Im Kader der Videospiele-Berufsschleicher ist Garrett der Zartbesaitete. Solid Snake, Agent 47 und Dishonored-Rächer Corvo behaupten sich notfalls mit Waffengewalt gegen Wachen, dem Meisterdieb mit dem Hang zu Selbstgesprächen bleibt nur die Flucht, wenn er entdeckt wird. Er ist der Held von Thief, der Neuauflage einer klassischen Schleichserie, die vor allem auf dem PC eine große Fangemeinde besitzt. Hat es Eidos Montreal geschafft, den Titel einsteigerfreundlich und trotzdem fordernd in die Moderne zu führen? Ja!
Das fängt schon beim Schwierigkeitsgrad an. Wer will, speichert jederzeit und spielt mit einschaltbarer Fokus-Sicht, in der wichtige Gegenstände und Feinde blau markiert werden. Ihr ladet sie durch den Konsum von Mohnblüten wieder auf. Hardcore-Fans konfigurieren Ihr Spielerlebnis bis ins kleinste Detail selbst, verzichten von vorneherein auf HUD-Elemente, Upgrades, Fokus und Knock-Out-Möglichkeiten. Fan-Seele beruhigt? Dann können wir uns jetzt ja dem Spielinhalt widmen.
Schleich dich!
Über die durchaus interessante Geschichte breiten wir den Mantel des Schweigens, denn auch Garrett weiß nach einem Unfall und anschließender Amnesie nicht, was in der von Baron Northcrest regierten Stadt los ist. Also zieht er los, um das zu tun, was er am besten kann: sich am Eigentum anderer bedienen. Ihr bewegt Euch abseits der Story frei durch die verschiedenen Stadtviertel und haltet die Augen offen nach knackbaren Türen, Fenstern und herumliegenden Schätzen. Dabei klettert Ihr leider nicht frei: Mit der Kralle, einem Greifwerkzeug, das in seiner Funktion dem Haken aus Assassins Creed: Revelations ähnelt, erklimmt Ihr nur an markierten Stellen Wände und Garrett springt generell nur, wenn das Leveldesign es ausdrücklich erlaubt.
Das funktioniert nach kurzer Eingewöhnungszeit gut, manchmal aber erst im zweiten oder dritten Versuch eine schmerzliche Verzögerung, wenn Euch bewaffnete Soldaten auf den Fersen sind. Neben den verschiedenen Pfeilarten, mit denen Ihr Fackeln löscht, Flaschenzüge zerstört, Kletterseile an vorgegebenen Punkten anbringt und wenn es sein muss auch Feinde tötet, sind Eure besten Freunde Rasiermesser, Drahtschere und Schraubenschlüssel. Nur mit den teuren Werkzeugen deaktiviert Ihr Fallen, schraubt Lüftungsschächte auf und schneidet kostbare Gemälde aus ihren Rahmen. Das erbeutete Geld steckt Ihr in Nachschub und Upgrades oder spendet es der Königin der Bettler, um Eure Fokus-Fähigkeit auszubauen.
Alarm!
Auch in den (trotz mehrerer Wege recht linearen) Storymissionen, die Ihr nach Abschluss immer wieder spielen dürft, sammelt Ihr kräftig Beute ein, löst Rätsel und knackt Schlösser. Garrett bereist unter anderem den Baronspalast, ein Bordell und eine unheimliche Irrenanstalt. Überall sorgen kleine Details, Schriftstücke und Szenen zwischen den Bewohnern für eine dichte Atmosphäre. An den Kampagnen-Schauplätzen stellen sich Euch deutlich mehr Wachen in den Weg als in der Stadt. Im Nahkampf hat Garrett gegen die Soldaten keine Chance. Haltet Euch im Schatten, lenkt die Schergen mit Flaschenwürfen auf eine falsche Fährte und passt auf, dass Ihr beim Schleichen über Glasscherben und harte Untergründe nicht zu viele Geräusche macht! Eure Feinde sind nicht gerade die klügsten und brauchen eine Weile, bis sie Euch erspähen. Wer aber nicht flux verschwindet, sobald sie Jagd auf den Dieb machen, sieht gegen Klauen, Bolzen und Schwerter kein Land und schnell den Game-Over-Bildschirm. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad speichert Ihr aber jederzeit und startet genau am gesicherten Ort, Fehler sind fix ausgebügelt.
