Die deutsche Übersetzung für das englische Verb to evolve lautet sich (zu etwas) entwickeln. Mit dem gleichnamigen Spiel schicken sich Turtle Rock, die Erfinder des Koop-Knallers Left 4 Dead an, das Mehrspieler-Genre weiterzuentwickeln und auf eine neue Stufe zu heben. Die Zutaten klingen vielversprechend: Vier Spieler treten in einer lebensfeindlichen Umgebung als Jäger mit klar verteilten Rollen gegen ein von einem fünften Gamer gesteuertes Monster an. Die Jäger müssen sich untereinander koordinieren und den Spuren des Monsters folgen, während ihr Gegner möglichst unentdeckt durch die Wildnis schleicht und sich an der Fauna gütlich tut, um sich weiterzuentwickeln und schließlich als übermächtiger Koloss seinen Häschern gegenüberzutreten. Ein Konzept, das Spannung und taktischen Anspruch verspricht. Aber wie schlägt es sich in der Praxis?
Entwarnung für alle Solo-Zocker: Im Gegensatz zu Titanfall lässt sich Evolve auch alleine und offline mit Bots angehen. Dann sucht Ihr Euch eine der zwölf Wald- und Sumpfkarten und einen der vier Spielmodi selbst aus oder spielt eine aus fünf Missionen bestehende Mini-Kampagne, in der sich die Bedingungen auf den Maps zugunsten des Siegers ändern: Tötet das Monster in der ersten Mission die Jäger, erwartet sie im zweiten Match giftiger Nebel. Schalten sie hingegen das Biest aus, werden sie in der nächsten Schlacht durch Geschütze unterstützt. Kurze Zwischensequenzen dokumentieren den Fortgang der Geschichte, trotzdem empfiehlt sich Evolve nicht für Online-Verweigerer: Spielt Ihr als Jägerteam, müsst Ihr ständig per Steuerkreuz zwischen den verschiedenen Charakteren wechseln und habt keinerlei Befehlsgewalt über die KI. Als Monster ist die Befriedigung, eine Schlacht gewonnen zu haben, gegen eine KI-Truppe bei Weitem nicht so groß wie in einem Online-Match gegen echte Konkurrenz. Allerdings eignet sich der Offline-Modus zum Aufleveln Eurer individuellen Fähigkeiten, die werden nämlich in den Mehrspieler-Part übernommen.
Der eigentliche Reiz von Evolve liegt in den Multiplayer-Duellen und im Meistern der verschiedenen Charakterklassen. Nur wenn sich die Jäger absprechen und gewillt sind, sich für den Rest der Gruppe einzusetzen, haben sie gegen einen erfahrenen Gegner eine Chance. Alle Rollen müssen zwingend besetzt werden, Doppelungen sind nicht möglich. Pro Klasse stehen im Basisspiel nach und nach drei Figuren zur Auswahl, die sich mit Ausnahme einer klassenspezifischen Fähigkeit unterscheiden.
Der Soldat ist für den Schaden zuständig, dafür verfügen die drei freischaltbaren Jungs über verschiedene Bewaffnung. Der direkt verfügbare Markov zieht etwa mit Blitzgewehr, MG und Minen in den Krieg, während Hyde erst erspielt werden muss und dafür mit Flammenwerfer, Minigun und Granaten ausgerüstet ist. Allen gemein ist ein persönlicher Schutzschild, der sie auf Knopfdruck für kurze Zeit vor Schaden bewahrt.
Als Unterstützer deckt Ihr das Monster je nach gewählter Figur mit einem Bombenteppich ein, lasst Geschütztürme fliegen und macht das Team kurz unsichtbar.
Der Sanitäter ist wie üblich für die Lebensenergie seiner Kollegen zuständig, heilt Teamkameraden oder belebt sie wieder und schlägt mit seinem Scharfschützengewehr Löcher in die Monsterpanzerung.
Die ungewöhnlichste Klasse stellt der Fallensteller dar: Er schränkt je nach Charakter mit Harpunenfallen oder Stasisgranaten die Bewegungsfähigkeit des Biests ein, ortet es mittels Tracker-Munition oder der Spürhund-Echse Daisy und erschafft temporär eine Kuppel, in der das Monster gefangen wird.
Zu Beginn verfügt Ihr pro Klasse nur über einen Charakter, alle weiteren schaltet Ihr durch Nutzung der verschiedenen Gadgets frei. Nur wer all seine Werkzeuge über bestimmte Punktegrenzen hievt, kommt in den Genuss der nächsten Spielfigur. Diese Mechanik entpuppt sich als Stolperstein: Wollt Ihr etwa Markovs Blitzmine nicht einsetzen, bringt Ihr sie nie auf die erste Expertenstufe und verwehrt Euch damit sowohl den zweiten Soldaten Hyde als auch weitere Auflevelstufen, da Stufe zwei Eurer Gerätschaften wiederum mit den Charakterfreischaltungen zusammenhängt. Die Folge: Entweder grindet Ihr die Punkte für unliebsame Werkzeuge offline alleine oder Ihr behindert im schlimmsten Falle Euer Team, weil Ihr in einem unpassenden Moment etwa lieber Granaten werft, um sie aufzuleveln und weiterzukommen, statt auf die Kameraden zu hören und eine andere Waffe zu nutzen.
