactive |
| Developer: | Rockstar |
| Genre: | Action |
| Getestet für: | 360 |
| Erhältlich für: | 360 |
| USK: | 18 |
| Erschienen in: | 6 / 2012 |
Do not cross. A man with nothing to lose prangte 2001 in schwarzen Lettern auf gelbem Absperrband auf der Verpackung von Max Payne. Das gleiche Motto gilt auch für den dritten Teil der Serie. Acht Jahre nach den Ereignissen von The Fall of Max Payne ist der Witwer auf direktem Weg zur Leberzirrhose. Er trinkt Whisky wie andere Leute Wasser, ist tablettensüchtig und verbringt sein Leben zwischen seiner vermüllten Wohnung und einer heruntergekommenen Bar in Hoboken, New York. Tiefe Falten ziehen sich um seine müden Augen und er wartet auf den Tod, während er seinen Kummer in zahlreichen Gläsern Fusel ertränkt. Bis ihn eines Tages ein alter Freund wachrüttelt und er in Brasilien einen neuen Job annimmt.
Schnitt. Max jagt durch die Favelas von São Paulo. Sein stämmiger Körper steckt in einem Hawaiihemd mit schreienden Farben und er trägt nun Glatze und Vollbart. Schon wieder konnte er eine Frau nicht beschützen, aber dieses Mal will er es besser machen. Und kommt dabei dunklen Machenschaften auf die Spur…
Dies sind nur zwei Szenen aus Max neuem Abenteuer, die aber schon verdeutlichen, dass hier in puncto Szenarien und Hauptcharakter-Entwicklung nicht gespart wurde. Dieses Mal stehen weder Max persönliche Rache noch seine Beziehung zu einer Femme fatale im Vordergrund. Stattdessen erlebt Ihr in den rund zwölf Stunden der Kampagne den tiefen Fall und langsamen Wiederaufstieg des Ex-Polizisten. Spielerisch bleibt der Titel der Serientradition treu. Hier wird weder gerätselt noch geklettert, sondern in bester John-Woo-Manier die Luft mit Blei gefüllt und die Lichter von massenhaft bösen Jungs ausgepustet. Das Kernelement bildet dabei die Bullet Time. Durch eigene Treffer und wenn Ihr selbst beschossen werdet, lädt sich Zeitlupen-Energie auf. Nutzt Ihr diese, bewegt sich alles um Euch herum im Schneckentempo, nur Euer Fadenkreuz behält sein normales Tempo bei. Springt Ihr so das erste Mal im Hechtsprung an einem Gegner vorbei, seht die Kugeln langsam durch die Luft gleiten und Splitter von zerschossener Deckung durch die Gegend segeln, erliegt Ihr schnell der cineastischen Präsentation. Wer hier nur mit Tunnelblick durchrennt und auf schnelle Kills aus ist, verpasst das Beste. Denn die Faszination des Titels erschließt sich erst komplett, wenn Ihr Euch Zeit nehmt und versucht, Eure Gegner möglichst cool und effektvoll zu besiegen. Neu in der Serie ist ein Deckungssystem, auf Knopfdruck drängt sich Max an Mauern oder geht hinter Tischen in die Hocke. Ihr dürft aber weder zwischen verschiedenen Verstecken wechseln noch in Deckung um Ecken oder gar eine Treppe hinuntergehen.
Fans der alten Teile mögen angesichts dieses Features empört aufschreien, sinnvoll ist es dennoch, denn die Gangster und Spezialeinheiten, die sich Euch in den Weg stellen, agieren klug, aggressiv und zielsicher. Hockt Ihr zu lange in der gleichen Position, flankieren sie Euch oder treiben Euch mit Granaten ins Freie. Steht Ihr unter feindlichem Beschuss, füllt sich Max Schadensanzeige bereits auf der zweiten von fünf Schwierigkeitsstufen (die zwei härtesten werden nach dem ersten Durchgang freigeschaltet) sehr schnell und automatische Heilung gibt es nicht! Stattdessen werft Ihr rare Painkiller-Tabletten ein, um Eure Lebensenergie aufzufrischen. Erwischt Euch eine tödliche Kugel, wenn Ihr noch mindestens einen der Muntermacher im Gepäck habt, färbt sich das Bild schwarz-weiß und Ihr habt einen Moment Zeit, Euren Mörder mit einem Schuss zur Strecke zu bringen. Habt Ihr Erfolg, springt Ihr dem Tod von der Schippe. Die Funktion hat aber einen Haken: Ihr könnt währenddessen nicht nachladen und sie auch nicht abbrechen. Ist Euer Magazin also gerade leer, müsst Ihr Euch sekundenlang die Szene anschauen, ohne etwas tun zu können.
Habt Ihr Euch an das winzige Fadenkreuz sowie das etwas knifflige (auf Wunsch unterstützte) Zielen gewöhnt und schießt Euch durch die Massen, offenbart Max Payne 3 einen Grad an Brutalität, den man bei Spielen mit USK-Siegel nicht erwartet. Kugeln hinterlassen große Löcher und treten oft auch wieder aus zerfetzten Wunden hervor, das Blut spritzt und dank des Zusammenspiels von RAGE- und Euphoria-Engine fallen Eure Widersacher realistisch zu Boden. Das Ganze natürlich in Zeitlupe und Nahaufnahme. Nur Zivilisten sind in der deutschen Version vor dem Feuer gefeit.
Wer bei all der Action sein Gehirn nicht komplett ausschaltet, wundert sich bald, warum Mr. Payne eigentlich ein so guter Schütze ist. Schließlich ist er entweder betrunken oder auf kaltem Entzug. Doch außer in den Zwischensequenzen, welche übrigens geschickt die Ladezeiten verdecken, aber deshalb auch kaum abgebrochen werden können, ist Max anscheinend stocknüchtern. Komplett unlogisch und eine verpasste Chance obendrein! Max Payne 3 hätte durch eine ernste Auseinandersetzung mit der Problematik so viel mehr sein können als nur ein exzellentes Action-Spiel. Aber Max kann weder Whisky als temporären Painkiller-Ersatz aufnehmen noch zittert das Fadenkreuz. Und auch verrückte Entzugslevels, die ein Pendant zu den Träumen aus Teil 1 und 2 darstellen würden, gibt es nicht. So wird die Thematik der Alkoholsucht zum reinen Klischee degradiert, statt sie sinnvoll ins Spielgeschehen zu integrieren. Auch bei den Nebencharakteren, welche immer einen Teil der Faszination der Max Payne-Spiele ausmachten, bekleckert sich Rockstar nicht gerade mit Ruhm, sondern liefert nur Standardkost. Max Widersacher wirken konstruiert und profillos und auch seine Kumpanen stammen aus der 08/15-Mottenkiste. Kein Vergleich zu den überzeichneten und einprägsamen Persönlichkeiten eines Vinnie Gognitti und einer Mona Sax, für die man sich gerne und emotional gebunden ins Feuer warf.
Habt Ihr Euch Euer eigenes Urteil über das Spielende gebildet (und hoffentlich Max Botschaft verstanden) und die tolle Schluss-Melodie genossen, ist noch lange nicht Feierabend. Im Arcade-Modus geht Ihr entweder auf Punktejagd und vergleicht Euren High Score mit der Rockstar-Social-Club-Gemeinde. Oder Ihr wagt Euch an die beinharte New-York-Minute-Variante, in der Ihr pro Level nur eine Minute Zeit habt und Euer Zeitkonto mit Abschüssen aufstockt. Habt Ihr in der Kampagne fleißig Golden-Gun-Teile und Hinweise gesammelt, aktiviert Ihr Cheats wie unendliche Munition oder Bullet Time. Dazu gesellt sich zum ersten Mal in der Max Payne-Historie ein Mehrspieler-Modus.
Grafisch bewegt sich Max Payne 3 auf hohem Niveau. Besonders die taghellen Levels beeindrucken durch viele Details und Lichteffekte. Zusätzlich lässt sich Inventar großteils effektvoll zerstören. Bei der optischen Gestaltung der Charaktere sticht Max hervor: Seinem verhärmten Gesicht sieht man die Strapazen seines Lebens an, auf der Haut zeichnen sich Narben ab und sein Kopf zeigt die Schnittwunden seiner laienhaften Rasur. In den Gefechten drückt er sich geschmeidig an Wände, flankt gekonnt über Hindernisse, schützt seinen Kopf bei Hechtsprüngen mit der Hand und langt im Nahkampf richtig zu. Nur wenn er läuft und sich gleichzeitig nach links und rechts dreht, hat man oft das Gefühl, dass sein Oberkörper getrennt von seinen Beinen operiert. Die Gegner fallen nicht mit vorgegebenen Animationen, sondern reagieren darauf, wo sie getroffen wurden und zucken vor Querschlägern zurück. Gelungen ist auch der verwaschene Grafikfilter in den Zwischensequenzen, bei den hektischen Comic-Sequenzen kommt das Auge aber ab und an nicht mehr mit.
Rockstar-üblich gibt es keine deutsche Tonspur. Die englischen Sprecher rund um James McCaffrey machen Ihre Arbeit aber sehr gut und passen stets ins Spielgeschehen. Die Hintergrundmusik stimmt immer mit der jeweiligen Szene überein und unterstützt Euch aktiv. Bedrohliche Töne künden von nahenden Gegnern, die Gefechte sind mit reichlich Getöse unterlegt und Fans freuen sich über die Einbindung des klassischen Klavier-Themas. Probiert unbedingt die überall herumstehenden Pianos aus!
Tobias Kujawa meint: Ich gebe es zu, ich bin ein Max Payne-Fanboy. Der erste Teil wäre unter den drei Spielen, die ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde. An Max Payne 3 hatte ich sehr hohe Erwartungen und war skeptisch, ob Rockstar ohne Ur-Entwickler Remedy das Flair der Serie rüberbringen kann. Im Großen und Ganzen waren sie aber erfolgreich! Die Action läuft wunderbar cineastisch und voll von Wow-Momenten ab, Max Entwicklung ist interessanter und vielschichtiger denn je und technisch bin ich rundum zufrieden. Die Hintergrundgeschichte gewinnt sicher keinen Literaturpreis, aber mal ehrlich, so gut waren die Storys der Vorgänger auch nie. Was mich stört, sind die klischeebeladenen Nebendarsteller, denen einfach der Witz fehlt, und Max plötzliche Nüchternheit, sobald ich die Kontrolle über ihn übernehme. Da waren die Jungs von Remedy eben doch einfallsreicher. Andererseits wird mein Fan-Herz durch viele Anspielungen auf die alten Teile besänftigt. In den herumstehenden Fernsehern laufen Folgen von Captain Baseball Bat Boy, auf dem New Yorker Friedhof stehen die Grabsteine von Vinnie Gognitti und Co. und Max sucht sich im Laufe des Spiels aus seiner versoffenen Birne die Titelmelodie des ursprünglichen Max Payne zusammen. Was mir im Übrigen gefällt, sind die sonnigen Schauplätze. Max weckt auch dort mit seinem Zynismus echtes Noir-Gefühl.
Michael Herde meint: Kein Super-Gesicht. Obwohl mich Max Payne 3 durchweg gefesselt und motiviert hat. Obwohl ich das oldschoolige, sauschwere Ballern mag und Animationen sowie Soundtrack bombig sind. Vieles ist hervorragend gelungen nur die kleinen Untertitel taugen nichts. Aber Rockstar hat etwas versäumt, was Max Payne 3 als Videospiel und als Erzählmedium hätte bedeutsam machen können. In handwerklich erstklassigen Videos mit pfiffigen Effekten sowie klasse Dialogen mit Spitzensprechern bringen sie mir den lebensmüden, medikamentensüchtigen Pegelalkoholiker greifbar nahe. Doch kaum steuere ich ihn, ist er ein übermenschlicher Massenmörder, der bis zum Abspann knapp 2.000 bewaffnete Leute tötet. Kein Schluck aus der Pulle verschafft Entspannung, kein kalter Entzug lässt die Finger zittern. Condemned 2 und Fallout 3 zeigen, wie man Alkoholismus spielerisch einbindet! In der Form verliert Max jegliche Glaubwürdigkeit. Statt mit eventuell anstößiger, aber kompromissloser Konsequenz begnügt sich Rockstar mit einer letztlich bedeutungslosen Aneinanderreihung voyeuristisch inszenierter Gewaltexzesse in technischer Perfektion vielen wird das genügen.
- brutale, toll inszenierte Zeitlupen-Action
- Max Entwicklung steht im Mittelpunkt
- gelungener Anschluss an Teil 2
- PS3 vs. 360: Xbox-360-Fassung kommt auf 2 Discs, dafür sind die Kanten schärfer
Neun Jahre nach seinem Absturz ist Max Payne härter und zynischer als jemals zuvor. Action, wie sie sein sollte!
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