Der Film und Fernseh Thread

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  • #1748770
    captain carotcaptain carot
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    @Chris

    Ragnarök hatte genau da so gerade genug ernste Momente für ordentlich Drama und den deutlich besseren Schurken mit Cate Blanchetts Hela. Dazu kommen halt gewisse andere Problemzonen.

    Aktuell ist es tatsächlich so, dass mir Phase 4 in Serienform weitestgehend gut gefällt, die Filme aber eben eher schwächeln.

    War Thor 4 die von manchen dargestellte Vollkatastrophe? Ne, eher zwei Stunden solider Hirn Aus Unterhaltung. Mehr aber dann leider auch nicht.

    #1748781
    ChrisKongChrisKong
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    @Carot

    Als Nichtkenner der ganzen Comic-Storylines kann ich natürlich den Filmen ein ganzes Stück weniger abgewinnen, als wenn ich da in der Materie drin wäre. Also muss für mich der Film in seinem MCU Kontext funktionieren. In meinen Augen zerfasert das MCU dramaturgisch aber vollends, weil man immer mehr Fässer aufmacht, die sich narrativ eben nicht ergänzen, sondern eher widersprechen und für mich Fremdkörper darstellen, sollte sich mal überhaupt wieder eine Haupthandlung herauskristallisieren.

    Da haben wir die Celestials, die Feinde ausm Captain Marvel Film, in Loki die Time-Bandits usw. Das fühlt sich mMn einfach nicht mehr nach MCU an eher nach Multiverse Cinematic Universe. Das war vorher definitiv besser gelöst.

    Anstatt jetzt aber in Einzelfilmen ein wenig rumzuexperimentieren, macht man genau das irgendwie nicht oder halt eben schlecht.

    Black Widow war ein käsiges Familiendrama mit Agenten-Elementen. Thor 4 die Marvel Bill und Ted Version. Spider-Man, den man nur halb dazurechnen kann, eine Fanservice-Parade. Dr. Strange 2 eine ungruselige unlustige Horrorkomödie mit teils grottigen Effekten. Und nicht zuletzt Eternals, der wohl langweiligste DC-Film von Marvel.

    Man bietet Masse statt Klasse und so langsam macht sich das immer mehr bemerkbar. Vielleicht hätte statt Phase 4 eine kreative Pause im Kino geholfen. Obs besser wird, bleibt abzuwarten. Da man schon bis 2025 das Reissbrett voll mit Produktionen hat und so einer Gurke wie Harry Styles 100 Mio. in den Arsch geschoben hat, seh ich das weiterhin eher skeptisch. Davon ab muss sich inhaltlich was tun.

    #1748783
    captain carotcaptain carot
    Teilnehmer

    Ich bin mit den neueren Marvel Comics auch nicht firm. Iron Heart als Charakter kannte ich bis vor kurzer Zeit z.B nicht. Wird wohl ab Black Panther 2 eine Rolle spielen.

    Andere, inklusive der Celestials etwa, sind wirklich altbekannte Charaktere. Im Lauf der Zeit gab es da halt auch unzählige mal kurze und mal lange Handlungsstränge, teilweise serienübergreifend, teils halt auch nicht. Wer da bei den Comics nur bestimmte Charaktere verfolgte hatte damit aber eh keine Probleme. Chaos innerhalb einer Reihe gab es aber trotzdem immer wieder.

    Aktuell versucht man sich im MCU halt an einem teilweisen Generationswechsel. Glaube auch nicht, dass Chris Hemsworth noch allzu lange den Thor geben wird. Jünger wird er auch nicht und bei Love and Thunder hatte er wohl endgültig an Trainingsregime (und vermutlich der ‚Hilfschemie‘) zu knabbern. Bei Jeremy Renner hat man für die Serie ja ganz bewusst mit Altersproblemchen gespielt.

    Problem ist einfach, dass man hier einfach zu viele Fässer gleichzeitig aufmacht. Bei The Marvels auf geballte Frauenpower zu setzen ist z.B schön und gut, aber mit Captain Marvel, Miss Marvel und Monica Rambeau werden wir alleine dort schon drei Heldinnen haben. Die Hälfte der ursprünglichen MCU Avengers. Für die breite Masse ist es definitiv Overkill.

