Ich bin sauer, der Grund: Die blinden Aktionisten sind wieder unterwegs, weshalb ich mich über einige Meldungen der vergangenen Tage doch sehr wundern muss. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sorgte wieder für Schlagzeilen und stellt seine Unkenntnis erneut unter Beweis. Seit dem Amoklauf in Winnenden war mir der Staatsbedienstete mehrmals unangenehm aufgefallen, weil er Herstellung und Vertrieb von gewalthaltigen Spielen verbieten wollte und noch immer will. “Spiele mit gewaltverherrlichenden und menschenverachtenden Inhalten sind zu verbieten”, bekräftigte er dieser Tage seine Position und ignoriert dabei einmal mehr die Tatsache, dass derartige Medien (und damit auch Spiele) laut Paragraph 131 des Strafgesetzbuches in Deutschland bereits verboten sind. Nicht zuletzt deshalb gibt es in unserem Land neben dem weltweit einzigartigen Instrument der Indizierung auch die Möglichkeit der Beschlagnahmung. Weshalb sonst sind Videospiele wie Manhunt oder Condemned hierzulande verboten? Versteht mich nicht falsch: Ich befürworte Jugendschutz, wehre mich aber gegen eine Entmündigung erwachsener Videospieler. Das ist sicherlich eine schwierige Gratwanderung. Um diese zu meistern, bedarf es aber nicht Aufmerksamkeit heischender Polemik, sondern eines sachlichen Diskurses.
Uneinigkeit bei den Christdemokraten
Doch nun regt sich Widerstand in den eigenen Reihen: Der CSU-Nachwuchs der Jungen Union sprach sich unter der Leitung von JU-Chef Stefan Müller gegen ein Verbot von Ego-Shootern aus. Unterstützung erhält Müller dabei vom Bund der deutschen katholischen Jugend (BDJK). “Wir teilen diese Ansicht (Herrmanns, Anmerkung des Autors) nicht” heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Solche Forderungen wie die von Innenminister Herrmann entstünden aus dem “Problemlösungsdruck der Öffentlichkeit”. Man wolle nicht eine ganze Personengruppe unter Generalverdacht stellen, sagen JU und BDKJ. Verständlicherweise hat die Öffentlichkeit ein Interesse an schnellen Lösungen, wenn Ereignisse wie in Winnenden die Menschen schockieren. Doch wie unlängst ein Leserbrief auf den Punkt brachte, lassen sich unliebsame Phänomene nicht einfach verbieten, denn die Ursachen liegen tiefer und sind komplexer. Deshalb fordern JU und BDKJ nicht Verbote, sondern konkrete Maßnahmen in der Sozialpolitik: “Bei der Amokprävention muss in den Bereichen angesetzt werden, in denen das soziale Leben der Betroffenen stattfindet: Die Familie und vor allem die Schule. Wir plädieren für die Einrichtung von Krisenteams an Schulen und einen verstärkten Einsatz von Schulsozialarbeitern, die eine Kultur des Hinhörens etablieren sollen. […] Populistische Forderungen nach dem Verbotsreflex helfen nicht weiter. Wir lehnen ein Herstellungs- und Verbereitungsverbot von Egoshooter-Spielen ab”, ist der Erklärung zu entnehmen.
Den Vogel schießt Herrmans Reaktion darauf ab: “Ich gehe zugunsten des BDKJ davon aus, dass er nicht weiß, wie brutal und gewaltverherrlichend solche ‘Killerspiele’ sind”, zitiert heise.de den Minister. Als ob ER es wüsste. Aber halt! Vielleicht ereifere ich mich gerade und ich tue Herrmann unrecht. Am Ende ist er begeisterter Shooter-Fan und kann auf Erfahrungen aus erster Hand zurückgreifen. Nein, irgendwie glaube ich das nicht. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.
Das E-Sport-Debakel
Und es geht munter weiter: Die Intel Friday Night ist eine E-Sport-Veranstaltung, die zunächst in Stuttgart hätte stattfinden sollen. Doch die Schwaben-Metropole liegt zu nah am Unglücksort Winnenden. Deshalb wollte die Stadtregierung nicht geschmacklos sein (oder Wählerstimmen riskieren) und untersagte das Festival der Gewalt (Sarkasmus-Alarm!), bei dem der Veranstalter Turtle Entertainment auch Counter-Strike anbieten wollte. Also wich man nach Nürnberg aus, mit gleichem Ergebnis. Zuletzt war Karlsruhe für das für den 5. Juni anberaumte Großereignis im Gespräch. Dort nämlich hatte Oberbürgermeister Heinz Fenrich die Veranstaltung Anfang Mai 2009 genehmigt. Zwar hält er Presseberichten zufolge selbst nicht viel von Spielen wie Counter-Strike, weiß aber um dessen Altersfreigabe ab 16 Jahren. Gleichzeitig war eine Eltern-LAN anberaumt, die von der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) iniziiert wurde. Doch Fenrich hatte die Rechnung ohne die örtliche CDU-Fraktion gemacht, die der Stadtverwaltung Druck machte, die Veranstaltung abzusagen. “Aufgrund ihres gewaltverherrlichenden, menschenverachtenden und brutalen Charakters können solche Spiele Jugendliche zu mehr Gewalt veranlassen”, sagte die CDU-Fraktionsvorsitzende Gabriele Luczak-Schwarz zu KA-News. Auch der Karlsruher CDU-Vorsitzende Ingo Wellenreuther scheint sich ein Stück des stimmträchtigen Wahlkampfkuchens ergattern zu wollen. “Entscheidend ist im konkreten Fall nicht, ob Killerspiele derzeit schon gesetzlich verboten sind, sondern dass nach meiner Auffassung die Stadt Karlsruhe ihre Hallen für Veranstaltungen mit Killerspielen nicht vermieten sollte”, ließ er im Rahmen des Streits um die Intel Friday Night verlauten.
Das Ergebnis des Machtkampfes zwischen der CDU-Fraktion im Rathaus und Oberbürgermeister Fenrich: Turtle-Geschäftsführer Ralf Reichert sagte die Veranstaltung ab. Man wolle sich nicht im kommunalen Wahlkampf instrumentalisieren lassen, begründete Turtle Entertainment die Absage. Damit kam das Unternehmen dem Beschluss der Stadtratssitzung zuvor. Reichert weiter: “Mit viel Engagement haben wir den Dialog mit der Karlsruher Politik gesucht und Gespräche geführt. Jeder konstruktiven Diskussion über den Umgang mit Computerspielen und neuen Medien wird allerdings die Grundlage entzogen, wenn von demokratischen Parteien öffentlich die Kündigung rechtsgültiger Verträge angeregt wird. In einem abschließenden Gespräch haben wir uns deshalb gestern mit Oberbürgermeister Heinz Fenrich darauf verständigt, von unserem Vertragsrecht Abstand zu nehmen und die Veranstaltung abzusagen.”
Aktionisten aller Länder vereinigt Euch
Und es gibt noch mehr absurde News: Nach Galeria Kaufhof ist Marktkauf die zweite Handelskette, die künftig keine Spiele ‘ab 18’ mehr anbieten möchte. Auch jenseits unserer Grenzen treiben Jugendschutzbestrebungen sonderbare Blüten: Der Kantonsrat von Sankt Gallen hat bei der Schweizer Bundesversammlung eine Standesinitiative eingereicht. Damit soll ein Gesetz verabschiedet werden, das Herstellung, Werbung, Einfuhr, Verkauf und Weitergabe von Spielen verbietet, in denen “grausame Gewalttäigkeiten gegen Menschen zum Spielerfolg beitragen.” Und in Kalifornien will die von Arnold Schwarzenegger geführte Regierung vor dem Obersten Gerichtshof für eine Verschärfung des Jugendschutzes kämpfen. “Die Macher von Videospielen nutzen schamlos die Verletzlichkeit von Kindern für ihre Profite”, wird der Justizminister Jerry Brown zitiert. Immerhin muss ich zugestehen: Die Jugendschutzbestimmungen in den USA sind um einiges lascher als bei uns.
Ein Lichtblick
So, damit habe ich mir meinen Ärger von der Seele geschrieben. Es ist immer das Gleiche: Kaum passiert etwas Schlimmes, rennen alle wie kopflose Hühner herum, anstatt vernünftige, sachliche und zielführende Gespräche zu führen. Einen Schritt in die richtige Richtung geht der Münchner Verein für Videospielkultur: In der Facebook-Gruppe der Organisation schreibt Hendrik Lesser: “VSK im bayrischen Landtag. Am 17. Juni werden wir zusammen mit dem CAM, dem BIU, Game und der CSU Fraktion den guten bayrischen Landtagsabgeordneten zeigen was es an Spielen gibt. Hoffentlich von Wii Tennis zu Killzone :)”
Viel Erfolg, Leute!




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