
(Ursprünglich erschien dieser Artikel in der MAN!AC 07/02)
Das abscheuliche Massaker von Erfurt hat Video- und Computerspiele erneut ins Rampenlicht der öffentlichen Diskussion gerückt. Schlummert womöglich in jedem Zocker eine gewalttätige Bestie?
Robert Steinhäuser: 19 Jahre, Ex-Schüler am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, Heavy-Metal-Fan, Waffennarr, leidenschaftlicher Computerspieler – und Mörder von 16 Menschen. Am 26. April 2002 erschoss der als Einzelgänger bekannte Amokläufer zwölf Lehrkräfte, eine Sekretärin, eine Schülerin, einen Schüler sowie einen Polizisten, bevor er sich mit der Pistole selbst richtete. Bei den folgenden Ermittlung stellten Polizei-Beamte neben CDs der amerikanischen Schocker-Combo Slipknot und diversen Gewaltvideos auch Steinhäusers PC samt Software sicher. Darunter fand sich u.a. eine Version von Sierras Ego-Shooter Counterstrike, der nach Aussagen ehemaliger Klassenkameraden zu seinen absoluten Lieblingsspielen zählte.
Auf der Suche nach dem Warum
Welche Einflüsse oder Vorfälle veranlassten Steinhäuser zu der schrecklichen Bluttat? Die Probleme mit Eltern und Schule, permanenter Erfolgsdruck, eine labile Persönlichkeitsstruktur, der häufige Umgang mit Waffen im Schützenverein oder der exzessive Konsum von gewaltverherrlichender Musik und PC-Software?
Für das Gros der TV-Sender und der Printmedien war der Schuldige schnell gefunden: So titulierte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 28. April einen Artikel mit Software fürs Massaker – Ein Computerprogramm der Firma Sierra Entertainment hat den Amokläufer von Erfurt trainiert und das Hamburger Abendblatt schrieb über Videospiele Alles, was sich bewegt, wird erschossen. Nur wer schneller schießt, kommt weiter. Die Opfer schlagen blutüberströmt einen Salto rückwärts. Wer sich den Weg freiballert, bekommt einen Bonus. Kinderwagen mit Großmüttern bringen Extra-Punkte. Der Blutfluss kann programmiert werden – für Anfänger normal, für Fortgeschrittene schnell und heftig.
Auch die Politik war nicht um vorschnelle Äußerungen wie Die Killerspiele müssen verboten werden (Bayerischer Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber) verlegen, was quer durch alle Parteien für Zustimmung sorgte – schließlich will sich kein Staatsmann im Wahlkampf eine Blöße geben.
Erst einige Tage nach der Bluttat besannen sich die Journalisten und ließen nicht nur Kriminologen, Medienwissenschaftler sowie Vertreter der Spieleindustrie zu Wort kommen, sie förderten auch wichtige Details aus Steinhäusers Leben zu Tage. Allem Anschein nach war der spätere Amokläufer von Beginn an mit dem Leben als Gymnasiast überfordert. Selbst auferlegter Erfolgsdruck, schlechte Zensuren sowie der schlussendliche Rauswurf aus der Lehranstalt machten Robert S. zu einem ernsten, verschlossenen Schüler, der sich weder seinen Eltern noch seinen Lehrern anvertraute. Vielmehr zog er sich immer mehr zurück in seine eigene Welt, die von aggressiver Musik, gewaltintensiven Computerspielen und Videofilmen sowie dem Üben mit scharfen Waffen im lokalen Schützenverein bestimmt war. Am 26. April schließlich entluden sich seine Verbitterung und sein Hass in einer schrecklichen Bluttat.