    Wie schon mal gesagt machen die Serien da aus meiner Sicht bisher die deutlich bessere Figur. Passt mir auch nicht wirklich, dass man die Multiversum Tür aufgestoßen hat, das lädt förmlich zu einer gewissen Konsequenzlosigkeit ein. Bleibt in gewisser Hinsicht zu hoffen, dass man sich traut, den einen oder anderen Charakter dauerhaft sterben zu lassen und das MCU gerade bei den Filmen wieder auf ein etwas gesünderes Maß runter zu dampfen.

    #1748822
    NightrainNightrain
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    Das große Problem ist beim MCU ist, dass man sich in eine Superlativ-Ecke geschrieben hat. Waren die ersten MCU Filme, wie Iron Man oder Captain America so konzipiert, dass Dinge in einem überschaubarem Rahmen passiert sind, musste man für die Crossover noch mal eine Schippe drauf legen. Dazu mussten sich Figuren auch weiterenwickeln und wurden dadurch noch mächtiger … außer Thor … 😉
    Und dann legt man beim Nachfolger halt noch einen drauf, weil es muss ja spannend bleiben. Und dann noch eine Schippe und noch eine …

    … und wie es der Captain schon sagt, Multiverse mach einfach nur alles ode und konsequenzlos. Diesen Schwachsinn zieht DC ja schon seit Jahren immer wieder durch.

    #1748838
    ChrisKongChrisKong
    Teilnehmer

    Can you ever forgive me (Disney+)

    Der Film beruht auf wahren Begebenheiten. Wie akkurat das ist, hatte ich jetzt ehrlich gesagt keine Lust zu recherchieren. Erfahrungsgemäss wird da immer stark dazugedichtet. Ist aber auch nicht weiter relevant oder für den Filmgenuss erheblich. Melissa McCarthy, die meist von ihrem Mann in Szene gesetzt wird, der hier auch eine Rolle hat, darf endlich mal zeigen, dass sie darstellerisch mehr auf der Pfanne hat als nur den dicken Trampel zu spielen. Vielleicht sollte sie sich beruflich von ihrem Mann trennen. Hier spielt sie eine fähige Autorin, die aber Bücher schreibt, die nicht gelesen werden. Sie stand zwar einst kurz vor dem Durchbruch mit einem Bestseller aber seither kriegt sie nichts mehr aufs Papier, was sich verkaufen lässt gemäss ihrer Verlegerin. Als sie feststellt, dass es einen Markt für Briefe von verstorbenen Autoren gibt, die einen Einblick in deren Persönlichkeit zeigen, scheint eine Lösung für ihr Geldproblem in Sicht. Warum nicht einfach Briefe mit einer alten Schreibmaschine fälschen und als Original verkaufen? Gesagt getan. Dabei hilft ihr ein Freund, den sie in einer Bar näher kennenlernt, den schwulen Jack Hock, gespielt von Richard E. Grant. Vom Typ her ähnelt er ein wenig seinem britischen Landsmann Bill Nighy.
    Jack ist ein richtiger Katastrophen-Junkie, der sein Leben alles andere als im Griff hat. Und zuverlässig ist er auch nicht wirklich. Da ist es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis das Brief-Projekt mit Lee Israel entlarvt wird.
    Die komplizierte Beziehung der Beiden erinnert auch in den Dialogen ein wenig an as Good as it gets mit Jack Nicholson und Helen Hunt. Der ist zwar noch ne Ecke besser, aber Can you ever forgive me muss sich nicht dahinter verstecken. McCarthy sollte sich wirklich auf solche Rollen fokussieren oder zumindest sich von den peinlichen Komödien verabschieden. Grant ist aber auch ein grandioser Gegenpart. Die Chemie zwischen den Beiden stimmt.
    Da der Film im deutschsprachigen Raum nur auf DVD erschienen ist, wars mir grad recht, dass er auf D+ in besserer Qualität verfügbar ist.

    #1748840
    ChrisKongChrisKong
    Teilnehmer

    Chip und Chap Ritter des Rechts (Disney+)

    Ich kannte die beiden noch als A-Hörnchen und B-Hörnchen. Irgendwann transformierte Disney die dann zu Chip n Chap oder im Original, Chip n Dale, was eine mehrdeutige Anspielung ist, welche auch im Film gleich zu Beginn erwähnt wird. Der Start ist sowieso ein wenig verwirrend, weil Chap im Original eben Dale heisst und bei der Erklärung hat man vermutlich nicht alles gerafft in der Synchro. Später gibts dann Anspielungen wie das unbekannte Tal (Uncanny-Valley – gemeint ist der Effekt der toten Augen bei CGI Figuren, die Menschen simulieren sollen) oder Hündin (Bitch, die englische Bezeichnung dafür). Aber der Film ist nicht nur vollgepackt mit Wortspielen, sondern jedes Bild strotzt nur so vor Referenzen, Parodien und Anspielungen.
    Der Film richtet sich an alle, die mit Chip n Chap, einer klassischen Samstag-Vormittags-Serie aufgewachsen und nun im Alter sind, um selber Kinder zu haben. Ich hatte seinerzeit sogar Hörspiele gehabt. Das NES-Spiel war mir natürlich auch bekannt. Aber es war jetzt nie meine Serie, das wäre gelogen. Da war ich eher bei Ducktales zuhause. Hier sind aber auch weniger die Kenntnisse der Serie vonnöten. Das Motto des Films war, ist es gezeichnet oder animiert, dann können wir es durch den Kakao ziehen. Und das macht man in einer so hohen Schlagzahl, dass man den Film wirklich mehrfach sichten muss, um alles mitzukriegen.
    Dabei spielt der Film auch durchaus mit den Erwartungen der Zuschauer. Das ist durchs Band humorvoll gestaltet und eine Riesen-Gaudi. Dabei werden unterschiedliche Animationsstile, RL-Szenen und dgl. kombiniert. Der Knet-Kommissar bewegt sich im Stop-Motion-Stil, die gezeichneten Figuren im typischen Disney-Film-Flow.
    Allzu viel möchte ich nicht verraten, da das Entdecken der ganzen Sachen ja einen grossen Teil des Spasses ausmacht. Meine Lieblingsstellen waren die mit einem bestimmten ungeliebten Maskottchen. Und der eine Handlanger mit seinem unverkennbaren Blick.
    Für mich mit einigem Abstand der beste Animationsfilm aus dem Hause Disney seit einer Weile.

