The Kobo-Kojima Book Club

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  • #1663454
    NikeXNikeX
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    Profi (Level 3)

    Overhead the albatross
    Hangs motionless upon the air
    And deep beneath the rolling waves
    In labyrinths of coral caves
    An echo of a distant time
    Comes willowing across the sand
    And everything is green and submarine
    And no one called us to the land
    And no one knows the where’s or why’s
    Something stirs and something tries
    Starts to climb toward the light
    Strangers passing in the street
    By chance two separate glances meet
    And I am you and what I see is me
    And do I take you by the hand
    And lead you through the land
    And help me understand
    The best I can

    Zitat: Echoes, Pink Floyd, 1971
    (genannt in “Die Känguruhhefte“, von Kobo Abe, 1991)

    Oe über Abe

    Ist es on topic, ist es off topic? I don’t know. Aber es ist Zeit, sich mit einer der Hauptquellen der Inspiration von Herrn Kojima auseinanderzusetzen. Dessen Werke wurden wie Kobo Abes Werke auch, kritisiert, sie waren seinerzeit umstritten. Wer schon Kojimas Stories bizarr und schwer verdaulich fand, der sollte jetzt seinen Sicherheitsgurt anlegen!
    Die Werke von Kobo Abe.
    Ich werde mich sehr kurz fassen, aber auch Bezug zu Death Stranding nehmen, wo es Sinn macht.

    Um was gehts?
    Kobo Abe ist eine heitere Version von Kafka, aber gegen Ende seines Lebens düsterer wirkend.
    Ironie ist oft zu finden.
    Sprach- und Strukturspiele sind zu finden.
    Menschen wechseln ihre Aggregatzustände, werden bspw. zu Objekten, oder werden flüssig (!).
    Übergänge vom Organischen ins Anorganische (Death Stranding).
    Er war auch Fotograf, Theater- und Filmregisseur, und Erfinder.
    Ihm ging es um die Entfremdung des Menschen in einer von seelenlosen (Death Stranding), anonymen Mächten beherrschten Welt.
    Er schrieb Dramen, Essays (auch über Hitler), Theaterstücke und Romane.

    #1663455
    NikeXNikeX
    Teilnehmer
    Profi (Level 3)

    Die Känguruhhefte, 1991

    Abe - Känguruhhefte

    An anderer Stelle hatte ich das Buch schon einmal rezensiert. Und quote mich selbst. Es war sein letzter fertig gestellter Roman. Ein bizarres, alptraumhaftes Werk, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Sein letztes Buch, “Der fliegende Mann” wurde nie beendet. Ein bisschen wie “Das Schloss” von Kafka.

    Der Roman beginnt mit dem Mann, Name wird nicht genannt, aus dessen Beinen Kresse wächst, und welche ihn fortan “begleitet”. So springt und hüpft die Geschichte Känguruhgleich durch verschiedene Orte, Zeiten und Zustände.
    Der Mann ist beunruhigt, wird allem Anschein nach operiert, wird samt (!) Krankenhausbett entlassen, das er fortan per Gedankenkraft durch alle Zonen steuert.

    Nie ist er sich gewiss, was Realität, was Traum ist, oder sogar Jenseits (Death Stranding), auch fragt er sich diese Frage kaum. Kommt es zu einer Frage, verschwindet sie, oder es kommen ablenkende, verworrene, traumgleiche Antworten der Diskussionspartner. Sich nicht mal sicher zu sein, ob einer noch lebt, geht es noch ungewisser?

    Kalt wird alles abgehandelt, für ein Nachsinnen bleibt kaum Zeit, immer wieder wird er mit neuen Absurditäten konfrontiert, teils aus seiner eigenen Anamnese. Und stets ist das Gefühl des morgendlichen Daliegens beim Leser vorhanden: Man ist nicht im Tiefschlaf, aber auch nicht wach, das Buch lullt einen ein. Nur ein dunkler Nebel hüllt alles ein, ein Geschmack von Tod zwischen den Zeilen.

    Bei Abe wird das Unglaubliche meisterlich verwoben, so dass der Leser nur noch mit dem Kopf nicken möchte und sich denkt “Ja, könnte so sein.” Abe befasst sich wie schon in “Schachtelmann” mit dem Thema Euthanasie. Spätestens bei der Erwähnung (samt Anzeige!) der japanischen Gesellschaft zur Erforschung neuer Verkehrssysteme, um die Bevölkerung per Unfälle zu reduzieren, macht sich mörderischer Sarkasmus breit (s. Vergl. zu Crash unten).
    Der Tod – ein weiterer Bekannter seiner Werke. Die Reise verläuft mit einer harten Erbarmungslosigkeit. Immer wieder klingen in Gesprächen die Selbstverständlichkeiten durch, dass das alles eben so sein müsse. Die Sprache ist einfach, Fremdwörter werden aber dennoch benutzt.
    Der Protagonist scheint alles über sich ergehen zu lassen. Weitere Orte sind unter anderem die “Kinderhölle” (!), ein Krankenhaus, oder ein Kaufhaus.
    Er hat es mit Bomben zu tun, die aus den Geschlechtsteilen von weiblichen und männlichen Tintenfischen gebaut werden (!), und dazu läuft Pink Floyd’s Echoes
    .
    Alles was der Protagonist noch weiß, aus seinem “Leben”; an was er sich aus seiner Vergangenheit erinnert, wird unmittelbar Realität, aber in anderen Zuständen, in anderen Hüllen. Z.B. die Sprenklerdüse, die ihn an das Gesichts des Vaters erinnert. Alles nur ein Traum? Oder, besteht ein Unterschied zwischen Traum und Realität? Gibt es vielleicht doch einen Ausweg? Das mag eine der Hauptfragen sein; weitere Motive: Verlust des Ichs / Kontrolle, der Zeiten. Das Ende kommt, und zwar traumatisierend. für den Mann, als auch den Leser. Wird wohl eine Inspiration für Akira Yamaokas Silent Hill gewesen sein.
    Abes Werk und Schaffen – zu unrecht unpopulär, vielleicht braucht es noch mehr Jahre oder gar Jahrzehnte, bis die literarische Welt begreift, was für ein Pionier Abe war und ist. Die Känguruhhefte sind das Paradebeispiel hierfür.

    Vielleicht ist es gerade die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, in der sich die japanische Literatur wieder aufbaute, welche so viel Möglichkeiten zur Inspiration gab, wie sie auch für Abe wichtig war. Ich besitze alle ins Englische / Deutsche übersetzte Werke, doch “Die Känguruhhefte” sind die Essenz von Abes Werken. Wir finden hier die Krankenschwester wieder, den Arzt, als auch die Schachtel / Karton (Metal Gear Solid) – alles Altbekannte aus Abes früheren 70er Jahre Werken, wie “Secret Rendezsvous” oder “Der Schachtelmann”. Es sind nicht nur Inspirationen aus Kafkas Werken, sondern auch z.B. von Ballards Crash (Vergl. Känguruhhefte S. 119 und die “area” Ausgabe von Ballards “Crash” S. 84) zu finden.

    #1663457
    NikeXNikeX
    Teilnehmer
    Profi (Level 3)

    Und das steht noch bevor! Plus zwei Fachbücher zu Essays und Theater! Jeden Tag neu. Schalten Sie auch morgen wieder ein.

    Kobo Abe Overview

    Bis dahin, dieser Link: https://medium.com/@108/nawa-the-rope-by-kobo-abe-19db9afa6dd3

    #1663466
    ghostdog83ghostdog83
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    Epic MAN!AC

    Schalten Sie auch morgen wieder ein.

    Ich bin dabei. 🙂

    Planet or Plastic? https://www.nationalgeographic.de/supporter

    #1663507
    NikeXNikeX
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    Profi (Level 3)

    Wir haben einen Leser? Willkommen.
    Erwähnte ich schon, dass Kobo Abe Arzt war, aber nie also solcher praktizierte? Echt jetzt!
    Und dass die Krankenschwester in Känguruhhefte ständig Blut abnehmen will, für die Dracula Medallie?

    Passend dazu die Nummer Zwei (und darunter die Nummer3):

    Secret Rendezvous - Kobo Abe

    Wenn ich den Umgang mit den BB in Death Stranding so sehe, denke ich an den Satz, der über dem Eingang des Kobo Abe Theaters in den 70er Jahren stand:

    Love for the weak always includes a certain murderous intent.
    Kobo Abe.

    Secret Rendezvous – nie deutsch übersetzt, 1977
    im japanischen “Mikkai” (heimliiche Begegnung)

    Ein Krankenwagen kommt, holt die Frau des Mannes daheim ab. Gerufen hat den Krankenwagen niemand. Er sucht nach ihr. In einem monströsen, abartigen Krankenhauskomplex. Es ist nicht klar, wo es beginnt, wo es endet. Ist alles das Krankenhaus? Jeder ist potentiell krank.
    Über die Fortschritte berichtet er einem Arzt. Dieser Arzt hat sich umoperieren lassen: Oben Mensch unten Pferd. Damit er zwei… ihr wisst schon was hat. Für den alljährlichen Orgasmuswettbewerb.
    Das Buch wechselt die Erzählperspektive: Ich und dritte Person – andauernd. Ob er seine Frau findet? Ich verrate nichts. Immer wieder tauchen Karateschläger auf, und ein Mädchen, dessen Körper sich verformt, weil sich die Knochen auflösen. Ihre Mutter hat sich Stück für Stück in Baumwolle verwandelt, und wurde zur Steppdecke verarbeitet, damit sie bei ihrer Tochter sein kann. Auch der Arzt hat es auf das Mädchen abgesehen.
    Ein totalitäres, jeden überwachendes Gesundheitssystem, das Abe da persifliert, er kennt es zumindest selbst persönlich.
    Im Buch erzählt der Arzt auch, dass Menschen aus Sicht der Ärzte keine Lebewesen mehr seien, sondern lebende Wunden, die nur noch versorgt werden. Mit so einer Sicht ist alles möglich.
    Der Mann irrt umher, und es nimmt kein Ende, kein Ausweg mehr.
    Trotz allem Überdrehten endet das Buch grausam, wie ich finde. Aber auch ironisch.

    Und bevor jemand die Baumwolle Krankheit belächelt. Es gibt sie wirklich: “Watafuki”:
    Stärke / Zellulose tritt aus, in verschiedenen Farben: https://www.semanticscholar.org/paper/%22Mammalian-cellulose-disease%22-(%22Watafuki%22-specific-Toriumi-Shirasawa/72f525bcc9be52ae57da25776048fcf0f8b97e66

    Und weil das recht kurz war, nun die Nummer 3:

    #1663508
    NikeXNikeX
    Teilnehmer
    Profi (Level 3)

    Der Mann, der zum Stock wurde, 1957

    Der Mann, der zum Stock wurde, 1957

    Enthalten: Drei Theaterstücke, die es wert sind dass sich endlich jemand erbarmt, diese aufzuführen. Abe hatte selbst ein Theater, lehrte Schauspieler nach seiner Neutral Position / Rubber Man Übung zu arbeiten. Später mehr dazu. Bitte vergebt mir, wenn ich da etwas weit aushole.

    Hier spielt Abe seine Asse aus: Objekt, Subjekt, Transformationen.

