Erinnert Ihr Euch an Euer erstes Date? Einen Streit mit einem Kumpel? Einen Autounfall, den Ihr nur knapp überlebt habt? Was wäre, wenn Ihr diese Erinnerungen austauschen, kaufen und verkaufen könntet? Schlechte Zeiten für immer aus dem Gedächtnis verbannen das klingt toll. Doch solch eine Technologie hat auch Nachteile, wie Ihr in Remember Me feststellt.
Im Jahr 2084 ist der Hype um Apple und den iPod längst abgeklungen. Stattdessen verfügt jeder, der etwas auf sich hält, über ein Sensen-Implantat der Firma Memorize. Das Gerät speichert und katalogisiert Erinnerungen, die somit übertragen, gelöscht und nachempfunden werden können. Der nächste Schritt nach Facebook, seine Gedankenwelt öffentlich zu teilen. Dass sich der Charakter über Erinnerungen und Erlebnisse formt und unser Handeln davon beeinflusst wird, darum geht es im Erstlingswerk der französischen Entwickler Dontnod Entertainment.
Ihr schlüpft in die Rolle von Nilin. Sie macht sich die neue Technologie zunutze: Sie kann in die Sensens anderer Menschen einbrechen und ihre Erinnerungen nicht nur stehlen, sondern sogar verändern. Mit diesen Fähigkeiten ist sie der Firma und der Regierung ein Dorn im Auge. Sie wird geschnappt und in ein Gefängnis gesteckt, in dem man den Insassen alle Erinnerungen raubt, bis sie buchstäblich nichts mehr wissen und sich an nichts mehr erinnern. Nilin entkommt der finalen Behandlung nur knapp, ihr fehlen aber trotzdem große Teile ihrer Vergangenheit. Geleitet vom mysteriösen Hacker Edge macht sie sich auf die Suche nach ihrem Gedächtnis und daran, Memorize zu Fall zu bringen.
Konventionelle Schusswaffen sind 2084 nicht mehr im Umlauf. Warum sollte man jemanden körperlich verletzen, wenn man direkt auf sein Hirn Einfluss nehmen kann? Um sich durch die verschiedenen Bezirke von Paris und die Hochsicherheitstrakte von Memorize zu kämpfen, bleiben der agilen Dame damit nur ihre Hände und Füße.
Das Kampfsystem setzt auf Combos und Attacken mit unterschiedlicher Wirkung. Die Impressons genannten Angriffe machen hohen Schaden, bringen Euch etwas Lebensenergie, verringern die Abklingzeit der S-Pressen genannten Spezialattacken oder verstärken als Verkettungselemente den Effekt des vorangegangenen Moves. Durch Erfahrungspunkte kauft Ihr immer mehr dieser Attacken und setzt sie im Kombo-Lab in vorgefertigte Abfolgen ein. Was am Anfang noch als beliebiges Gimmick erscheint, wird später elementar. Beherrscht Ihr die Combos und das Ausweichen nicht und reagiert auf spezifische Feinde nicht mit passenden Angriffen, ist bereits auf der mittleren Schwierigkeitsstufe ab dem zweiten Spieldrittel Feierabend. Einige Feinde verursachen schon bei bloßer Berührung Schaden, entsprechend müsst Ihr mit dem Heil-Impresson angreifen. Für andere braucht Ihr zwingend Spezialattacken, um etwa eine Schockwelle auszulösen, die unsichtbare Gegner sichtbar macht. Da diese Fähigkeiten nach Gebrauch lange wieder aufladen müssen, helft Ihr hier mit den Regenerations-Impressons nach. Roboter verlangen ganz andere Taktiken, sind sie doch gegen Schläge immun. Hier setzt Ihr den Spammer ein, der Ladungen verschießt, welche die künstlichen Intelligenzen überlasten. So entwickeln sich später fordernde und intensive Kämpfe, die darunter leiden, dass es weder eine Zielaufschaltung noch eine vernünftige Kameraführung gibt. So schaut Ihr öfter gegen Wände und in Nilins Gesicht statt auf die nahenden Schergen.
