Wo Far Cry draufsteht, ist auch Far Cry drin. Seit Jahren vertrauen Ubisofts Entwickler auf die Mischung aus Ego-Shooter-Action, weitläufigen Naturumgebungen und unzähligen Aufgaben. Bisher waren die Szenarien aber immer im Hier und Jetzt angesiedelt, inklusive moderner Waffen, Ausrüstung und Fahrzeugen. Da kam die Ankündigung von Far Cry Primal ziemlich überraschend, denn darin macht man nicht nur einen kleinen, sondern riesigen Schritt zurück und zwar bis in die Steinzeit. Gehen mit den damit verbundenen evolutionsbedingten Einschränkungen auch spielerische Veränderungen einher?
Mammut-Aufgabe
10.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung: Nachdem bei einer verkorksten Jagd auf ein Mammut sein Stamm getötet wurde, ist Jäger Takkar auf sich allein gestellt. Doch die letzten Worte seines sterbenden Kameraden verpflichten ihn zu einer großen Aufgabe: Takkar soll das Volk der Wenja finden, vereinen und im fruchtbaren Land Oros ansiedeln. Das ist fortan Euer Job.
Allerdings lauern viele Gefahren auf Takkar. Auf Euren Streifzügen durch die offene Welt von Oros bekommt Ihr es mit der urzeitlichen Fauna zu tun: aggressive Rothunde, schnelle Panther, kräftige Bären, tödliche Säbelzahntiger und mächtige Mammuts attackieren Euch entweder überraschend oder wenn sie sich bedroht fühlen. Letzteres gilt vor allem für Wildschweine, Rehe und andere friedliche Tiere, die sich wehren, wenn Ihr ihnen zu nahe kommt. Jäger Takkar ist jedoch alles andere als hilflos: Ihr bastelt aus zahlreichen, überall verteilten Rohstoffen (Holz, Stein, Pflanzen usw.) rudimentäre Waffen wie Speere, Keulen sowie Pfeile für den Bogen. Die Herstellung gelingt über ein simples Auswahlrad via Knopfdruck. Die Haltbarkeit der Waffen ist dabei begrenzt, so dass beispielsweise Speere nach mehrmaligem Zustechen zerbrechen und nutzlos werden. Geworfen bleiben sie dagegen ebenso wie verschossene Pfeile in getroffenen Tieren stecken und können nach deren Ableben wiederverwendet werden. Die Jagd auf die tierischen Bewohner ist zwingend, da für Waffen- und Fähigkeiten-Verbesserungen etwa bestimmte Felle notwendig sind. Die Animation beim Aufsammeln von Rohstoffen oder dem Häuten der Tiere kann in den Optionen übrigens abgeschaltet werden. Damit Ihr nie die Orientierung verliert, aktiviert Ihr Takkars “Jägerauge”, das unter anderem Feinde, Sammelobjekte oder auch Pfotenabdrücke farbig hervorhebt. Takkar versteht sich ebenfalls auf den Einsatz diverser Tränke, die seine Wunden heilen oder kurzzeitig das Tempo erhöhen. Selbstverständlich kann er schwimmen und klettern, dazu setzt der Krieger an bestimmten Ankerpunkten einen Kletterhaken ein. Die Steuerung gibt sich keine Blöße, nur ab und an klappt das Aufnehmen von Objekten erst beim zweiten Versuch.
Die gesammelten Materialien benötigt Ihr aber nicht nur zur Waffen- und Tränkeherstellung, sondern auch für den Ausbau Eures Dorfes. Im Verlauf der Story rekrutiert Takkar besondere Wenja, etwa Krieger oder Schamane, für seinen Clan. Baut Ihr die Behausungen dieser Personen aus, erhaltet Ihr Zugang zu neuen Fähigkeiten und außerdem viele Erfahrungspunkte. Habt Ihr auf diesem Weg oder durch den Abschluss von Missionen genug davon gesammelt, verdient sich Takkar einen neuen Fähigkeiten-Punkt: investiert wie gewohnt in Lebensenergie, Ausdauer, Tempo und auch Crafting-Skills dann baut Ihr mit der gleichen Anzahl an Material z. B. mehr Speere. Die genannten Spezialisten stehen Pate für die Story des Spiels und versorgen Euch mit Missionen. Diese wirken jedoch weitgehend zusammenhanglos, es fehlt ein roter Faden. Zusätzlich ist die Karte übersäht mit kleinen Missionen, in denen Ihr mit Stammesgenossen auf die Jagd geht oder gefangene Wenja befreit. Diese Leute schließen sich Euch daraufhin an und lassen die Bevölkerung des Heimatdorfes stetig wachsen. Das bringt Euch unter anderem Boni in Form von Rohstoffen, die täglich in Euer Lager geschickt werden. Die Menge der Missionen ist riesig, abwechslungsreich fallen diese aber nicht aus. Ihr wiederholt viel und selbst die Hauptmissionen unterscheiden sich hinsichtlich Umfang und Anspruch kaum vom Kleinkram.
Schwing’ die Keule, ruf’ die Eule
Der urzeitliche Jäger bekommt es jedoch nicht nur mit wilden Tieren zu tun, sondern auch mit zwei verfeindeten Stämmen. Die Udam sind kantige Kannibalen und wollen das Land Oros für sich allein haben. Das Volk der Izila dagegen stellt eine fortschrittliche Kultur dar, für die die Wenja jedoch nicht mehr als Sklaven sind. Ihr trefft auf Euren Wegen immer wieder auf feindliche Patroullien oder beim Versuch, ganze Lager einzunehmen. Das funktioniert nach bekanntem Schema: Ihr greift aus der Entfernung an, schleicht hinein und meuchelt per Takedown oder geht in den Nahkampf über. Letzteres funktioniert hinsichtlich Steuerung und Kameraführung zwar ordentlich, erfordert aber wenig mehr als wildes Knöpfchendrücken. Nach erfolgreicher “Befreiung” dienen die Lager als Schnellreisepunkte innerhalb der umfangreichen Spielwelt. Außerdem legt Ihr Euch dort bis zum nächsten Morgen oder Abend aufs Ohr, da einige Aufgaben lediglich zu einer bestimmten Zeit verfügbar sind. Desweiteren habt Ihr Zugriff auf Euer Rohstofflager.
Doch Takkar muss gar nicht selbst kämpfen. Bereits früh im Spiel lernt er, Bestien zu zähmen. Was anspruchsvoll klingt, fällt in der Praxis simpel aus: Mittels Köder lockt Ihr beispielsweise einen umherlaufenden Jaguar an. Während dieser mit dem Gratis-Futter beschäftigt ist, schleicht Ihr Euch an und bändigt die Raubkatze mittels längerem Tastendruck fertig. Fortan könnt Ihr Euren animalischen Begleiter auf Feinde hetzen, später dürft Ihr sogar auf einigen großen Tieren reiten und von deren Rücken aus kämpfen. Ihr müsst jedes Wesen nur einmal zähmen, danach ruft Ihr über ein Menü den Helfer Eurer Wahl jederzeit herbei. Wird dieser verletzt oder ausgeschaltet, füttert Ihr ihn mit einem Stück Fleisch. Die verschiedenen Tierarten unterscheiden sich in Kampfkraft, Tempo und Schleich-Fähigkeit, darüber hinaus besitzen einige besondere Eigenschaften so zieht etwa ein Bär feindliche Angriffe auf sich.
Nicht freischalten müsst Ihr dagegen Takkars Eule. Mittels Druck aufs Steuerkreuz wechselt Ihr zum geflügelten Späher. Diesen steuert Ihr mit dem Analogstick durch die Lüfte und markiert bequem Gegner, später greift die Eule im Sturzflug an und werft sogar Bomben ab. Nach dem Einsatz müsst Ihr jedoch ein wenig warten, bis der gefiederte Helfer wieder bereit ist.
