Nach dem Amoklauf am Münchener Olympia-Einkaufszentrum, bei dem ein junger Mann neun Menschen und sich selbst erschoss, ließ Innenminister Thomas de Maizière bei einer Pressekonferenz als Teilantwort auf die Frage eines Journalisten eine Bemerkung fallen, die in der deutschen Videospielewelt sofort für Aufsehen sorgte:
“Es ist nicht zu bezweifeln, dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat, das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten. Und auch das ist etwas, das glaube ich in der Gesellschaft mehr diskutiert werden sollte als bisher.”
Das Gros der Gamer, die sich Gehör verschafften, reagierte auf die übliche Art: Es fletschte die Zähne. “Ich spiele andauernd Ego-Shooter und laufe ja auch nicht Amok”, “Es gibt keine Studie, die das belegt” und “Die Politiker haben keine Ahnung” waren übliche Reaktionen auf die Äußerung des Innenministers. Als dann für Sonntagabend eine Extraausgabe von Frank Plasbergs “hart aber fair” mit Gästen wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und dem Kriminologen Christian Pfeiffer zum Thema “Amok in Zeiten des Terrors wie verändert die Angst das Land?” angekündigt wurde, war das Gespenst der Killerspiele-Debatte wieder da obwohl niemand den Begriff überhaupt in den Mund genommen hatte. Sofort griff der Schutzreflex. Wir müssen unser Hobby gegen die populistischen Unwissenden verteidigen, wir sind keine Verbrecher und wir wollen frei und unbeschränkt unserer liebsten Nebensache der Welt frönen.
Die hochgezogenen Augenbrauen rund um die “hart aber fair”-Sendung entpuppten sich im Nachhinein als vollkommen unbegründet. Pfeiffer, früher der personifizierte Antichrist für Videospieler, erwiderte lediglich auf Plasbergs Frage, ob ein Zusammenhang zwischen “Ballerspielen” und Amokläufen besteht, dass es empirische Studien gäbe, die zeigen, dass das ständige Konsumieren gewalthaltiger Spiele zu einer Desensibilisierung führt. Jedoch seien Spiele niemals allein ausschlaggebend. Laut Pfeiffer sei der Konsum von Videospielen vollkommen unproblematisch, wenn der Gamer ansonsten mit beiden Beinen im Leben stehe. Der Kriminologe zeigte sich dankbar für die Anmerkung de Maizières und bekräftigte, der Faktor Videospiele sei auch im Münchener Amoklauf zugegen, bis auf eine kleine Spitze (“Computerspiele sind viel Zeitvertreib und Zeitverlust”) ließ sich insgesamt aber wenig finden, gegen das Videospieler ihre Stimme erheben könnten.
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