    I. “Der Koffer”: Gleich zu Beginn gibts eine kurze Ode an die Mona Lisa, denn ihr Lächeln überdauere rostfrei jeden Kriegspanzer. Dann die Szene: In einem Zimmer sitzen sich lächelnd Frau und Freundin gegenüber. Das kann man sich gut vorstellen, und wirkt irgendwie unheimlich. So rätseln Frau und Freundin über den Inhalt eines Koffers (Schrödingers Katze?) – wobei das Objekt “Koffer” auf der Bühne durch ein Subjekt “Mann” dargestellt wird. Ähnlich zu Stanislaw Lems “Solaris” – wo das Subjekt “Ozean” nicht erwiesenermaßen ein Lebewesen, oder gar ein Subjekt ist, bzw. die Idee des Künstlers Mark Manders mit seinem “Selbstportrait als Gebäude” (Documenta XI / Kassel). Der Koffer gibt Geräusche von sich, die Damen rätseln weiter über seine Bestimmung und Inhalt.

    Die Geräusche intensivieren sich, mal sind Börsenachrichten aus dem Inneren des Mannes / Koffers zu hören, mal Bohr- mal Insektengeräusche. Der Koffer stammt von ihrem Mann, die Frau traut sich nicht ihn zu öfnen, die Freundin will sie ermutigen, soweit so klassisch. Ich halte es da eher mit der Virtualität: Was denken die Frauen, wenn sie spekulieren, aufgrund von Mutmaßungen über die Signale. Doch hineinzuschauen trauen sie sich nicht zu. Ein Hauch von Quantenphysik. Die Diaologe verlaufen in Missverständnissen, Vorwürfen, z.B. wirft die Freundin der Frau vor, sie habe sich verändert.

    Ich denke, ich weiß nicht, was etwas ist, so lange ich nicht zu seinem Inneren vordringen kann, und sei es von außen auch noch so erkenntlich; in diesem Fall ein Koffer. Die Frau beklagt sich darüber, dass sie mit diesem Ding zusammenleben müsse. Spätestens hier weiß ich nicht mehr, ob sie tatsächlich nicht ihren Mann meint. Sie vermuten sogar die Ahnen, Vorfahren des Ehemannes als Inhalt. Machen sich darüber lustig. Was vorher nur Börsennachrichten und andere Signale aus dem Mannkoffer waren, sind später konkrete Aussagen im Ich-Stil. Aber was nützt es, wenn Signale von der Frau nur als Geräusche aufgenommen werden. Der Mann spricht also, aber die Frau will hineinsehen, dabei ist das Sprechen doch Spiegel des Inneren. Im Theaterstil wird beschrieben, wie sich der Mann als Koffer zu verhalten hat, so dass man sich die Visualisierung auf der Bühne vorstellen kann, was einen unweigerlich fasziniert.

    Am Schluss ist der Koffer zwar sprechend, aber dennoch nur ein Reisekoffer, da er sich selbst als solcher betitelt (das erinnert an den Stock aus Stück 3 unten). Die Frau will den Koffer der Freundin aufdrängen. Es ist aber, so wird am Ende klar, nicht nur das Schloss des Koffers, sondern ihr eigenes, das ihr (der Frau) im Wege steht. Das Schloss des Mannkoffers springt auf, man ist gespannt, doch die Frau verabschiedet gekränkt ihre Freundin, und schlägt den Koffer wieder zu. Sie bestellt Nudeln per Telefon, überbackene. Herrlich zynischer Humor. Nice!

    II. “Die Zeitklippe”: Beschrieben wird ein Monolog eines Boxers, sowie eine weitere Stimme, die zum Boxer spricht. Das Ganze findet während eines Boxkampfes statt, und ist für mich ein ganz außergewöhnliches Beispiel für Virtualität. Die Gedankengänge und Sprache gehen 10 Seiten lang, aber die tatsächliche Zeit (daher auch der Titel “Zeitklippe”) ist erstaunlich kurz. Sie findet in zwei Etappen statt: Kurz vor dem Kampf, und kurz vor dem Knockout des Akteurs. Immer wieder die Fragen des Boxers, wie spät es sei, was er tun müsse, um es dem Gegner zu zeigen. Er verirrt sich in Beschreibungen, Überheblichkeiten. Hier ein Jab, da einen Upper, dort Body-blows. Kurz vor Ende werden sogar verbleibende Minuten und Sekunden angegeben. Halluzinationen nach dem Knockout, er versichert sich, er habe noch Zeit, der Ringrichter hat schließlich gerade mal bis Vier gezählt. Das veranschaulicht die Virtualität im Kopfe, innere und äußere Situation passen nicht mehr zusammen. Am Ende bleibt er liegen, fleht um Hilfe.