Grafik und Sound
Die grafische Gestaltung der verschiedenen Regionen von Oros vom gemäßigten Waldgebiet über den tropischen Dschungel bis hin zum kalten Gebirge fällt wirklich schön aus. Die Welt ist aufgrund der vielen Pflanzen und Tiere äußerst lebendig und authentisch. Insbesondere die Gestaltung der Tiere gefällt mit hübschen Details, wie etwa Narben oder strupppigem Fell. Auch die Gestaltung der Menschen stimmt, auch wenn hier immer wieder Klone auftauchen. Trotz der Fülle an Objekten und einem teils ausgezeichneten Lichtspiel ruckelt es sehr selten, auch schnelle Kameraschwenks zeigen nur unerhebliche Verzögerungen. Kantenflimmern gibt es, hält sich jedoch in Grenzen. Häufiger treten dafür Pop-ups kleinerer Büsche oder Pflanzenteile auf, was in der Bewegung jedoch nicht weiter stört. Clipping ist ein größeres Thema, denn sehr oft schieben sich Objekte ineinander. Besonders bei Kämpfen zwischen Tieren gibt es unschöne Überlappungen. Darüber hinaus wirken einige Animationen, gerade bei schnellen Wesen, abgehackt und unnatürlich. Insgesamt macht Far Cry Primal aber eine technisch sehr überzeugende Figur.
Auch akustisch gefällt das Spiel mit vielen Geräuschquellen wie menschlichen Rufen, tierischen Lauten, rauschendem Wasser oder knisterndem Feuer. Die Abmischung ist räumlich und die Effekte passend platziert das vermittelt ein gutes Mittendrin-Gefühl. Die musikalische Untermalung setzt u. a. auf Trommelrhythmen, die das Geschehen passend untermalen. Die Sprecher nehmen eine Sonderrolle ein, da sie ein an alte Sprachen angelehntes, eigens für das Spiel entwickeltes Vokabular benutzen und daher völlig unverständlich klingen. Das trägt dennoch zur richtigen Stimmung bei, zumal jedes gesprochene Wort mit Untertiteln versehen ist.
Systemvergleich: PS4 vs. XOne
Sichtbare Unerschiede bei der Auflösung gibt es nicht. Die Bildrate der Xbox One-Version ist jedoch dezent geringer als auf der PS4, was spielerisch allerdings keine Auswirkungen hat. Auf der PS4 belegt das Spiel 12,8 GB, auf der Xbox One sind es 12,4 GB Speicherplatz.
Sascha Göddenhoff meint: Bei der Ankündigung von Far Cry Primal ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Wie verträgt sich die Reduzierung auf primitive Waffen und der Verzicht auf Fahrzeuge mit dem Far Cry-Prinzip? Ich hatte Hoffnungen, die Serie auf eine neue Art zu erleben, aber daraus wurde nur bedingt etwas. Die alternative Bewaffnung und der Einsatz von Tieren geben dem Spielgefühl zwar frische Impulse, dennoch funktioniert zu viel nach bekanntem Schema. Hier ein Lager einnehmen, dort Leute befreien und zwischendurch sammeln, sammeln, sammeln das ist inzwischen einfach Routine. Doch weil das alles in einer richtig hübschen, lebendigen Welt stattfindet und sich prima spielt, hatte ich dennoch meinen Spaß mit Far Cry Primal. Außerdem kann ich hier auf einem ausgewachsenen Säbelzahntiger reiten super! Kritik übe ich an der Geschichte, denn die lose Aneinanderreihung meist unspannender Missionen konnte bei mir kaum Interesse wecken. Insgesamt bietet sich mit Far Cry Primal erneut ein gelungener Ableger, doch langsam zeigt die Reihe ähnliche Abnutzungserscheinungen wie Takkars selbstgeschnitzte Speere.
- sehr große und lebendige Spielwelt mit verschiedenen Klimazonen
- befreit Menschen, um Euren Stamm zu vergrößern
- zähmt wilde Tiere zum Kämpfen und Reiten
- sammelt Rohstoffe für den Waffen- und Siedlungsbau
- vier Schwierigkeitsgrade
Neues Zeitalter, altes Konzept: Far Cry Primal macht wenig anders, sondern bleibt dem bekannten Aufbau treu inklusive guter Spielbarkeit und vieler Wiederholungen.
| Singleplayer |  | 83 |
| Multiplayer |  |
| Grafik |  |
| Sound |  |