Ein weiteres Problem liegt in der zwingenden Vergabe aller Spielerrollen: Ihr legt lediglich in einer absteigenden Reihenfolge fest, mit welchen Klassen Ihr am liebsten spielt. Direkten Einfluss auf die Rollenverteilung habt Ihr im normalen Online-Match aber nicht. Es kann sein, dass Ihr das Monster übernehmen müsst, obwohl Ihr eigentlich der Medic sein wollt. Im Umkehrschluss heißt das, dass Ihr alle Rollen beherrschen müsst, um für jede Situation gerüstet zu sein.
Apropos Monster: Das steuert Ihr aus einer übersichtlichen Third-Person-Perspektive durch die Landschaft. Jedes der drei im Basisspiel enthaltenen Viecher hat eigene Fähigkeiten und Vorlieben. Allen gemein ist, dass sie anfangs gegen gute Jägergruppen kein Land sehen und sich dementsprechend erst verbergen und durch Beute entwickeln müssen, um ein gutes Match zu liefern. In der Landschaft verstreute Elitetiere geben zusätzliche Boni, wenn Ihr sie erlegt.
Bei all der Einarbeitungszeit sind die Partien dann auch sehr abhängig vom Können der Protagonisten: Stellt sich der Monsterspieler geschickt an, laufen die Jäger ihm teils zehn Minuten hinterher, ohne dass es zum Gefecht kommt. Wer über die langen Laufwege bei Battlefield meckert, wird hier seine helle Freude haben. Andererseits reibt ein erfahrenes und kommunizierendes Jägerteam einen Monsterneuling in Nullkommanichts auf. Spaß machen die Schlachten, wenn alle Hand in Hand arbeiten. Wenn der Soldat vom Sanitäter geheilt wird, der Fallensteller das Monster unterdessen behindert und der Unterstützer die Gelegenheit nutzt, es mit einem Luftschlag fertigzumachen, dröhnt auch mal spontaner Jubel aus dem Headset.
Für gepflegte Mehrspieler-Nächte muss auch der technische Rahmen stimmen. Nach einem 3-GB-Day-One-Patch erlebten wir mäßig lange Lade- und Verbindungszeiten und wurden nur selten aus einer laufenden Partie geworfen. Optisch gefällt Evolve mit in der Regel stabiler Bildrate, dicht bewachsenen Karten voller Tiere, stimmungsvollen Lichteffekten und scharfen Waffen- und Monstertexturen, die sich auf Xbox One einen Tick später scharfstellen als auf PS4. Der Sound ist klasse: Die kommentierenden Stimmen der Jäger kommen auf Deutsch und Englisch gut rüber, das pulsierende Leben der Wildnis bildet einen beständigen Klangteppich, und Geräusche wie das Brüllen des Monsters und seine stampfenden Schritte lassen sich im Surround-Betrieb einwandfrei orten.
Am Ende bietet Evolve das, was wir vermuteten: spannende und mitunter umständliche Mehrspieler-Action für Könner, von der Neulinge überfordert sind.
Tobias Kujawa meint: Die neue Evolutionsstufe im Mehrspieler-Sektor ist Evolve für mich nicht. Dafür ähneln sich viele Gefechte zu sehr und die Freischaltmechanik ist zu unausgegoren. Außerdem nervt, dass ich oft nicht die Rolle übernehmen darf, die ich haben möchte. Andere Shooter geben mir auch kein Scharfschützengewehr in die Hand, wenn ich keines will! Evolve verlangt vom Spieler viel Geduld, auch abseits der langen Laufwege. Aber wenn das Team stimmt, ich meine Figur beherrsche und ein Monsterspieler mit donnernden Schritten erscheint, dann kommt Spannung und Freude auf. Wenn alle Räder ineinandergreifen, entstehen große Matches, an die man sich lange erinnert. Ich bin gespannt, ob sich nach und nach ein harter Kern bildet, der immer komplexere Taktiken erforscht, oder ob die Spielerschaft wie bei Titanfall abwandert.
- 12 Maps, 3 Monstertypen, 4 Jäger-Klassen, 4 Matchvarianten zum Start
- offline solo mit Bots spielbar, Freischaltungen gelten auch online
- Day-One-Patch mit ca. 3 GB
Koop-Schwergewicht mit strukturellen Schwächen, dessen Spaßfaktor vor allem vom Können und der Teamfähigkeit der Spieler abhängt.
| Singleplayer |  | 81 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |