Lust auf eine Pauschalreise? Mal eine richtig schöne Inseltour machen und am Sandstrand die Seele baumeln lassen? Nach dem Genuss von Far Cry 3 werdet Ihr Euch ganz genau überlegen, ob Ihr die Bacardi-Insel-Fantasie nicht zugunsten einer schnöden Städtereise fallen lasst. Denn so ein Traum kann ganz schnell zum wahnsinnigen Albtraum werden.
Das muss auch die typisch amerikanische Teenietruppe rund um Jason Brody feststellen, die in ihrem Urlaub einen kollektiven Fallschirmsprung auf die Insel Rook Island wagt und dort von Piraten gefangengenommen wird. Gleich die ersten Minuten des Spiels machen klar, dass die Herren mit den roten Halstüchern nicht zu Scherzen aufgelegt sind. Unter der Führung des charismatischen Verrückten Vaas fordern sie Lösegeld für entführte Touristen und verkaufen sie anschließend als Sklaven. Wer keine reichen Verwandten hat, wird mitleidlos hingerichtet. Kein guter Ort für den ängstlichen Sonnyboy Jason.
Der verlässt sich bei der Flucht auf seinen Soldaten-Bruder, muss aber schon sehr bald ohne ihn zurecht kommen. Dafür erhält er Unterstützung von den eingeborenen Rakyat-Kriegern, die gegen Vaas Piraten Krieg führen und jede helfende Hand gebrauchen können. Und so weinerlich Jason in den Zwischensequenzen und Dialogen dargestellt wird, so hart und professionell ist er, sobald wir die Kontrolle übernehmen. Ähnlich dem alkoholsüchtigen Max Payne, der mit ruhiger Hand zielt, sobald die Cutscenes vorbei sind, kann Jason mit jeder Art militärischen Geräts sofort umgehen, ohne sich über Nachladen, Zielen und überhaupt das Umbringen anderer Menschen groß Gedanken machen zu müssen. Auch dass er sich wie schon der Held aus Far Cry 2 Kugeln aus dem Arm popelt und ausgekugelte Finger einrenkt, wenn er keine Heilspritze dabei hat, ist kein Problem. Einer der wenigen Schwachpunkte im ansonsten grandiosen Charakterdesign. Egal ob Ihr auf den labilen Vaas, seine mystische Schwester Citra, den cholerischen Sklavenhändler Hoyt oder den patriotischen Agenten Willis trefft, die Handlungspersonen sind stets toll gezeichnet, verfügen über ausdrucksstarke Mimik und haben alle ihre eigenen Ticks und Beweggründe, um auf Rook Island zu sein.So vielschichtig wünscht man sich seine Widersacher und Verbündete!
Multiplayer
Die beiden Teile der tropischen Insel bieten Jason auf dem Weg zu seinen verschleppten Freunden unglaublich viel Abwechslung. Aus Assassins Creed stammt die Suche nach Funktürmen, die Ihr erklettert, um die Karte ein Stück weit aufzudecken und alle dort befindlichen Pflanzen, Schätze und Schauplätze zu markieren. Nebenbei genießt Ihr dort atemberaubende Sonnenaufgänge, tosende Gewitterstürme und sternenklare Nächte, denn Far Cry 3 verfügt sowohl über einen Tag-Nacht-Wechsel, als auch über ein Wettersystem. Habt Ihr genauere Kenntnisse Eurer Umgebung, bietet es sich meistens an, den Piraten das Gebiet streitig zu machen. Dazu überfallt Ihr deren Lager und schaltet dort jeglichen Widerstand aus. Im Vorfeld lassen sich die Gegner mit Jasons Digitalkamera markieren, dann seht Ihr sie auch durch Wände und erkennt, mit welcher Art Pirat Ihr es zu tun bekommt. Freibeuter mit Machete und AK-47 sind schnell ausgeschaltet, gepanzerte Maschinengewehr-Brocken verlangen mehr Ausdauer.
Offene Feuergefechte sind ohnehin anspruchsvoll, da Jason nicht allzu viele Treffer aushält und Eure Gegner sich fast immer klug verschanzen, die Stellung wechseln und Euch mit Granaten und Molotow-Cocktails aus der Deckung locken. Nur gelegentlich bleiben sie im Freien stehen oder reagieren nicht korrekt auf Eure Manöver. Euer erstes Ziel sollten immer die Alarmanlagen sein. Schafft es einer der Gegner dorthin, rückt nach kurzer Zeit Verstärkung an. Da lohnt es sich, die Reihen vorher mit Pfeil und Bogen oder einem Scharfschützengewehr heimlich auszudünnen oder im Nahkampf von hinten mit einem Messer zuzuschlagen. Radikalere Naturen nehmen eine schusssichere Weste, einen Flammenwerfer und ein leichtes MG mit und versuchen es auf die Rambo-Tour. Es ist Eure Entscheidung! Habt Ihr alle Feinde erledigt und sie um Geld, Waffen und andere Habseligkeiten erleichtert, besetzen die Rakyat die Anlage und sorgen für weniger Feindpräsenz im Umland dauerhaft! Auch das erinnert an Assassins Creed, nämlich an die Borgia-Türme aus Brotherhood. Nervige Gefechte um die immer gleiche Stellung gehören der Vergangenheit an!
Habt Ihr die Gegend ein wenig sicherer gemacht, ist Zeit für weitere Nebenaufgaben. Rakyat-Prüfungen wollen bestanden werden, Abschussaufträge für bestimmte Personen und Tiere gibt es an den schwarzen Brettern und auch die Bevölkerung hat den einen oder anderen Wunsch. Zwischendurch locken Zeitfahr-Rennen mit verschiedenen, gut steuerbaren Vehikeln und Sammelgegenstände wie Speicherkarten oder Relikte fehlen natürlich auch nicht. Für all diese Dinge bekommt Ihr Erfahrungspunkte und Geld. Die Kohle investiert Ihr in Munition und Waffen wer fleißig Funktürme übernimmt, bekommt peu à peu viele Ballermänner auch gratis. Je mehr Missionen Ihr macht, um so mehr Fähigkeiten schaltet Ihr außerdem frei, die Ihr Euch mit Erfahrungspunkten zu eigen macht. Takedowns, Gesundheits-Upgrades und Überlebenspraktiken gliedern sich in drei Talentbäume, die als schmuckes Tattoo auf Eurem Arm sichtbar sind. Wächst Euer Wildnis-Know-how, wächst die Tätowierung! Der Nachteil des Systems: Spieler, die keine Lust auf die oft gleich ablaufenden Nebentätigkeiten haben und strikt der verschlungenen, starken Hauptgeschichte folgen, haben es durch weniger Erfahrungspunkte und erst später nutzbare Fähigkeiten schwerer als fleißige Inselforscher. Es lohnt sich also, möglichst viele Aktivitäten wahrzunehmen.
Multiplayer
Far Cry 3 zählt in diesem Jahr zu den grafischen Höhepunkten. Die Charaktere und ihre Animationen sind lebensnah in Szene gesetzt und unterstreichen ihre Persönlichkeit, die Waffenmodelle und Nachladevorgänge sehen schick aus und der Dschungel bietet mit dichten Wäldern, alten Tempeln, weiten Stränden und reißenden Flüssen viel Abwechslung. Top ist vor allem die Beleuchtung, die auch schon in Far Cry 2 die Redaktion begeisterte. Egal ob sonnendurchflutete Lichtung, schimmernde Unterwasserwelt oder spärlich erhellte Höhle, hier fühlt Ihr Euch wirklich wie auf einem fremden Eiland. Bei allen Lobeshymnen wollen wir aber nicht das massive Tearing, viele Pop-Ups und einige Ruckler verschweigen, welche die Faszination trüben und Euch öfter aus der Insel-Illusion reißen. Fliegt Ihr mit einem Hängegleiter oder fahrt schnell mit einem Wagen, hat die Grafik-Engine deutlich Mühe, Schritt zu halten und stößt oft an ihre Grenzen. Ein wenig Feinschliff hätte hier gut getan, dafür kommt Far Cry 3 bei der normalen Inselerkundung aber ohne Ladezeiten aus.
Auch im Soundbereich ist fast alles toll. Die englischen und deutschen Sprecher (die USK-Version ist multilingual) passen perfekt zu den jeweiligen Menschen und bringen deren Merkmale und Intentionen überzeugend rüber. Im Deutschen passt die Lippensynchronität aber oft nicht zum Gehörten. Grandios sind dafür die Gespräche der missmutigen Piraten, die sich über die Moskitos und die Rakyat beschweren und beim Pinkeln lautstark beteuern, dass Ihnen eine Prostituierte eine Krankheit angehängt habe. Auch der Dschungel mit seinen vielfältigen Bewohnern nimmt Euch klanglich gefangen. Ihr hört gut, in wessen Jagdrevier Ihr Euch gerade befindet und von wo sich welche Tiere nähern. Allerdings hatte unsere Testfassung noch mit einigen Soundaussetzern zu kämpfen.
Insgesamt hat Ubisoft einen packenden, sehr lange dauernden Inseltrip geschaffen und vor allem viel aus den Fehlern des zweiten Teils gelernt. Die Außenposten nerven nicht mehr, es gibt keine Krankheit, die Euch im Nacken sitzt und die Geschichte wird spannend erzählt, ist wendungsreich und bietet mit Drogentrips, tiefgründigen Gesprächen und harten Szenen einige denkwürdige Momente. Nur Hauptcharakter Jason und seine hippen Freunde benehmen sich ein wenig unglaubwürdig und zu cool für die Situation, in der sie sich befinden. Doch das Wichtigste bei einem Ego-Shooter ist: Jedes Gefecht macht Laune, die Waffen klingen voll und gefährlich, sind abwechslungsreich und die Feinde bleiben weitgehend von KI-Aussetzern verschont. So muss ein Open-World-Shooter im Jahre 2012 sein!
Multiplayer
Mehrspieler
Nach der ausladenden Kampagne ist aber noch lange nicht Schluss: Gruppenaffine Spieler lockt Far Cry 3 einerseits mit einem Koop-Modus mit eigener (tumber) Storyline und wahren Gegnerfluten, den Ihr entweder zu zweit offline an einer Konsole angeht oder zu viert im Netz bestreitet. Andererseits ist auch der normale Mehrspielermodus sehr ausladend: Neben einem Map-Editor sorgen zehn Karten und vier Spielmodi für maximal 14 Spieler für unzählige Stunden Spaß. Die Gefechte auf den sehr ausladenden Karten drehen sich bis auf das klassische Team-Deathmatch immer um das Einnehmen und Halten bestimmter Objekte und Punkte. Einzelgänger haben aufgrund der Unübersichtlichkeit der Vegetation kaum Chancen und werden oft flankiert oder aus der Ferne weggesnipert, im Team macht die Ballerei aber sehr viel Laune, obwohl Ihr auf Fahrzeuge verzichten müsst. Das Waffenarsenal ist mit den genretypischen großen und kleinen Wummen bestückt. Durch Abschüsse und Teamaktionen wie zum Beispiel einem leistungsfördernden Kriegsschrei verdient Ihr Erfahrungspunkte und schaltet in üblicher Manier Waffen, Aufsätze, Ausrüstung und Fähigkeiten frei. Werdet Ihr erschossen, könnt Ihr optional auf einer Taste herumhämmern, um einige Zeit Euren Mitstreitern die Möglichkeit zu geben, Euch wiederzubeleben. Nett: Für erfolgreiche Runden gibt es Daten-Discs oder USB-Sticks, deren Decodierung nebenbei abläuft und einige Minuten bis Stunden dauert. Je wertvoller der Datenträger, desto größer ist die Chance auf eine sinnvolle Belohnung.
Multiplayer
Tobias Kujawa meint: Endlich keine Malaria mehr! Die Krankheit und die damit verbundene Pillensuche machten mir Far Cry 2 schnell madig, immer fühlte ich eine langsam tickende Uhr im Nacken, wenn ich einfach frei durch Afrika schweifen wollte. Der dritte Teil merzt nicht nur diese Schwäche aus, er zeigt auch, dass sich die Entwickler andere Kritikpunkte zu Herzen genommen haben. Statt eine lieblose und undurchsichtige Geschichte zu stricken, präsentieren die Jungs und Mädels einen richtig interessanten roten Faden, der Euch durch das Abenteuer führt, ohne Euch die Freiheit und den Reiz beim Erkunden der riesigen Wildnis durch Schläuche und zu enge Führung zu versagen. Und dazu machen die Gefechte noch richtig Laune! Granaten und Gewehre haben mächtig Wumms, die Feinde sind nicht zu blöd (auch wenn sie manchmal Aussetzer haben) und ich habe nicht das Och nö, noch ein Kampf-Gefühl. Stattdessen wird jeder Feuerüberfall geplant und jedes gewonnene Gefecht zum Erfolgserlebnis. Und das Beste: Eroberte Stützpunkte bleiben in Eurer Hand. Warum denn nicht gleich so?
Michael Herde meint: Ich habe mir die PS3-Testfassung geschnappt und anfangs war ich entsetzt: Die Bildrate pendelt vor allem bei Fahrten mit dem Jeep oft an der Schmerzgrenze, Tearing ist allgegenwärtig. Und das ist schade, denn an sich sieht das Spiel klasse aus. Mich hat Far Cry 3 trotzdem gepackt und begeistert, man kann sich daran gewöhnen. Schnell fällt auch auf, dass viele Zutaten des Spiels quasi identisch sind mit Assassin’s Creed III, doch hier fügten sie sich noch besser ein, sind deutlich nützlicher und obendrein anspruchsvoller. Statt mit Einheitsballerei packt mich Far Cry 3 mit hochspannendem Survival-Schleich-Flair, bei dem ich mir jede Konfrontation und jeden Schuss gut überlege, es könnte nämlich schnell mein letzter sein. Auch wenn auf dem Schirm die Post abgeht, frohlocke ich angesichts des mehrschichtigen Klangteppichs aus bedrohlichen Ambientklängen und weil es hip ist wummerndem Dubstep-Gewitter. Ich mag das.
Multiplayer Meinung
- eine zweigeteilte Insel voller Missionen und Geheimnisse
- tolle Charaktere mit unterhaltsamen Ansichten und Dialogen
- viel Freiheit in den Feuergefechten
Multiplayer
Far Cry 3 bügelt die vielen Ärgernisse des Vorgängers fast komplett aus. Ein spannendes, hochklassiges Inselabenteuer!
| Singleplayer |  | 88 |
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