    III. “Der Mann, der zum Stock wurde”: Ein Stock fällt zu Boden, dargestellt wie in “Der Koffer”, von einem Mann. Er ist der Vater eines Sohnes, der jetzt oben, auf dem Kaufhaus steht, und nach seinem jetzt transformierten (Kafka “Die Verwandlung) Vater ruft. Das ruft zwei Inspektoren der Unterwelt auf den Plan, die treffen aber auf Den Verrückten und Die Verrückte, welche den Stock inzwischen zu sich genommen haben. Für die Inspektoren gehört das Sicherstellen und Dokumentieren von Menschen die zu Stöcken wurden, zum Dienst. Die Verrückten wollen den Stock zunächst nicht an die Beiden herausrücken, verkaufen ihn aber auf ein verlockendes Yenhaltiges Angebot. Der Stock indessen hört alles mit, spricht auch, wird aber von den anderen, wie auch vom Sohn nicht gehört (Vergl. I – Der Koffer). Dazwischen immer wieder eingespielter Verkehrslärm. Nach Erhalt rufen die Inspektoren das Zentralbüro an, geben die Quadranten durch, und beschließen, den Stock stecken zulassen.

    Er ist schon schmutzig “oben” herum, wurde im Laufe seines vorherigen Lebens als Mann stark abgenutzt. Menschen sind nur Werkzeuge, wie dieser Stock, leben so ihr Leben, werden also zum Stock. Eine typische Allegorie von Kobo Abe. Auch Selbstzufriedenheit spielt eine wichtige Rolle, selbstzufrieden wie ein Stock. dann wirft der Inspektor die Frage auf, ob alles überhaupt wirklich wäre, oder nur ein Traum. Der Stock war auch schon vorher ein “Stock” (Mann) /Koffer, so das Resümee der beiden. Die Verrückten haben nicht den Stock verkauft, sondern sich selbst. Am Ende weist der Mann / Stock ins Publikum und beschreibt alle Zuschauer als Stöcke. Und obwohl alle Zuschauer ja Menschen sind, sind sie Stöcke, und der Mann ist nicht allein (vergl. “Der Koffer”).

    Es genügt nicht, dies zu lesen, es zu beschreiben, das Abe Theaterstück hätte man sehen müssen. So lässt sich die verwirrende, entführende Wirkung über Wahrnehmungen, Identitätsverlust, Kritik, Transformationen nur erahnen. Abe schafft ausserdem die Brücken zwischen Überlegungen, die gleichzeitig absurd, aber doch nachvollziehbar sind.

    Und Kojima vergleicht ja Stöcke und Seile im Namen Abes mit Verbinden und Zurückweisen / Verteidigen / Angreifen.

    Wir lesen uns!

    #1663607
    NikeXNikeX
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    Profi (Level 3)

    Für die Nachwelt, die sich hier rein verirrt: Heute im Angebot “Der Schachtelmann” von 1973

    Der Schachtelmann - Kobo Abe

    Mit dabei auch wieder: Arzt und Krankenschwester.
    Und der Schachtelmann, sowie der “Pseudo-Schachtelmann” (!)

    Der Roman, der den Leser gehörig an der Nase herumführt, beginnt mit einem fiktiven Zeitungsartikel, und auf Seite 2 ist die Bastelanleitung zum Bau einer Schachtel. Karton, Folie, Klebeband, und einige Dinge mehr, die es braucht.

    Wofür?