    #1748933
    ChrisKongChrisKong
    Teilnehmer

    Memory – Sein letzter Auftrag

    Was wie ein üblicher Liam Neeson Ein-Mann-Armee-Actionfilm anmutet, ist das Remake eines belgischen Films, welcher auf einem Roman basiert. De Zaak Alzheimer, was übersetzt der Alzheimer-Fall heisst. So wirklich passend für den Film finde ich den Titel weder im Original noch in der deutschen Variante. Martin Campbell, der schon zwei Bond-Reihen erfolgreich gestartet hat mit Golden Eye (Brosnan-Ära) und Casino Royale (Craig-Ära), ist Regisseur im vorliegenden “Alzheimer-Fall”. Nach Casino Royale gabs eine Durststrecke, später nochmals nach dem missglückten Green Lantern. Danach kamen eher kleine Actioner, die mit etwas politischem Background versehen wurden.
    Hier bildet der Menschenhandel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze das Korsett des Streifens. Ein alternder Killer (Neeson), der zusehends an Blackouts leidet, soll einen letzten Auftrag erledigen. Dabei hat er einen gewissen Kodex, an den er sich hält. Natürlich ist dieser letzte Auftrag einer, der ihn in eine Zwickmühle bringt.
    Auf der anderen Seite haben wir einen Cop, gespielt von Guy Pearce, der in Kooperation mit der mexikanischen Polizei grenzübergreifenden Fällen von Menschenhandel nachgeht.
    Dabei gerät der Killer Lewis ins Fadenkreuz, obwohl er nicht für alle Morde, die zueinander in Verbindung gebracht werden, verantwortlich ist.
    Das ist alles recht spannend umgesetzt und erhält durch das Thema noch einen etwas ernsteren Background, auf den man nicht genug aufmerksam machen kann. The Counselour von Ridley Scott streifte das Thema auch ein wenig. Eindringlichere Filme zu dem Thema sind aber Human Trafficking mit Kevin Kline und Paradies der Mörder von Carlos Carrera, der das Thema schonungslos aufbereitet und einen eher verstört zurücklässt.
    Memory ist da schon mehr dem klassischen Hollywood-Actionthriller entsprechend. Dass man abwechselnd beide Seiten sieht, lockert die Handlung auf. Am Ende erfährt der Zuschauer etwas Genugtuung, wie wir das schon in Departed gesehen haben. Man wollte den Zuschauer wohl nicht mit einem allzu bitteren Ende frustrieren.
    Campbell zieht im Rahmen des Möglichen seine Register, bleibt dabei eher geerdet in der Action. Anschlussfehler in der Handlung konnte ich in dem Sinn nicht ausmachen, aber oft ist diese auch zu gefällig und etwas konstruiert. Die Darsteller sind ein grosses Plus und überzeugen in ihren Rollen. Wie sinnig es ist, brisantes Material nur auf einem USB-Stick zu speichern und dann irgendwo zu verstecken, damit man die Erinnerungslücken mal ausspielen kann, muss jeder für sich entscheiden. Spannend wars trotzdem, Campbells Retour-Ticket zu grösseren Produktionen scheint das aber wohl nicht zu sein. Vielleicht darf er ja den nächsten Bond drehen? Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich nicht entwickelt hätte von Golden Eye zu Casino Royale hinsichtlich Inszenierung.

    #1748936
    Bort1978Bort1978
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    Dauert zwar noch etwas, aber das dürfte genial werden:

    #1748966
    ChrisKongChrisKong
    Teilnehmer

    Hoffen wirs mal. Ich bin da etwas skeptisch. Ursprünglich sollte ja mal ein X-Force Film kommen, der gecancelt wurde. Vermutlich war man bei Disney der Ansicht, dass man mit Deadpool mehr Geld macht. Wenns ein Buddy Movie werden soll, danach siehts irgendwie aus, wäre Shane Black der perfekte Autor gewesen. Ryan Reynolds hat immer wieder gute Ideen, aber durchgehend liefert weder Deadpool 1 noch 2 ab. Fand die zum Teil massiv überbewertet. Vieles, was die Filme parodieren, sind sie dann letztlich selbst.

    #1749045
    captain carotcaptain carot
    Teilnehmer

    The Grudge

    Tja, irgendwie war mir nach solidem Horror und The Grudge hatte ich tatsächlich noch nie gesehen. Auch wenn ich glaube, dass ich irgendeinen Ju-On mal gesehen hab. So wirklich ernsthaft was verkehrt macht der Film dabei auch nicht, die achronologische Erzählweise ist ganz nett und im Prinzip ist hier alles mindestens solide.

    Nur macht der Film auch nix wirklich neu. Die ganzen Expats wirken unterm Strich irgendwie auch leicht deplatziert. Kann man sich zwar durchaus mal geben, aber es gibt mehr als genug bessere Horrorfilme.

    Barbara
    Tja, deutsche Filme sind oft so eine Sache. Gerade wenn sie zu sehr versuchen, wie die internationale Konkurrenz zu sein. Und das ist hier eben nicht der Fall. Barbara ist noch relativ junge Kinderärztin, die einen Ausreiseantrag gestellt und deswegen von dr Charité in ein Provinzkrankenhaus an der Ostsee versetzt wurde und nun auch von Stasi Mitarbeitern gegängelt wird. Das ganze wurde von Christian Petzold inszeniert, basiert eigentlich auf einer Vorlage aus den Zwanzigern, funktioniert vor dem DDR Hintergrund aber bestens. Auch wenn es hier ein paar Unstimmigkeiten gibt, das Gesamtpaket funktioniert doch ziemlich gut.

    #1749093
    DGSDGS
    Teilnehmer

    Athena

    Die vielen, langen Kamerafahrten nutzen sich ab, aber die sehr guten Darsteller und die perfekt eingefangene Atmosphäre einer Banlieue im Ausnahmezustand konnten mich über die gesamte Spielzeit an den Bildschirm fesseln. Den Film hätte ich gern in einem Kino gesehen. Seit Langem wieder einmal eine Netflix Produktionen, die ich empfehlen kann.

    #1749103
    ChrisKongChrisKong
    Teilnehmer

    The Favourite (Disney+)

    Der stand schon lange auf meiner Watchlist. Zusammen mit anderen Filmen von Giorgos Lanthimos, ein paar davon warten schon länger in der Sammlung auf eine Sichtung.
    Vielleicht ist das Thema für ein breiteres Publikum äusserlich nicht attraktiv genug? Historiendramen und Kostümschinken gibt es mehr als genug. Sicher ist nur, dass der Film in Grossbritannien und Europa Preise abgeräumt hat, in den USA aber vergleichsweise leer ausging. Ich hab den Oscar-Gewinner des Original Drehbuchs, the Green Book, gesehen und mit Verlaub, der hat nicht mal ansatzweise diese Qualitäten, die the Favourite offenbart. Wenn man ein Faible für das Filmhandwerk hat oder geschliffene Dialoge geniessen will, ist dieser Film fast schon ein Muss. Lanthimos arbeitet die Nuancen in bester Art und Weise aus. Kaum eine Szene kommt ohne eine unterschwellige Botschaft aus. Gesten, Blicke, Kleidung, Musik, hier wird so viel kommuniziert, dass man wirklich konzentriert dabeibleiben muss, um Wesentliches nicht zu verpassen. Und trotzdem bleibt der Film stets leichtfüssig und nicht anstrengend.
    Die Handlung konzentriert sich auf drei Frauen, die alle in einer speziellen Beziehung und Abhängigkeit zueinanderstehen. Der Film bevorzugt keine der Damen, zeigt wohl ihre Stärken als auch ihre Schwächen. Manchmal sind es nur kleine Schritte, die eine Situation kurz vor der Eskalation stehen lassen. Wenn es den Begriff toxische Weiblichkeit nicht gibt, dann muss er für diesen Film erfunden werden. Es kommt immer wieder zu Konflikten, bei denen mit dem nötigen Konsenswillen, die Frauen deutlich Oberwasser hätten. Im Grunde zeigt der Film sehr schön, dass wir es hier nicht mit Opfern der Männerwelt zu tun haben, sondern sich die Frauen selber Knüppel zwischen die Beine werfen. Sie stürzen sich gegenseitig ins Unglück und missgönnen einander ihre Positionen.
    Vielleicht mag man einwerfen, dass die Emanzipation der Frauen hier im historischen Kontext etwas unglaubwürdig erscheinen mag, aber der Film zielt keineswegs darauf ab, historische Akkuratesse im eigentlichen Sinn zu schaffen. Er streut sogar bewusst moderne Elemente ein, z.B. den Tanz bei Hofe. Die gezeigte Dekadenz ist sowieso nicht zeitlich historisch begrenzt. Insofern kann durchaus ein modernes wie auch ein vergangenes Sittenbild daraus abgeleitet werden.
    Zu den drei Frauen, die alle grossartig dargestellt sind. Hier ist es eigentlich schon eine Beleidigung von Supporting Actress zu sprechen. Ich finde auch nicht, dass Olivia Colman speziell heraussticht gegenüber Stone und Weisz. Sie agieren allesamt brillant. Hier sind eindeutig die Männer die Nebenfiguren. Eine spezielle Funktion kommt dabei Nicholas Hoults Figur Robert Harley zu. Dessen Intrigen das politische Wirken der Queen in die gewünschte Richtung lenken sollen. Er nutzt den Ehrgeiz der gefallenen Abigail Masham (Emma Stone), die sich langsam hochdient. Sie ist die Cousine von Sarah Churchill (Weisz), der Countess von Marlborough, die den Hofstaat faktisch leitet. Sie übt enormen Einfluss auf Queen Anne (Colman) aus und setzt ihre Kriegsstrategien durch. Die Queen wiederum gibt sich oft sehr unbedarft, aber wie sie die beiden Rivalinnen ausspielen muss, weiss sie genau. Das führt zu Beginn zu reichlich Wortgefechten und Machtspielchen, um die Gunst der Königin zu erlangen, eskaliert dann zusehends in physische Gewalt.
    Am Ende hat jede der drei Figuren verloren. Liebe, Status, Einfluss, was sich jede der drei Frauen gewünscht hat, wird hinfällig. Wir erleben quasi die Emanzipation in Agonie.
    Lanthimos entlässt uns mit einem starken Schlussbild und mit dem Gefühl einem aussergewöhnlichen Filmerlebnis beigewohnt zu haben.
    Dem Film ging eine recht lange Entwicklungszeit voraus, die Hauptautorin Deborah Davis hat sich viel Zeit gelassen mit dem Schreiben des Drehbuchs, das dann von McNamara noch weiter verfeinert wurde. Hier wurde wirklich auf jeder Ebene ganze Arbeit geleistet. Grosses Kino.

    #1749151
    ghostdog83ghostdog83
    Teilnehmer

    [postquote quote=1749093][/postquote]

    Wie hast du das Ende empfunden mit dem Verbrennen der Uniformen? Anhand des Tattoos lässt sich das im Grunde so auslegen, dass der Polizist recht hatte und das es darum ging, die eine Gruppe gegen die andere aufzuhetzen, um damit die eigene Agenda zu stärken.

    Was man kritisch sehen kann, das die behandelten Themen nicht vertieft werden (Zustand der französischen Gesellschaft: Polizeigewalt, Rassismus, Unzufriedenheit der eingewanderten Unterschicht), sondern vielmehr als Aufhänger für die temporeiche, bildgewaltige Inszenierung dienen, die dem Regisseur mehr zu interessieren scheinen. Hinzukommt der Umgang mit den Medien, die wiederholt als Fake News bezeichnet werden.

    Als visuelles Spektakel mit durchweg großartigen Schauspielleistungen und ohne jede Langeweile funktioniert der Film sehr gut.

    #1749153
    ghostdog83ghostdog83
    Teilnehmer

    Filmtipp – am besten nichts darüber lesen oder schauen:

    Hatching (2022, Finnland)

    Wer dennoch einen Blick riskieren möchte:

    #1749162
    DGSDGS
    Teilnehmer

    [quote quote=1749151]Wie hast du das Ende empfunden mit dem Verbrennen der Uniformen? Anhand des Tattoos lässt sich das im Grunde so auslegen, dass der Polizist recht hatte und das es darum ging, die eine Gruppe gegen die andere aufzuhetzen, um damit die eigene Agenda zu stärken.

    Was man kritisch sehen kann, das die behandelten Themen nicht vertieft werden (Zustand der französischen Gesellschaft: Polizeigewalt, Rassismus, Unzufriedenheit der eingewanderten Unterschicht), sondern vielmehr als Aufhänger für die temporeiche, bildgewaltige Inszenierung dienen, die dem Regisseur mehr zu interessieren scheinen. Hinzukommt der Umgang mit den Medien, die wiederholt als Fake News bezeichnet werden.

    Als visuelles Spektakel mit durchweg großartigen Schauspielleistungen und ohne jede Langeweile funktioniert der Film sehr gut.[/quote]

    Wer die Tat begangen hat, ist mMn irrelevant. Deshalb hätte man sich die letzte Szene sparen können. In dem Film werden die Verlierer des Systems gezeigt. Die vertriebenen Bewohner der Banlieue, die Kids, die gegen die Ungerechtigkeit ankämpfen, die uniformierten Truppen, die für den Erhalt des Systems Prügel austeilen (und einstecken). Ich finde, dass es hier nicht eine Moral der Geschichte braucht á la Hollywood. Aber ja, es ist definitiv mehr Bestandsaufnahme, als kritischer Beitrag.

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