Wer in den letzten beiden Tagen den Fernseher eingeschaltet hat, kam nicht umhin, vom Amoklauf des 17jährigen Tim K. an der Albertville-Realschule im Baden-Württembergischen Winnenden zu erfahren. 16 Menschen einschließlich seiner selbst hat er mit Schusswaffen getötet, die aus der Sammlung des Vaters stammten.
Dieses tragische Ereignis erschüttert die Nation, Fassungslosigkeit macht sich breit. Und einmal mehr wird hitzig über das Motiv des Täters debattiert, um das Unbegreifliche nachvollziehbar zu machen. Nur logisch, dass neben dem sozialen Umfeld und der Persönlichkeitsstruktur auch das Freizeitverhalten unter die Lupe genommen wird. Dabei gerieten bei vergleichbaren Taten in der Vergangenheit Computerspiele und Horrorvideos regelmäßig ins Zentrum der Kritik, auch traten nach der Schulschießerei 2006 in Emsdetten strengere Gesetze zur Regelung des Waffenbesitzes in Kraft.
Ich verfolge die aktuelle Medienberichterstattung aufmerksam und glaube, eine interessante Veränderung festzustellen. Veränderung im positiven Sinne. Wo früher Computerspiele schnell als Ursprung allen Übels zur Hand waren, tritt diese kurzsichtige Suche nach einem Sündenbock derzeit in den Hintergrund. Der Privatsender n-tv blendet zwar noch knackige Schlagzeilen à la “Seine Freizeitbeschäftigung: Killerspiele und Horrorvideos” ein, doch das scheint eine Ausnahme zu sein. So schob die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gestern in Maybrit Illners ZDF-Talkrunde das Thema schnell zur Seite, vorgestern verlief es bei Hart aber fair auf ARD ähnlich: Mit Prof. Christian Pfeiffer saß ein bekannter Kritiker des interaktiven Mediums in der Gesprächsrunde. In der Vergangenheit ließ Pfeiffer kaum eine Gelegenheit aus, durch (zu) simple Aussagen nicht zuletzt den Zorn der Spielergemeinde auf sich zu ziehen. Doch von Verteufelung diesmal keine Spur: Erst kurz vor Ende der Sendung wurde das Gespräch etwas bemüht vom Moderator auf das Thema Computerspiele gelenkt, namentlich Counterstrike. Man war sich in der Runde einig: Eindimensionale Wirkungszusammenhänge gebe es nicht, das isolierte Spielen am heimischen Computer sei lediglich Ausdruck der Persönlichkeit und könnte unter entsprechenden Extrembedingungen eine verstärkende Wirkung auf die Veranlagung des Täters haben. Dem stimme ich zu, als Mensch, als Spieler und als Medienpädagoge.
Dennoch ist der Team-Shooter Counterstrike erneut im Gespräch, schließlich wurde er auf dem Rechner des Täters gefunden, angeblich zusammen mit Horrorfilmen und Pornographie. Doch atmet Deutschland nun erleichtert auf, ist das Motiv des Täters gefunden? Nein! So einfach macht man es sich diesmal nicht und das ist in meinen Augen gut so. Denn: Auf welchem Rechner eines 17jährigen Jungen findet man solche Dinge nicht? Nur vereinzelt werden Verbotsforderungen laut, vermutlich aus alter Gewohnheit. Immerhin befinden wir uns in einem Wahljahr – wer verstünde das nicht? Man hat scheinbar verstanden, dass Computer- und Videospiele in unserer Gesellschaft mittlerweile derart breit aufgestellt sind, dass mit der Verteufelung kein Staat mehr zu machen ist.
Auf dem Weg in die Arbeit hörte ich gestern einen Professor im Radio sagen, dass man die Motivsuche bei solchen Taten nicht überschätzen dürfe. Meist handele es sich um triviale Auslöser – den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Das brachte mich auf folgenden Gedankengang:
Ich halte solch tragische Ereignisse für einen unvermeidlichen Auswuchs der gesellschaftlichen, konkurrenzorientierten ‘Ich Zuerst’-Kultur: Auch mit strengsten Verboten wird es immer Menschen geben, die aus verschiedensten Gründen die Fassade des friedlichen Miteinanders erschüttern, weil sie sich aufgrund ihrer Persönlichkeit den Anforderungen des täglichen Miteinanders nicht gewachsen sehen. Durch den Amoklauf wird derzeit gerade im Fernsehen verstärkt eine “Kultur des Hinsehens” thematisiert, durch die Menschen emotional näher zusammenrücken und mehr auf einander achten. Ist möglicherweise dies der Weg, um solche Verbrechen tatsächlich wirkungsvoll zu verhindern?
Das Thema ist harter Tobak, aber wie steht Ihr dazu? Welche Beobachtungen habt Ihr in den letzten Tagen gemacht?
Diskutiert mit, aber vernünftig!