    Na, zum Bau einer Schachtel!
    Wirf alles weg: Arbeit, Beziehungen, Beruf, die Wohnung. Und dann setz dich in eine Schachtel, ja, bis zu den Hüften. Aus dieser Perspektive sieht alles anders aus.
    Nicht wahr, Solid Snake?

    Die Menschen werden zu Beinen. Jemand will dir deine Schachtel abkaufen; die Beine der Käuferin gehören einer Krankenschwester, welche mit dem Arzt am Rande der Stadt zusammenwohnt. Dann taucht ein zweiter Schachtelmann auf (oder doch nicht?). Du, der Pseudoschachtelmann und der Arzt.
    Irrwege durch Gassen, Erzählungen und Abhandlungen (u.a. auch über Euthanasie). Dazwischen Schwarzweiß-Fotos von Abe selbst, und Eidesstattliche Erklärungen… immer wieder neu angefangen, nie beendet.
    Zum Lachen auch der Traum des Schachtelmannes, wo sein Vater Chopin als Pferd den Wagen zur Hochzeit zieht, und der Schachtelmann vor der Braut urinieren muss, und sie somit verliert.
    Er malt lieber Briefmarken und wird zum größten Briefmarkenfälscher der Welt. Sein Vater derweil selbst in einer Schachtel, schaut aus dem Schlitz vorne raus, eine Inspiration für das Ende der Känguruhhefte (?). Briefkästen in Japan sollten daran heute erinnern.

    Mehrere Personen (?), Schachteln und Erzählungen. Ein Irrgarten namens Schachtel, in einem Irrgarten namens Stadt. Nimm deinen eigenen Plan mit, Leser…

    In der Schachtel werden Linien, Verbindungen gezogen, die die Wege nachzeichnen, die so einer nun mal gehen muss. Ich empfehle jedem, dieses Buch zu lesen und ihnen zu folgen.

    Totaler Ausstieg aus der Gesellschaft. Und wer achtet schon auf die, die Pappe als Decke zum Schlafen nehmen. Die uns mit ihrer Anwesenheit stören.
    Er verfolgt die Krankenschwester, und dannn…

    Zum Schluss die Sirene eines Krankenwagens.
    Daran knüpft “Secret Rendezvous” an.

    Warum die Wasserzeichen auf den Fotos, fragt ihr? Ihr Unwissenden! Weil ich keine copyright / stock photos nehme, sondern meine.

    #1664332
    NikeXNikeX
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    Profi (Level 3)

    Nachdem wir eins drüber versucht haben, die Inspiration für die GDs in Death Stranding zu finden, widmen wir uns doch direkt mal einer Person aus dem Spiel. Das geht nur, wenn Spoiler verwendet werden.

    Sein Name: Heartman Spoilerbeschreibung hier: https://deathstranding.fandom.com/wiki/Heartman

    Weiter oben findet sich der Roman “Secret Rendezvous”, wo auf Seite 128 der unheilbare Patient als IDEALER Patient beschrieben wird. In einem entsprechenden Gesundheitssystem, das auf solche Klienten angewiesen ist.

    Und auf Heartman bezogen, auf Seite 57 bis 58 folgender Patient: Ein Mann wartete an der Bushaltestelle, als von links und rechts zwei LKWs auftauchen, und ein Mädchen auf der Mittellinie, das Fahrrad fährt, und er in der Tasche des Mädchens rohe Eier sieht. Das Mädchen muss ausweichen, und die Ladung fällt runter. In der Vorstellung des Mannes wird das Mädchen zerquetscht, obwohl diesem nichts passiert war, und die Eier in Wirklichkeit Ping Pong Bälle waren.

