Tobias Kujawa meint: Ob Heavy Rain mehr Spiel oder mehr Film ist, ist mir eigentlich schnuppe. Mich hat das Spiel bis spät in die Nacht vor den Fernseher gefesselt und ich war immer wieder erstaunt, wenn ich mit Freunden über unterschiedliche Endsequenzen und Storyfetzen erzählte. Jeder hatte andere Entscheidungen getroffen und damit andere Ereignisse ausgelöst. Für mich ist Heavy Rain ein sehr schönes, stimmungsvolles Adventure, bei dem die alte Steuerung durch Menüs und Worte durch direkte Handlungen ersetzt wurde. Wenn es jetzt noch einen variablen Mörder gegeben hätte, würde ich noch heute mit Ethan und Madison unterwegs sein.
Michael Herde meint: Die von Tobias beschriebenen unterschiedlichen Verlaufsformen des Spiels sind meines Erachtens Stärke und Augenwischerei zugleich. Einerseits hat mich selten ein Spiel so sehr mit zu treffenden Entscheidungen gequält, bei denen ich oft mit mir gehadert habe, ob es denn die richtige war. So unbequem muss ein Spiel erst einmal sein und das meine ich als Kompliment! Allerdings finde ich es schade, dass der Origami-Killer immer dieselbe Person ist und dass viele Szenen letztendlich doch identisch enden, während sich die Variation nur dazwischen abspielt. Des Weiteren ist die Laufsteuerung der Protagonisten fummelig und der berühmt-berüchtigte Uncanny Valley-Effekt lässt die fein modellierten Charaktere bisweilen leblos wirken. Die gurkige deutsche Sprachfassung trägt dazu ihr Scherflein bei. Dessen ungeachtet hat mich die Atmosphäre von Heavy Rain ans Pad gefesselt wie kaum ein anderes Spiel in diesem Jahr. Als Ethan für seinen Sohn Essen macht, sich während der Hausaufgaben zu ihm an den Tisch setzt und ihn anschließend ins Bett schickt (oder wahlweise länger Fernsehen lässt), schaudert mir angesichts dieser erdrückenden Banalität des Alltags der Beiden. Solche Momente sind in Videospielen selten und deshalb von großem Wert für Videospiele als Erzählmedium. Dass Heavy Rain dabei nicht aus inhaltlichen wie narrativen Konventionen des Thriller-Genres ausbricht und vereinzelt hanebüchene Situationen beinhaltet, sei diesem ungewöhnlichen wie spannenden Werk verziehen.
Oliver Schultes meint: Dass Heavy Rain ein besonderes Erlebnis ist, haben meine Kollegen ja schon ausgeführt. Für mich ist es das aber in doppelter Hinsicht: Zum einen finde auch ich das Abenteuer klasse, zum anderen repräsentiert es für mich eine unglaubliche Premiere. Und zwar in puncto Story und Berichterstattung: In der Erstausgabe der M! Games (11/08) habe ich ein sechsseitiges Preview zu Heavy Rain verfasst – und dabei die Auflösung des Spiels verraten! Richtig gelesen: Ich habe geschrieben, wer der gesuchte Origami-Killer ist.
Allerdings passierte dies mit dem Segen der französischen Entwickler Quantic Dream. Die beiden Studioleiter präsentierten auf der gamescom in Köln eine Mission, in der Madison gegen den explizit so betitelten Origami-Killer kämpft. Offenbar sollte das alles nur ein Beispiel für die Spielmechanik und die Atmosphäre während einer Mission sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Entwickler dermaßen verpeilt sind, das Ende des Spiels einfach so ein halbes Jahr vor dem Release zu verraten. Irgendetwas muss im Studio danach schiefgelaufen sein, vielleicht reichte ihnen die Zeit nicht mehr, die Rolle des Origami-Killers anders zu besetzen bzw. die Story so zu erzählen, wie es ursprünglich geplant war.
Wie dem auch sei: Die meisten Leser haben es entweder nicht bemerkt oder – so wie ich – über die folgenden Monate wieder vergessen, wer der Killer ist. Ein Hoch auf unser Kurzzeitgedächtnis!
Matthias Schmid meint: Hätte mich Entwickler Quantic Dream nicht schon vor Jahren mit dem Überraschungs-Hit Fahrenheit verzückt, würde ich Heavy Rain mit Lob überschütten. So aber ist das PS3-exklusive Abenteuer ‘nur’ ein verbessertes Fahrenheit – mit glaubwürdigerer Geschichte, interessanteren Figuren und besserer Steuerung. Außerdem wurde zum Glück dieser übersinnliche Käse weggelassen, der das Ende von Fahrenheit überschattet hatte. Heavy Rain hat mich mit seinen stillen Momenten beeindruckt z.B. dem trostlosen Spielplatz-Ausflug von Vater und Sohn. Gleichsam fesselten mich die dramatischen Actionszenen – z.B. wie Madison in ihrem Loft überfallen wird oder Ethan durch Saw‘sche Glasscherbengänge kriecht. Auch die Härte mancher Einstellungen (z.B. beim religiösen Eiferer oder im Keller der Horrordoktors) hat mich positiv überrascht. Nach wie vor steht mein Vorsatz: Meinem einmaligen Durchlauf wird auf jeden Fall noch ein zweiter Folgen. Da sind einfach so viele Szenen, deren alternative Verläufe ich noch erleben möchte…
Ulrich Steppberger meint: Kaum ein anderes so penetrant gehyptes Spiel hat mich am Ende so kalt gelassen wie Heavy Rain. Ja, ich habe schon kapiert: Das Ding ist was ganz besonderes, so unglaublich atmosphärisch und emotional mitreißend, die Charaktere haben Tiefgang und überhaupt stellt Heavy Rain die Zukunft des anspruchsvollen Spiels dar und so weiter… Aber will ich in einem Spiel doch gar nicht die Banalität des Alltags nochmal erleben, durch das Aneinanderreihen diverser Quicktime-Event-Vorgänge wird das nicht spannender. Okay, vielleicht (wahrscheinlich?) ginge es mir anders, wenn ich nicht relativ bald das Handtuch geworfen hätte, aber der aufdringliche Quasi-Tiefgang hat mich so genervt, dass ich einfach nicht die Lust drauf hatte, länger dabei zu bleiben. Da hat nichtmal die in meinen (sonst solchen Beigaben wahrlich nicht abgeneigten) Augen völlig überflüssige Duschszene (Nackt! Aber nicht Voyeurismus! Sondern Kunst! Also Tiefgang! Hui!) geholfen. Irgendwie passt außerdem gut dazu, dass die Move-Edition von Heavy Rain die Steuerung nicht intuitiver, sondern fummeliger und nerviger macht…
Zum Test geht’s hier.