
(Ursprünglich erschien dieser Artikel in der M! 01/13)
GTA V hat die Diskussion um Gewalt in Videospielen neu entfacht. Beeinflussen virtuelle Gräueltaten den Spieler? Ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand, Streitpunkte und die fortschreitende Akzeptanz virtueller erwachsener Inhalte.
Astronomische Verkaufszahlen, Höchstwertungen, Lobhudeleien weit über die Fachpresse hinaus – Grand Theft Auto V bricht alle Rekorde, die in der Videospielebranche zu erreichen sind. Und es sorgt für Zündstoff und Reaktionen von Parteien, die sich normalerweise von Daddelthemen fernhalten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Freedom from Torture laufen Sturm gegen Rockstars gigantisches Softwarepaket. Der Stein des Anstoßes: eine Foltersequenz. Um aus einem Informanten Standort und Aussehen einer Zielperson herauszubekommen, muss der Spieler dem wehrlosen Mann Gewalt antun. Auf einer Werkbank liegen Wasserkanister, Autobatterie, Kneifzange und eine schwere Rohrzange bereit. Dann liegt es am Spieler, ob er dem um Gnade flehenden Mann mit roher Gewalt Zähne zieht, ihn mit Elektroschocks malträtiert, seine Knochen mit der Rohrzange bearbeitet oder ihn dem gefürchteten Waterboarding unterzieht. Mehrere dieser Behandlungen sind nötig, um die Mission abzuschließen und der Story weiter folgen zu können.
Dass der Spieler dem Mann anschließend hilft, zu fliehen, und mit ihm im Auto über die Sinnlosigkeit der Folter diskutiert, erscheint wie ein notdürftiges Feigenblatt, um die Grausamkeiten zu rechtfertigen. Sarkasmus und augenzwinkernde Gesellschaftskritik machen die GTA-Serie aus. Aber musste man wirklich so weit gehen? Daran scheiden sich die Geister: Die einen zucken ungerührt die Schulter, für sie gibt es keinen Unterschied, ob sie den Mann foltern oder in Call of Duty Feinde über den Haufen schießen. Es sind schließlich nur Pixel, keine Lebewesen. Für andere hat Rockstar mit dieser Szene eine Grenze übertreten, zumal sie nicht optional ist. Gewalt gegen Angreifer ist okay, gegen wehrlose Unschuldige nicht. Wieder andere setzen sich im Angesicht einer solchen Sequenz mit den Risiken für potenzielle Spieler auseinander, die vielleicht noch nicht über die Reife und Erfahrung verfügen, um das Gesehene distanziert und reflektierend zu beurteilen. Wenn Rockstar mit der kontroversen Mission nicht nur Aufmerksamkeit heischen, sondern auch eine neue Diskussion um das Thema Gewalt in Videospielen anregen wollten, ist ihnen das gelungen.
Spaß oder Mordsimulation?
Ende September forderte das Rote Kreuz in einem Interview mit der BBC, dass Kriegsverbrechen wie das Schießen auf Zivilisten auch in Videospielen mit Kriegsthematik sanktioniert werden sollten, da sie sich optisch immer weniger von der Realität unterscheiden. Der Daily Mirror titelte nach einem Amoklauf auf einer Marinebasis in Washington im September: Von Call of Duty zum Töten getrieben? Und im ARD-Tatort Freunde bis in den Tod schlussfolgern die Kommissare nach der Sichtung eines selbst programmierten Videospiels, in dessen finalem Level man aus der Ego-Perspektive in einer Schule Käfer jagt: Das Mordopfer plante einen Amoklauf!