Die Schattenseite
Spielerisch überzeugt Thief durch spannende Schleicheinlagen und unterhaltsame Nebencharaktere. Auf der technischen Seite brilliert Garretts Abenteuer aber nicht. Hauptcharaktermodelle, Stadtlayout und Animationen gehen zwar in Ordnung und die Lichteffekte von Fackeln und Scheinwerfern sind sehr gut. Dafür stellen sich die Texturen erst spät scharf, Passanten sehen katastrophal aus und die Bildrate gerät auch auf PS4 und Xbox One mal mehr (in den Zwischensequenzen), mal weniger (im Spiel) ins Stocken. Auch bei den toll englisch und deutsch synchronisierten und teils lustigen Gesprächen zwischen Wachen und Stadtbewohnern gibt es Fehler: Manchmal wird ein Satz wie bei einer hängenden Schallplatte andauernd wiederholt, mal setzt ein unpassender Halleffekt ein und oft hört Ihr sprechende Soldaten, die durch Hauswände von Euch getrennt sind, als ob sie neben Euch stünden. Zudem stürzte die fertige PlayStation-4-Version vor Release einige Male ab und zerstörte dabei einmal den Speicherstand. Square Enix verspricht zur Veröffentlichung einen Day-1-Patch, der diese Probleme beheben soll.
Zu den Versionen für PS3 und 360 können wir Euch mangels Testmuster noch nichts sagen. Im Next-Gen-Vergleich gewinnt aber schonmal die PS4 mit etwas schärferen Texturen und einer geschmeidigeren (und trotzdem nicht durchgängig flüssigen) Bildrate. Kinect nutzt Ihr optional zum Sprinten und Beobachten, außerdem lenkt Ihr per Mikrofon Feinde ab. Auf dem Touchpad des PS4-Controllers liegt auf Wunsch das Inventar. Die Bedienung ist aber deutlich umständlicher als mit dem normalen Kreismenü, deaktiviert sie einfach! Die Lichtleiste am Controller zeigt Euch, ob Garrett im Licht steht, aber wenn sich Euer Controller nicht ärgerlicherweise im Fernseher spiegelt, bekommt Ihr davon sowieso nichts mit.
Tobias Kujawa meint: Mehrere Lösungswege, kleine Sandbox-Areale und Schleich-Fokussierung? Ich liebe solche Spiele! Thief macht viel richtig, auch wenn es Fans der alten Teile durch seine stärkere führende Hand verprellen wird. Im Vergleich mit einem Hitman oder Dishonored zieht Garretts Abenteuer trotzdem den kürzeren. Denn in puncto Abwechslung und Freiheit haben sie die Nase vorn. Garrett muss schleichen, Aggressivität hat kaum Aussichten auf Erfolg. Dazu sind die Kletterfähigkeiten des Meisterdiebs begrenzt und er kann weder betäubte Feinde in Schränken verstecken, noch sich verkleiden. Manch einer mag sein Fähigkeiten-Repertoire sogar für eintönig halten, mir macht jede kleine Nebenquest trotz eingeschränkter Handlungsmöglichkeiten Spaß. Nur als das Spiel meinen Speicherstand nach 13 Stunden fraß, vergaß ich mich mal kurz. Hardcore-Fans der alten Teile werden sicher meckern, weil in den späteren Hauptmissionen weniger das Stehlen als vielmehr das Aufklären der Geschichte im Vordergrund steht und es eine Fokus-Option gibt, die Rätsel obsolet macht. Aber auf die Spezialsicht kann man auch einfach verzichten, das komplette Spiel kann ohne bestritten werden. Dann braucht man für manipulierbare Objekte in der grau-braunen Welt zwar ein gutes Auge. Gestört hat mich das aber nicht.
- drei Herausforderungsmodi auf zwei Karten mit Bestenlisten, die dritte muss zum Wucherpreis von 5 Euro gekauft werden
- Weiterspielen nach Kampagnenende möglich
- optionale Touchpad- und Kinectfunktionen
- 8-10 Stunden Storymissionen + jede Menge Nebenquests
Ein diebisches Vergnügen: Garretts neues Abenteuer punktet mit Atmosphäre und variablen Schleicheinlagen, die Technik ist nur okay.
| Singleplayer |  | 81 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |