Viel wurde über Capcoms Dragons Dogma spekuliert: Handelt es sich bei dem aufwändig präsentierten Mix aus Action- und Rollenspiel um ein trojanisches Pferd, das West-Spielern das Monster Hunter-Prinzip schmackhaft machen soll? Oder ist es eine Japan-tauglichere Variante von Bethesdas Skyrim? Oder am Ende sogar die spirituelle Rückkehr der Breath of Fire-Serie?
Die kurze, aber komplizierte Antwort: Dragons Dogma ist nichts davon und trägt doch ein paar Züge all dieser Interpretationen in sich. Als wäre das noch nicht genug, finden sich auch ein paar DNS-Stränge von Dark Souls und seinem Vorgänger, gewürzt wird der Drachen-Cocktail schließlich mit ein paar cleveren eigenen Ideen. Kaum habt Ihr nach einer kurzen Actionsequenz und einem spektakulären Kampf gegen eine Chimäre Eure eigentliche Hauptfigur gebastelt, geht es der auch schon an den Kragen: Ein beeindruckend großes Drachentier greift Euer kleines Fischerdorf an und reißt Euch mal eben das Herz aus dem Leib, um es zu verschlucken. Doch Ihr seid robust und scheint die Attacke gut wegzustecken: Eure Figur weilt nicht nur weiter unter den Lebenden, sie wird jetzt von ihren Mitbürgern als Erweckter bezeichnet und kann Vasallen befehligen.
Die sind die große Besonderheit von Dragons Dogma: Wesen, die auf den ersten Blick wie Menschen wirken, aber keinen eigenen Willen und Antrieb haben. Sagt man ihnen nicht, was sie tun sollen, stehen sie einfach herum, bis ihr Leben erlischt. Euren persönlichen Vasallen geht es freilich besser: Sie folgen Euch und unterstützen Euren Kampf nach Kräften. Baut sie im flexiblen Editor zusammen und staffiert sie wie Eure Figur selbst sorgfältig aus, sogar die Körperhaltung und den Charakter könnt Ihr beeinflussen. Während der eigene Vasall Euch stets begleitet, könnt Ihr andere aus einer Zwischenwelt holen. Das Besondere daran diese sind die Vasallen anderer Spieler! Bei der Wahl Eurer Mitstreiter solltet Ihr nicht nur auf Kampfstärke und Level achten, auch Erfahrung ist ein wertvolles Gut. Hat einer Eurer Begleiter eine aktive Quest bereits absolviert, wird er nicht nur mit seiner Waffe, sondern auch seinem Wissen zur Seite stehen: Er weiß, mit wem Ihr reden oder wohin Ihr laufen müsst und wo Ihr wichtige Gegenstände findet. Auch Euer Vasall eignet sich dieses Wissen mit der Zeit an und wird so für andere Spieler attraktiver. Bei jeder Übernachtung werden die aktuellen Daten Eures Begleiters hochgeladen nimmt ihn jemand anderes mit in sein Abenteuer, erfreut Ihr Euch an nützlichen Gegenständen und weiteren Belohnungen.
Dieses Element gibt Dragons Dogma einen ganz eigenen Charakter und eine besondere Stimmung. Aber auch ohne die Vasallen macht es eine überzeugende Figur: Die Welt Gransys ist weitläufig, wirkt aber dennoch fokussiert. Trotz der großen Ausdehnung fühlt man sich selten verloren und hat stets seine Ziele im Blick. Auch dem Kampfsystem merkt man seine japanische Herkunft an: Scheinen die Hauereien anfangs noch simpel, werden sie schnell weitaus komplexer. Manchem XXL-Boss kommt Ihr etwa nur bei, wenn Ihr seinen Körper erklimmt, um verwundbare Stellen mit Eurer Klinge zu erreichen. Neue Talente können Eure Strategien radikal verändern, ohne die richtigen Vasallen wird manch ein Kampf knackig schwer. Dabei zeigen sich kleine Parallelen zu Dark Souls: Zwar ist Dragons Dogma nicht annähernd so gnadenlos, aber auch hier wird unvorsichtiges Agieren schnell und hart bestraft. Wer im Kampf keine Vorsicht walten lässt, sich bei ausgedehnten Dungeon-Expeditionen nicht mit genügend Heilmittel eindeckt oder vergisst, ein paar Reserve-Fläschchen für seine Ölfunzeln mitzuführen, haucht schnell mal sein Bildschirmleben aus und findet sich dann am letzten der recht häufigen Speicherpunkte wieder.
Für Dragons Dogma solltet Ihr ordentlich Zeit mitbringen: Denn obwohl die Haupthandlung in 25 bis 30 Stunden machbar ist, lohnt es sich, länger in Gransys zu verweilen. Zwar kommt auch Dragons Dogma nicht ganz ohne die üblichen Töte zehn davon, sammle fünf hiervon-Quests aus, doch ein guter Teil der Aufgaben ist interessant und ansprechend gestaltet. So passiert es nicht selten, dass Ihr die Handlung für ein paar Stunden unterbrecht, um den Bewohnern von Gransys bei ihren größeren und kleineren Problemen zu helfen. Habt Ihr es aber eilig, kann das Abenteuer gelegentlich an Euren Nerven zehren. Auf ein komfortables Schnellreisesystem wurde verzichtet: Der Erweckte und seine Vasallen erkunden ihre Welt zu Fuß und wer sich für ein paar verbliebene Quests auf den Weg von der Hauptstadt zum Fischerdorf am Anfang macht, kann sich auf einen längeren Trip einstellen. Aber das muss nichts Schlechtes sein und steigert die Abenteuer-Stimmung. Die Welt von Dragons Dogma ist groß und oft gefährlich: Selbst ein einfacher Fußmarsch sollte zumindest ein wenig geplant sein man will sich ja nicht in stockfinsterer Nacht ohne Lampen und Heilmittel in einer monsterverseuchten Schlucht wiederfinden!
Allerdings kann gerade das durchaus reizvoll sein, gehören die hübsch inszenierten Tageszeiten-Wechsel doch zu den grafischen Höhepunkten: Wenn die Sonne hinter einer Hügelkette versinkt und die Landschaft noch einmal für einen Moment in glühend rotes Licht taucht, fühlt man sich tatsächlich wie in einer weitläufigen Fantasy-Welt. Da vertreiben auch teils maue Texturen oder grob gestaltete NPC-Gesichter nicht allzu viel von der tollen Atmosphäre. Die verdanken wir auch dem gelungenen Ton: Englische Sprecher gefallen mit unterschiedlichen Akzenten und glaubwürdiger Betonung, Musik untermalt das Geschehen stimmungsvoll und unaufdringlich, kreischende Kobolde, zirpende Grillen und knisterndes Feuer sorgen für ein überzeugendes Mittendrin-Gefühl.
Thomas Nickel meint: Ich gebe es zu: Mit Skyrim wurde ich nie wirklich warm. Die Welt war mir einfach zu groß und zu frei, irgendwie zu ziellos. Da ziehe ich die ebenfalls gewaltige, aber doch weit überschaubarere und fokussiertere Welt eines Dragon´s Dogma vor, auch die Third-Person-Ansicht sagt mir hier mehr zu. Die Kämpfe fühlen sich selbst ohne Lock-on-System sehr dynamisch an und sind dramatisch schöner anzusehen als die Ego-Sticheleien des Rivalen. Schade dagegen ist, dass Capcom so vehement seine visuelle Identität leugnet: Dragon´s Dogma distanziert sich grafisch extrem von seiner japanischen Herkunft und sieht mehr wie Fantasy-Massenware made in USA aus von den Japanern ist man eigentlich Originelleres gewohnt. Trotzdem erweist sich Dragon´s Dogma gerade dank seines durchdachten Vasallen-Systems als gelungenes Fantasy-Abenteuer, das vielleicht ein wenig mehr Schauwert bieten könnte, spielerisch aber schon nach kurzer Zeit enorm fesselt. Wer braucht da schon einen Mehrspieler-Modus?
Tobias Kujawa meint: Im Prinzip mag ich das westliche Design, die teils riesigen Gegner und das innovative Vasallen-System von Dragons Dogma. Doch leider patzt Capcom auch an vielen Stellen: Meine KI-Kameraden labern ununterbrochen und schnappen mir unaufhaltsam Gegenstände vor der Nase weg. Die muss ich dann erst mühsam aus dem umständlich zu bedienenden Inventar klauben. Auch eine Taste für Heil-Items und eine Ausweichrolle während der actiongeladenen Kämpfe fehlt mir, da hat Kingdoms of Amalur mehr drauf. Und warum habe ich eigentlich eine Minimap, wenn darauf keine Gegner abgebildet werden? Den dicksten Bock schießt Capcom meiner Meinung nach aber mit der Begrenzung auf einen einzigen Speicherplatz. In Zeiten von riesigen Festplatten und Spielstand-fressenden Bugs ein absolutes No-Go.
Meinung
- Vasallen können anderen Spielern zur Verfügung gestellt werden
- jede Menge optionaler Quests
- spektakuläre Bosskämpfe
- teils ziemlich lange Laufwege
- USK-Version ohne Resident Evil 6-Demozugang, dafür mit 100 Extraquests
Meinung
Feines Action-Rollenspiel mit weitläufiger Fantasy-Welt, packenden Bosskämpfen und ideenreichem Vasallen-System.
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