    Der Mann bekommt aber einen Schock, als er die vermeintliche Sauerei sieht, und wird ohnmächtig.
    Krankenwagen kommt, Er kommt ins Krankenhaus, weil er aus der Sicht anderer aus dem Nichts ohnmächtig wurde. Jede Abteilung will ihn für sich haben, denn alles könnte die Ursache sein.
    Die Papiere wurden nicht fertig, weil die Diagnose nicht fertig wurde. Der Mann fängt wieder an zu atmen, und wird wieder entlassen. Kurz danach stirbt er wieder. Alle vier, fünf Tage stirbt er wieder, wird vorgestellt, kommt zu sich, stirbt wieder, usw…

    Wer Heartman kennenlernte, der sieht Parallelen.
    Vielen Dank, bis nächstes Mal.

    #1664333
    NikeXNikeX
    Teilnehmer
    Profi (Level 3)

    Eines noch: David Cronenbergs Dead Ringers (Die Unzertrennlichen) zeigte Gynäkologen / Ärzte, die komplett in ROT gekleidet waren, sogar der Mundschutz. Äusserst bizarr. Des Covers wegen ein amazon link: https://www.amazon.de/Die-Unzertrennlichen-Ringers-Special-Blu-ray/dp/B07DXQ4QWF/ref=sr_1_1?keywords=dead+ringers

    Zu Beginn von Death Stranding finden wir genau dies wieder: Komplett ROT gekleidete Ärtze und OP Personal. Schaut selbst: https://www.youtube.com/watch?v=TaJlzbb2Itg&t=4202 (korrekter Timecode ist drin)

    #1664772
    NikeXNikeX
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    Profi (Level 3)

    Teer spielt eine große Rolle in Death Stranding.
    Und ich glaube, Kojima ließ sich von Shinichi Hoshi‘s Kurzgeschichte “Hallo komm raus!” inspirieren (Oi, dete kôi).
    http://www.isfdb.org/cgi-bin/pl.cgi?384707
    Die Idee findet sich u.a. in einer internen E-Mail im Spiel.

    #1664774
    NikeXNikeX
    Teilnehmer
    Profi (Level 3)

    Leider kann ich den editierten Odradek – Kafka – Fred – Beitrag nicht mehr posten.
    Der Himmel weiß warum.

    edit: Na dann halt so:

    Odradek ist das lebenswichtige Instrument zum Aufspüren von GDs in Death Stranding: https://deathstranding.fandom.com/wiki/Odradek

    Das Odradek erfand Franz Kafka: https://www.zeit.de/1966/11/das-verfitzte-ding-odradek/seite-4

    Und die Nabelschnur der GDs ist laut interner E-Mail vergleichbar mit dem Garn , welcher das Spiel eines Jungen bestimmten, den Sigmund Freud beobachtete: https://literaturkritik.de/id/22489

    #1665605
    NikeXNikeX
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    Liebe Oberstudienräte und Zirkusliliputaner, heute im Literaturclub: Die vierte Zwischeneiszeit.

    Kobo Abe - Die vierte Zwischeneiszeit

    Ist es Science Fiction? Ist es ein Detektivroman? Ein Krimi?
    Ja, alles.

    Japan, irgendein Forschungsinstitut, eine Zeitmaschine.

    Es beginnt mit dem Versuch, die Zukunft vorauszusagen, und endet im Versuch Lebewesen für eben diese umzugestalten.

    Wenn es die Maschine so sagt, muss es a) so geschehen, b) Hindernisse entfernt werden.

    Doch schnell wird klar, dass diese Maschine nur in einem eng begrenzten Rahmen die Zukunft voraussagen darf.
    Man sucht sich ein menschliches Exemplar, möglichst unscheinbar. Doch wo beginnt die Maschine und wo die Zukunft? Eine geniale Fragestellung!
    Welche Auswirkungen haben die Faktoren, welche sich allein schon durch die Forschung ergeben?

    Schließlich entdeckt der Forscher / Mann eine furchtbare Wahrheit und Auswirkungen geheimer Mächte. Welche Rolle spielt er, welche die Maschine und welche die Zukunft?
    Die vierte Zwischeneiszeit erinnert an die Erzählung “Menschengleich” aus “Die Erfindung des R62” (siehe unten), wirkt aber befriedigender und direkter, zeitgleich mit der eingewebten Kriminal- und Detektivgeschichte.
    Wieder einmal ist Kobo Abes Geschick und Netzwerk erstaunlich realistisch und gleichzeitig absurd.