Prügelt Ihr Euch mal nicht mit massigen Enforcern, zombieartigen Leapern und fiesen Robotern, wandert Ihr mit dem Gears of War-Finger am Ohr durch die überaus detaillierten Schauplätze oder meistert Kletterpassagen, die fast nie fordern und eher Abwechslung als Herausforderung sind. Das größte Manko ist hier die Steuerung. Nilin präzise laufen und springen zu lassen, ist dank der trägen Kontrollen und der langsamen Kamera schier unmöglich. Oft springt Ihr in einen Abgrund oder rennt in den Überwachungsradius einer Drohne, weil die Dame beim leichten Antippen des Analogsticks einen Riesenschritt macht oder eben gar nicht reagiert.
Zum Glück wird aber in den friedlichen Momenten nicht nur gesprungen, sondern auch ein wenig gerätselt. Mit Nilins Datenhandschuh aktiviert Ihr Schalter, bewegt Objekte und übertragt Strom. Besonders gegen Ende offenbaren sich ein paar interessante Puzzles, in denen Ihr Knöpfe aus der Entfernung durch Fenster hindurch drücken müsst oder in den Erinnerungen von Wächtern nach Eselsbrücken für das Öffnen bestimmter Schlösser sucht. Apropos suchen: Überall in den linearen Levels verteilt findet Ihr Hinweistafeln, welche die Standorte von Sammelobjekten zeigen. Damit erweitert Ihr Euren Gesundheitsbalken und die verfügbaren Energieeinheiten für Nilins Spezialattacken. Wer sich nicht auf die Suche macht, hat in den späteren Kämpfen deutlich mehr Probleme als aufgepowerte Sammlernaturen.
Egal, ob Ihr durch einen Pariser Slum streunt, die neondurchzogenen Appartements der Bessergestellten durchwühlt oder das Hightech-Gefängnis La Bastille erkundet überall erfreut sich das Auge an schicken Texturen und Kleinigkeiten. Androiden putzen den Boden oder spielen Klavier, an den Geschäften klappen beim Vorbeigehen Menükarten auf, Graffiti ziert die Wände und hier und da lugt ein historisches Wahrzeichen von Paris um die Ecke. Löblich: Stellt Ihr im Spiel die Sprache um, passen sich umgehend alle Texte in der Spielwelt an. Auch während der Kämpfe macht der Look von Remember Me Spaß: Bildfehler verdeutlichen feindliche Treffer und einen niedrigen Gesundheitsstatus, S-Pressen-Spezialfähigkeiten werden gut in Szene gesetzt.
Sowohl die deutschen als auch die englischen Sprecher überzeugen, der Soundtrack untermalt die Prügeleien gemäß Eurer Leistung. Erfolgreiche Combos werden mit treibender Musik belohnt, werdet Ihr getroffen, verstummt das Orchester wieder.
Unsere Testversion hatte auf beiden Systemen mit starken Rucklern und hallender Sprachausgabe in einigen Zwischensequenzen zu kämpfen. Räumen die Entwickler diese Probleme bis zum Release aus, solltet Ihr bei der Steuerung ein Auge zudrücken und zugreifen!
Tobias Kujawa meint: Bravo Dontnod, mit Remember Me ist der Einstand in die Spielebranche gelungen! Die Liebe zum Detail lässt mir an vielen Schauplätzen glatt die Augen übergehen, das Thema der Geschichte interessiert mich brennend und die Kämpfe erfordern sehr bald eine Menge Taktik und Rhythmus. Auch die Erinnerungs-Remixe gefallen, es gibt davon allerdings viel zu wenige! Wenn Nilin sich jetzt abseits der Kämpfe auch grazil und gut kontrollierbar bewegen würde, wäre ich vollends zufrieden. Aber leider hat die Dame den Wendekreis eines Lastwagens, springt gerne mal daneben und eckt häufig an irgendwelchen herumstehenden Objekten an. Hier wäre dringend noch Feinschliff nötig gewesen! Und auch mehr Inhalt hätte nicht geschadet. Statt der ständigen Prügeleien hätte ich lieber noch mehr Rätsel gelöst oder die Gegend etwas freier erkundet.
- spannender Plot rund um Erinnerungen, ihre Vermarktung und ihren Missbrauch
- erst simple, später fordernde Kämpfe im Stil von Batman: Arkham City
- New Game+ nach erstem Durchgang
Gutes Cyber-Abenteuer mit anspruchsvollen Kämpfen, belanglosen Klettereinlagen und Schwächen in der Steuerung. Dafür ist die Spielwelt toll!
| Singleplayer |  | 81 |
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| Grafik |  |
| Sound |  |