    Das Ende zynisch, bedrohlich. Und nie ist die groteske Wendung im Buch zu erahnen. Das ist der typische Weg des japanischen Literaten.

    #1665607
    NikeXNikeX
    Teilnehmer
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    Oben angeschnitten, jetzt aufgeschlagen: Die Erfindung des R62.

    Kobo Abe - DIe Erfindung de R62

    Vier Erzählungen sind enthalten: Grob Science Fiction, Fantastische Literatur.

    I) R62 ist der endgültige, kybernetische Prototyp des japanischen R-Clubs. Der Prototyp ist ein ehemaliger Selbstmörder, der nach seinem Suizid formal nun nicht mehr lebt, und in den Besitz eines Konzerns übergeht. Alles wird zu Ware. Hoffnung wird in diesen gesteckt. R62 entwickelt im Auftrag des Konzerns eines Maschine, welche am Ende der ersten Erzählung ihre schreckliche Funktionsweise offenbart. Ich muss sagen, sehr blutrünstig,

    II) Das Ei aus Blei bringt einen Menschen 800.000 Jahre in die Zukunft, wo die endgültig arbeitslose Menschheit eine absurde Transformation durchgemacht hat, und das Wort “Essen” ein Tabuwort ist. Am Ende zeigt sich ihm das wahre Geheimnis dieser neuen Zivilisation. Wir werden darauf noch zurückkommen, durch Dantes Göttliche Komödie, und dem siebten Kreis der Hölle, bezogen auf Kobo Abe’s genialem “Dendrocacalia” in “Beyond the Curve”.

    III) Die Biographie einer Nixe beschreibt die Begegnung eines Mannes mit einer Meerjungfrau, während eines Tauchganges. Fasziniert und verliebt setzt er alle Hebel in Bewegung, diese “Frau” noch mehr kennen zulernen. Nach und Nach lernt er jedoch die wahre, schreckliche Natur dieses Wesens kennen und kennt nur noch einen Ausweg.
    Glaubt mir, Meerjungfrauen habt ihr noch nie so kennen gelernt!

    IV) Menschengleich – schlägt ein unbekannter Vertreter einem Radiosprecher vor, Menschengleich könne er seine Geschichte nennen, aber das sei nur eines der vielen unglaublich-verrückten Angebote, welcher der Unbekannte mitgebracht hat. Der Radiosprecher wird in seinem Arbeitszimmer von dem Unbekannten immer mehr in eine Welt der irrsinnigen Möglichkeiten, Sackgassen und Nebenstraßen geführt, die ihn immer mehr entführen. Was ist echt, was psychotisch? Am Ende muss er sich verantworten.

    Alle Stories hinterlassen Überraschung, aber auch ein Unbehagen.

    1 Benutzer dankte dem Autor für diesen Beitrag.
    #1665608
    NikeXNikeX
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    Übrigens: Abe sagt hier, in einem Interview aus den 70ern, kein japanischer Autor habe ihn inspiriert: https://www.nytimes.com/1979/04/29/archives/japans-kafka-goes-on-the-road-kobo-abe-the-celebrated-surrealist.html

    Das kann Kojima nicht behaupten!

    #1665762
    NikeXNikeX
    Teilnehmer
    Profi (Level 3)

    Hideo Kojima als Voice Over in CONTROL:

    Hideo Kojima in Person @ Remedy:

    Beide Spiele ähneln sich.
    > Die internen E-Mails in Death Stranding.
    > Das Gleiche in CONTROL.

    > Das Verbot moderner Technik im Ältesten Haus in CONTROL
    > Unmöglichkeit von Drohnen, Helis und Flugzeuge in Death Stranding.

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